Quelle
„Deutscher Frauensport marschiert!“ (1927)
Dr. Bergmann hat mit seinem glücklich gelungenen Frauensportfest des „Sportclub Charlottenburg“ einer Bewegung mächtig auf die Beine geholfen, die leider noch von vielen Seiten bekämpft wird. Wie bei allem Neuen, so entstehen auch hier einer guten Sache Gegner, die zwar von der Wirklichkeit überrannt werden, die aber vorübergehend stören.
Der deutsche Frauensport marschiert. Ganz selbstverständlich werden die jungen Frauen und Mädchen auch Wettkämpfe austragen, weil solche zum Sport gehören und der körperlichen Tätigkeit erst den erforderlichen Reiz verleihen. Die Führer innerhalb der Deutschen Sportbehörde für Leichtathletik, natürlich auch die der Deutschen Turnerschaft, wie diejenigen des Hochschulsports werden gewiß den Wettkampfbetrieb auf einer Stufe halten, die beste gesundheitliche Auswertung verbürgt.
Was sagen die Gegner des Frauensports? Sie behaupten, dem Körper- und Nervensystem wird Schaden zugefügt. Die Knochen und Gelenke sind zarter wie beim Mann und können nicht die gleichen Anstrengungen aushalten. Der Sport vermännlicht, er nimmt der Frau Schönheit und Grazie. Der Charakter wird verdorben, die Eifersucht gegen Bessere wird geweckt.
Mögen solche Meinungen selbst von Wissenschaftlern und Frauenärzten kommen, sie bedeuten nichts, weil zehnfach mehr Urteile von Autoritäten gegenüberstehen und weil die Praxis längst durch die Ergebnisse ein anderes lehrt.
Die meisten jungen Mädchen stecken im Erwerbsleben, und acht- bis zehnstündige sitzende Büro- oder anstrengende Fabriktätigkeit zügiger Art mit der unvermeidlichen Verkrampfung des gesamten Körpers, Belastung der Organe, Daueranspannung der Nerven sind ganz andere Zumutungen, wie die gesuchte dosierte, kämpferische Betätigung in der leichten Athletik.
Was heute die Gegner des Frauensports vorbringen, ist vor Jahrzehnten schon vom Sport der Männer gesagt worden. Man denke an die schreckliche Angst vor dem Sportherz. Noch im Krieg hat ein Arzt die Männer vor Läufen von mehr als 200 Metern gewarnt. Armer Theoretiker, hast du dich geirrt.
Es wird vielfach übersehen, daß heute aller Sportbetrieb unter der Kontrolle von Fachleuten, oft sogar Sportärzten, abläuft. Vom Ärztebund für Leibesübungen wird es gewiß niemand unternehmen, den Frauensport zu verurteilen. Führende Sportärzte aber saßen auf der Tribüne beim großen Frauensportfest mit strahlender Miene über den erfreulichen Aufschwung der schönen guten Sache.
Über den gesundheitlichen Wert der Leichtathletik für die Frau ist in den Kreisen der fortschrittlichen Sportvereine längst das Urteil gesprochen. Diese Sportbewegung wird weiteren Boden gewinnen.
Zu behaupten, daß der Frauensport vermännlicht, ist absurd. Solche Meinungen kommen vom grünen Tisch oder von bebrillten Tanten. Das Gegenteil ist der Fall. Die harte Berufsarbeit vermännlicht. Die Frau treibt ihren Sport, um die Verkrampfung zu lösen und um weiblich, graziös zu bleiben. Lauf, Sprung und Wurf, Tennis, Golf, Bogenschießen, diese Spiele, welche heute von der Deutschen Sportbehörde zur Athletik gezählt werden, sind die denkbar beste Bewegungsgymnastik, welche Muskeln, Organe und Nerven der Frau wirksam erfaßt, geschmeidig macht und die Konturen der Harmonie über den ganzen Menschen legt.
Bestimmt werden die Frauen durch den Sport schön. Schönheit ist ein dehnbarer Begriff. Tanzfräuleins, die heute die Lokale bevölkern, und Kaffeeschwestern, die aus überlebter Tradition die kostbaren Nachmittage hinter Teetöpfen verbringen, werden von den Sportmädels an Schönheit bestimmt überflügelt, allein schon durch strotzende Gesundheit und wetterfarbene Haut.
Die deutsche Frau soll Sport treiben, soll den Kampf kennen lernen, soll sich ein Urteil über die zeitgemäßen Notwendigkeiten des Lebens verschaffen, damit sie dem Mann der neuen Zeit ein guter Kamerad werde. Damit sie an sich erfährt und erlebt, wie sie ihre Söhne erziehen muß zu deutschen Männern, die dem verarmten Land die bessere Zukunft bringen. Frauen mit blasser Haut hinter Kaffeekannen vermögen das nicht.
Quelle: „Deutscher Frauensport marschiert!“, Sport und Sonne, Nr. 8, August 1927.