Kurzbeschreibung

Dieser Artikel, der in der offiziellen Publikation des Deutschen Leichtathletik-Verbandes erschien, begann mit einer Lobeshymne auf die wachsende Zahl von Frauen, die in der Leichtathletik an Wettkämpfen teilnahmen. Der Artikel konzentrierte sich vor allem darauf, die hartnäckigen Mythen und Fehlinformationen zu widerlegen, die in den 1920er Jahren noch immer über den Frauensport kursierten, trotz des Erfolgs von Veranstaltungen wie dem Frauensportfest, das der renommierte Berliner Sportverein Charlottenburg kurz zuvor ausgerichtet hatte.

Kritiker des weiblichen Leistungssports hatten lange Zeit vor allem die Leichtathletik ins Visier genommen, weil sie angeblich die Gelenke und das Nervensystem der Frauen schädigte. Die Gegner behaupteten außerdem, dass starke körperliche Betätigung den Körper und die Psyche von Frauen „vermännliche“, sie weniger attraktiv und zudem neidisch auf die Erfolge anderer mache. Die Hauptsorge dieser Kritiker bestand jedoch darin, dass die Sportlerinnen ihre körperlichen Fähigkeiten und ihren emotionalen Kinderwunsch gefährdeten, und das zu einer Zeit, in der sich die Behörden zunehmend Sorgen um die deutsche Bevölkerungszahl machten, die sie als wichtigen Gradmesser für die nationale Stärke ansahen.

Mit den Unterschriften vieler deutscher Spitzensportlerinnen und einem Panoramafoto von ihnen erhielt das zweiseitige Layout den Charakter einer Petition oder eines Manifests. Zu den Unterzeichnerinnen gehörten Lina Batschauer, die 1928 bei den Olympischen Spielen in Amsterdam die Goldmedaille im ersten olympischen Wettbewerb für Frauen über 800 Meter gewann, sowie die Zwillingsschwestern Ilse und Rose Drieling, die eine Hälfte einer 4x100-Meter-Staffel bildeten, die 1927 einen deutschen Rekord aufstellte, der später als Weltrekord in dieser Disziplin anerkannt wurde. Er hatte jedoch nur kurze Zeit Bestand, bevor eine andere deutsche Frauenstaffel, zu der auch eine weitere Unterzeichnerin dieses Artikels gehörte, ihn brach. Der Internationale Frauensportverband hatte Deutschland 1926 gerade erst aufgenommen, und die Athletinnen des Landes gehörten bereits zu den erfolgreichsten in diesem Sport.

„Deutscher Frauensport marschiert!“ (1927)

Quelle

„Deutscher Frauensport marschiert!“ (1927)

Dr. Bergmann hat mit seinem glücklich gelungenen Frauensportfest des „Sportclub Charlottenburg“ einer Bewegung mächtig auf die Beine geholfen, die leider noch von vielen Seiten bekämpft wird. Wie bei allem Neuen, so entstehen auch hier einer guten Sache Gegner, die zwar von der Wirklichkeit überrannt werden, die aber vorübergehend stören.

Der deutsche Frauensport marschiert. Ganz selbstverständlich werden die jungen Frauen und Mädchen auch Wettkämpfe austragen, weil solche zum Sport gehören und der körperlichen Tätigkeit erst den erforderlichen Reiz verleihen. Die Führer innerhalb der Deutschen Sportbehörde für Leichtathletik, natürlich auch die der Deutschen Turnerschaft, wie diejenigen des Hochschulsports werden gewiß den Wettkampfbetrieb auf einer Stufe halten, die beste gesundheitliche Auswertung verbürgt.

Was sagen die Gegner des Frauensports? Sie behaupten, dem Körper- und Nervensystem wird Schaden zugefügt. Die Knochen und Gelenke sind zarter wie beim Mann und können nicht die gleichen Anstrengungen aushalten. Der Sport vermännlicht, er nimmt der Frau Schönheit und Grazie. Der Charakter wird verdorben, die Eifersucht gegen Bessere wird geweckt.

Mögen solche Meinungen selbst von Wissenschaftlern und Frauenärzten kommen, sie bedeuten nichts, weil zehnfach mehr Urteile von Autoritäten gegenüberstehen und weil die Praxis längst durch die Ergebnisse ein anderes lehrt.

Die meisten jungen Mädchen stecken im Erwerbsleben, und acht- bis zehnstündige sitzende Büro- oder anstrengende Fabriktätigkeit zügiger Art mit der unvermeidlichen Verkrampfung des gesamten Körpers, Belastung der Organe, Daueranspannung der Nerven sind ganz andere Zumutungen, wie die gesuchte dosierte, kämpferische Betätigung in der leichten Athletik.

Was heute die Gegner des Frauensports vorbringen, ist vor Jahrzehnten schon vom Sport der Männer gesagt worden. Man denke an die schreckliche Angst vor dem Sportherz. Noch im Krieg hat ein Arzt die Männer vor Läufen von mehr als 200 Metern gewarnt. Armer Theoretiker, hast du dich geirrt.

Es wird vielfach übersehen, daß heute aller Sportbetrieb unter der Kontrolle von Fachleuten, oft sogar Sportärzten, abläuft. Vom Ärztebund für Leibesübungen wird es gewiß niemand unternehmen, den Frauensport zu verurteilen. Führende Sportärzte aber saßen auf der Tribüne beim großen Frauensportfest mit strahlender Miene über den erfreulichen Aufschwung der schönen guten Sache.

Über den gesundheitlichen Wert der Leichtathletik für die Frau ist in den Kreisen der fortschrittlichen Sportvereine längst das Urteil gesprochen. Diese Sportbewegung wird weiteren Boden gewinnen.

Zu behaupten, daß der Frauensport vermännlicht, ist absurd. Solche Meinungen kommen vom grünen Tisch oder von bebrillten Tanten. Das Gegenteil ist der Fall. Die harte Berufsarbeit vermännlicht. Die Frau treibt ihren Sport, um die Verkrampfung zu lösen und um weiblich, graziös zu bleiben. Lauf, Sprung und Wurf, Tennis, Golf, Bogenschießen, diese Spiele, welche heute von der Deutschen Sportbehörde zur Athletik gezählt werden, sind die denkbar beste Bewegungsgymnastik, welche Muskeln, Organe und Nerven der Frau wirksam erfaßt, geschmeidig macht und die Konturen der Harmonie über den ganzen Menschen legt.

Bestimmt werden die Frauen durch den Sport schön. Schönheit ist ein dehnbarer Begriff. Tanzfräuleins, die heute die Lokale bevölkern, und Kaffeeschwestern, die aus überlebter Tradition die kostbaren Nachmittage hinter Teetöpfen verbringen, werden von den Sportmädels an Schönheit bestimmt überflügelt, allein schon durch strotzende Gesundheit und wetterfarbene Haut.

Die deutsche Frau soll Sport treiben, soll den Kampf kennen lernen, soll sich ein Urteil über die zeitgemäßen Notwendigkeiten des Lebens verschaffen, damit sie dem Mann der neuen Zeit ein guter Kamerad werde. Damit sie an sich erfährt und erlebt, wie sie ihre Söhne erziehen muß zu deutschen Männern, die dem verarmten Land die bessere Zukunft bringen. Frauen mit blasser Haut hinter Kaffeekannen vermögen das nicht.

Quelle: „Deutscher Frauensport marschiert!“, Sport und Sonne, Nr. 8, August 1927.