Quelle
Jazz ist: das amüsanteste und lebendigste Phänomen der musikalischen Gegenwart. Und darüber hinaus: die einzige musikalische Massenbewegung. Nicht nur in Amerika, sondern überall. Das mag von denen, die grundsätzlich dagegen eingestellt sind, bedauert werden, aber zu leugnen ist es nicht.
Was jetzt geschaffen wird und lebendig ist, gehört häufig einer neuen Kategorie an. Es ist mit den bisherigen Maßstäben nicht ohne weiteres meßbar. So ist es beim Film und so beim Jazz. (Kein Zufall, daß man beides zusammen nennen muß.) Dabei kehrt immer die Frage wieder: ob denn das Kunst sei oder jemals zur Kunst führen könne. Antwort: es läßt sich entweder überhaupt nicht entscheiden oder zum mindesten nicht gleich. Es ist vielmehr das Allerletzte, was darüber gesagt werden kann. Muß wiederholt werden, daß die in Europa so häufig geübte Methode schädlich ist, jeder Erscheinung erst einmal die Pistole auf die Brust zu setzen mit der Anfrage nach dem Endzweck und der Prüfung, ob sie als Kunst registrierbar sein! […]
Whiteman hat einmal geschrieben, der Jazz sei: Henry Ford und der Ku-Klux-Klan und die Wolkenkratzer und die Prohibition und Babitt – die ganze amerikanische Wirklichkeit von heute. Er ist mehr: ein Stück Gegenwart aus allen Ländern, und vielleicht das am meisten charakteristische. Der Jazz, erfüllt mit den jugendlichen Energien Amerikas, ist der prägnante Ausdruck eines veränderten, untragischen Lebensgefühls, und was er singt, ist ein anderes „Lied von der Erde“ – das Lied einer neuen Generation.
Quelle: Frank Warschauer, „Jazz. Zu Whitemans Berliner Konzerten“, Vossische Zeitung (19. Juni 1926), Nr. 141.