Kurzbeschreibung

In diesem Ausschnitt aus einer Wochenschau vom Februar 1932 verliest der renommierte deutsche Dramatiker und Schriftsteller Gerhart Hauptmann (1862–1946) eine Erklärung, bevor er in Bremerhaven an Bord eines Passagierschiffs geht, um eine Vortragsreise in die Vereinigten Staaten anzutreten. Hauptmann, der als inoffizieller Vertreter der deutschen Literaturwelt fungierte, wollte seine Reise nutzen, um den hundertsten Todestag von Johann Wolfgang von Goethe zu würdigen und die kulturellen Beziehungen zu einem der wichtigsten internationalen Partner Deutschlands zu festigen. Während seines Aufenthalts in den USA traf Hauptmann mit Präsident Herbert Hoover und der Schriftstellerin und Aktivistin Helen Keller zusammen, erhielt die Ehrendoktorwürde der Columbia University und hielt Vorträge an den Universitäten Harvard, Johns Hopkins und George Washington. Mit seinem Verweis auf Goethes Schriften als Geschenk Deutschlands an die Welt unterstrich er den Ruf der Nation als „Land der Dichter und Denker“ – ein friedliches und hochkultiviertes Image für ein Land, das nach dem Ersten Weltkrieg hart daran gearbeitet hatte, sein internationales Ansehen wiederherzustellen. Hauptmann war ein durchaus passender Botschafter hierfür. 1912 erhielt er den Nobelpreis für Literatur in Anerkennung seines Realismus, seiner Verwendung der deutschen Umgangssprache und seiner ungeschönten Darstellung von Menschen am Rande der Gesellschaft. Nur ein Jahr nach dieser Reise übernahm die NSDAP jedoch die Macht, und Hauptmann entschied sich, in Deutschland zu bleiben, womöglich aufgrund seines hohen Alters und seiner Verbundenheit mit seiner Heimat Schlesien. Später trat er der Reichstheaterkammer bei, einer Theaterorganisation unter der Aufsicht von Propagandaminister Joseph Goebbels, wofür er nach 1945 kritisiert wurde.

Gerhart Hauptmann über seine Vortragsreise durch die USA (1932)

Quelle

Sprecher: In Begleitung seiner Frau und seines Sohnes: Gerhard Hauptmann.

Hauptmann: Ich stehe im Dienst einer geistigen Mission an die Vereinigten Staaten von Nordamerika, eingeladen vom Präsidenten Butler der Columbia-Universität in New York, willkommen geheißen an der Harvard-Universität in Boston, Cambridge sowie in Baltimore und Washington. Ich werde dort von Johann Wolfgang Goethe reden, dessen Werk ein Weltvermächtnis ist, freilich  auch ein Geschenk Deutschlands an die Welt. Für dieses Deutschland und seine unverlierbare geistige Schöpfungskraft werde ich Zeugnis ablegen. Hiermit sage ich an Bord der Europa, einem Weltwunder, meinem Vaterland Lebewohl und auf Wiedersehen. Deutschland ist jung, wenn es sich für jung erklärt und wenn es seine berechtigten Hoffnungen über seine Befürchtungen stellt. Ich glaube an Deutschlands ewige Jugend.

Quelle: Deuligtonwoche Nr. 8 (Ausschnitt), Deulig-Film AG, 1932. Bundesarchiv Filmarchiv Filmwerk ID: 626474, https://digitaler-lesesaal.bundesarchiv.de/video/626474/665603

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