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Unter anderem ein Wort für deutsche Tradition
... sicher leben wir in einer Übergangszeit. Alle Begriffe sind allmählich zweifelhaft geworden und ins Wanken geraten, und Abendröte fällt auf einen überalterten Liberalismus. Man weiß mit der seit 1793 datierten „Freiheit“ zur Zeit nichts mehr anzufangen. Überall Umorientierung und entschiedene Reaktion auf das, was vorgestern noch allgemein gültig.
Rechts und links scheiden sich immer klarer zum Endkampf um die Macht. Beiden gemeinsam der Wille, in Massen Befehle von oben zu empfangen, und „Hände an die Hosennaht“ zu gehorchen.
Wie schnell das geht! Nach dem Kriege — glaubte ich — kein Mensch würde mehr an Uniform, Strammstehen und so denken.
Wie dem auch sei, ich halte Deutschland jetzt für das interessanteste und auch rätselhafteste Land in Europa. Ich habe die Empfindung, als sei unser Land vom Schicksal zu einer großen Rolle berufen. Mir ist oft, als lebten wir in einer Epoche ähnlich jener des zu Ende gehenden Mittelalters. Da lag auch ein starker Druck auf allen, und trotzdem befruchtete diese schreckensvolle Zeit ihre Künstler, und Bosch und Breughel malten ihre einzig in der Geschichte der Malerei dastehenden Kosmogonien.
Vielleicht haben wir ein solches neues Mittelalter vor uns. Wer weiß? Jedenfalls scheinen mir die humanistischen Ideen im Absterben, ebenso legt man auf die vor einem Jahrhundert so ekstatisch verkündeten Menschenrechte keinen allzu großen Wert mehr. Eher geht mit der fortschreitenden Zivilisation an allen Fronten eine gesunde Verachtung des Menschenlebens vor sich. Scheinbar reimt sich das mit dem bei uns im weitesten Maße angewandten und auch praktisch ausgeübten Sozialismus kaum zusammen. Und doch ist es so.
Die Masse und der kleine Mann ist Trumpf. Oben sitzen ja sehr häufig seinesgleichen, ehemalige Arbeiter; dem Mann unten das Wunder des Aufstiegs bezeugend. Reinster Materialismus herrscht. Arbeit, Arbeit, Arbeit .. das A und O des Betriebes. Traum, romantisch dargereicht und tausendmal propagiert: Leben mit Komfort, Badewanne, Sport, ein Serienwagen, wenn’s hoch kommt Weekend mit Cocktail und Schönheitskönigin.
Amerika hat’s vorgemacht, wir kommen — durch Krieg etwas zurück — bei natürlicher Anlage langsam, aber sicher nach. Auch im marxistischen Rußland ist Amerika Vorbild und heißersehntes Ziel. Ziel heißt: Rationalistische Ausnützung aller Rohstoffquellen, um damit Komfort für den kleinen Mann zu schaffen auf Basis der maschinellen Massenproduktion.
Vorbedingung der Kultur, Hebung des Standards, Essen, Sport, Kleidung, kein Unbeschäftigter mehr ... die Kultur kommt dann von alleine ... aus der arbeitenden Klasse heraus. So sagen die offiziellen Theoretiker. Amerika zeigt zwar ein anderes Bild, aber immerhin.
Ich glaube nicht so recht an die offiziellen Gelehrten, die mit Wirtschaftsstatistiken und Tabellen ja alles be- und gegenbeweisen können. Eins ist richtig, heute mangelt es an Ordnung und Plan.
Hunderttausende, die arbeiten möchten, finden keine Beschäftigung. Mit jeder neuen Maschine werden wieder soundsoviele von der Arbeit pensioniert. Auch den selbstgefälligsten Kapitalisten wird’s schon zu dumm, und sie zerbrechen sich ihre dickhalsigen Köpfe, wie man dem Übel beikommt. Diktaturgerede geht um. Werden sie aber damit der Maschine, die ja bis ins Endlose gefräßig ist, Herr werden? Ich zweifle bescheiden. Munter werden nach wie vor Bedürfnisse gezüchtet, nur damit das Biest nicht stillsteht. Denn das wäre der Tod der Produktion und der Prosperity. Unmöglich das auszudenken ... daß morgen keine Wälder mehr in Holzpapier verwandelt werden, unmöglich, sich eine Zivilisation ohne kunstseidene Strümpfe und Schlüpfer vorzustellen. Nein. Man muß Bedürfnisse züchten. Immer ’ran an die Massen. Komfort im Namen des Fortschritts. Hebung des Standards über alles. Durch tausend Pressekanäle wird’s uns täglich eingetrichtert. Zu leben ohne Staubsauger und Auto … ist nicht wert zu leben. Man sehe sich mal daraufhin die amerikanischen Zeitschriften an. Wahre Dokumente der hemmungslosen Zivilisation. Dreiviertel Inserate, immer neue Bedürfnisse. Mittendrin ein bißchen Romantext, in denen dann wiederum leicht verschleiert auch noch zum Überdruß Propaganda für dieses zweifelhafte Komfortleben gemacht wird. Rastlos schluckt die Maschine und spuckt ... Fertigfabrikate noch und noch. Das ruht nicht eher aus, bis man den Nordpol künstlich aufgetaut und auch dort den Eskimo ans laufende Band gesperrt.
Die Großstadt, ein wahrer Wasserkopf, Kontorstadt, Umsatz- und Messeplatz. Nach Feierabend zweifelhafte Vergnügungen ... hastig, geräuschvoll ... falsch beglitzert, den tired businessman aufzupulvern für ein paar Stunden. Nur nicht denken ... Geld, Weiber, Sekt. Billiges Theater. Außerhalb ihrer nervenaufreibenden Geschäfte für nichts Ernstes mehr zu haben. Revue und die endlosen niedlich vorgekauten Kinobilder. Die Frauen, geschminkte, manikürte, hohle Attrappen, vernachlässigt, mit Gigolos in den Hotels und beim Tanztee. Welch Leben?
Krone des Lebens: die große Villa am sicheren Platz, vollgestopft mit uralten Kunstwerten als Geldanlage ... die teure Limousine und ein Stapel von Frackhemden. Schaurigster Materialismus und Langeweile.
Die Paläste der Zeit, Bürohäuser mit sieben Stocks, Warenhauskathedralen, Rundfunkpaläste, Kinotempel ... den unbekannten Götzen einer sinnlosen Maschinenproduktion geweiht.
Die Mächtigen der Erde am Gelde klebend, Umsatz, Kaufkraft des kleinen Mannes ihr Schicksal.
Die Arbeit bis ins kleinste wissenschaftlich organisiert. Was heißt da noch Handwerk. Verbilligen ... verbilligen. Ran an den Hebel. Nach ein paar Stunden begreift’s auch der Ungeübteste ... und ist beteiligt am Herstellungsprozeß. Macht von früh bis spät nun seine Schraube fest. Schneller, schneller, denn so grotesk es klingt, es gibt von all dem Pofel, den die Maschinen serienmäßig herstellen, ja noch viel zu wenig.
Wütend konkurriert und produziert man gegeneinander. Toller Wettlauf um die Märkte. Verbilligen ... Hebung der inneren Kaufkraft ... die Schlagworte. Daß all dieser Dreck von gestanztem Blech, Emaille ... Preßglas und Textilpappe zum Leben gar nicht nötig ist, fällt keinem bei.
Endlose Lohnkämpfe. Scheinbar unabwendbarer ewiger Kreislauf. Die Arbeitnehmer zusammengehalten in gewaltigen Organisationen. Gewerkschaftspäpste von unten emporgestiegen mit mehr Macht fast wie ein König früher. Pompöse Gewerkschaftspaläste in modernstem Stil, im Vestibül aufgestellt machtsymbolische Statuen ... künden von Glanz und Fortschritt. Erholungshäuser kilometerlang, und Ferienkolonien an der See. Wer hätte wohl 1830, als Dummköpfe in seherischer Anwandlung die ersten englischen Maschinen zerstörten, dies erahnt? ... nicht wahr, doch ein wirklicher Fortschritt?
So ist das um 1931 im Zeitalter des Sozialismus.
Die Künstler, abgebröckelte und liegengebliebene Krümel einer vergangenen Zeit.
Isoliert vom Volk. Die besten von ihnen in einem intellektuellen Nebelland. Nur formale Probleme, wütende Abstrakte. Gegenstand Sache der Fotografie. Formale Probleme, die der gewöhnliche Sterbliche ohne Spezialeinfühlung oder Snobismus kaum begreift. Überhandnehmen einer ebenso langweiligen Alles-und-Jedes-Fotografiererei. Die Elfenbeinturmbewohner abgedrängt und verängstigt hinter verschlossenen Türen ihr mathematisches Ich erlauschend. Reißschiene und Zirkel bereit zur Abstraktion. Absonderliche Spekulanten und Abergläubische an allen Ecken. Schwafelnde Kunsthistoriker. Neues Raumbild, neues Material nebst Magie, maschinelle Schlagworte. Manchmal mit Banner des Proletariats und so. Doch heute weniger als gestern. Konjunktur in Absonderlichkeiten. Psychoanalyse und andere Patentmedizinen müssen herhalten. Großer Abstand zwischen Kunst dieser Art (avantgarde) und Volk. Nur ein paar unbefriedigte Reiche mit Launen und schlechten Angewohnheiten haben heute eigentlich noch Interesse an den Experimenten der Künstler. Meist entpuppt sich auch diese große Liebe hinterher als platte Spekulation verkappter Kunsthändler. Welch Juste Milieu, welch Verfall der Kunst im Gegensatz zum wirklichen dunklen Mittelalter. Augen rückwärts, nicht vorwärts.
Nun, kein mittelalterlicher Künstler predigte das Lob des Fertigfabrikats, das keep smiling, Standardbegriff und Komfort kannte er nicht. Das Geldverdienen wurde nicht verherrlicht, noch besungen oder bemalt. Zirkel und Lineal führten in einer richtigen Hierarchie der Werte ein untergeordnetes Dasein.
Heute sind die besten Maler volksabgewandt. Gelegentlich kommt dann ein einfacher Mann aus dem Volke, ein Dilettant, und hat plötzlich alles, was der erlesenen intellektuellen Avantgarde fehlt: Einfachheit, Gemüt und Gefühl. Eigenschaften, die übrigens seit Henri Rousseau die eleganten Kunstsnobs und Volksfeinde für sich entdeckten und reklamieren.
Die Kunst der Zeit ist blaß. Ein Kind mit einem zu großen Kopf und einer Hornbrille. Blutarm und sehr nachdenklich ... ein richtiges Stubenkind der großen Städte. Man sieht ihm an, daß es viel spintisiert. Natur- und wirklichkeitsabgewandt, schafft es aus sich heraus exakte Kreise und mathematisch scheinende Figuren. Und nimmt all dies ungeheuer ernst. Man wird wahrhaftig staunen und schmunzeln, wenn man in späterer Zeit einmal das betrachtet, was heute den Leuten durch geschickte Propaganda und Tumbgläubige als „letzte“ Kunst aufgeredet worden ist.
Gab es da ja sogar einen gewissen Malewitsch, der (toternst meinte er’s) einmal ein Bild, das leere weiße Viereck, ausstellte. Von einem Herrn Kritiker als die „Tat der Epoche“, ebenso toternst, belobt.
Als alter „Holländer“ kann man heute gewiß nicht mehr leben. Aber man sollte auf Blättern und Tafeln in dieser glaubenslosen und materialistischen Zeit den Menschen ihre verborgene Teufelsfratze zeigen. Reißen wir doch die Stapel der Fertigfabrikate und den ganzen Fabrikpofel herunter und zeigen wir das gespenstische Nichts dahinter. Politische Erschütterungen werden uns wirksam beeinflussen. Betrachte rückwärts ruhig deine Vorfahren. Sieh sie dir an, die Multscher, Bosch, Breughel und Mäleßkircher, und den Huber und Altdorfer. Warum denn nach wie vor ins spießbürgerliche französische Mekka pilgern. Warum nicht an unsere Vorfahren anknüpfend eine „deutsche“ Tradition fortsetzen?
Unter uns gesagt, lieber doch als zweitklassig einrangiert werden, aber wenigstens ein wenig von unserer Volksgemeinschaft ausgesagt zu haben. Abgesehen hiervon interessiert gerade den Franzosen die Nachtreterei seiner drei Schulen gar nicht.
Natürlich gedeiht in Hinterpommern oder Berlin kein Matisse. Aber was macht das! Die Luft und alles ist hart, ein wenig ungemütlich und zeichnerisch. Man kriegt leicht Schnupfen und kalte Füße ... hier ist nicht der ausgeglühte beruhigte Boden des Südens.
Nun, um nicht mißverstanden zu werden, ich meine hier keineswegs ein Kunstprogramm à la Schultze-Naumburg.
Auch trete ich für einen sicherlich bald wieder fälligen Werdandibund oder „Protest deutscher Künstler“ nicht ein. ... Wenn ich „deutsch“ sage, so meine ich nicht jene niedlichen, mehr oder weniger kitsch- und gefallsüchtigen Maler, die stets ihre weiche gemütvolle oder pathetisch-dehnbare Art, die Dinge zu frisieren, als „deutsch“ ausgeben. Nebenbei gibt es ja diesen Salonmalertyp überall, wo gemalt wird.
Ich sage nur ganz bescheiden: wir sollten uns mehr auf unsere gute und nicht geringe malerische und zeichnerische Tradition besinnen. Anzuknüpfen an die Gestaltungskraft der großen mittelalterlichen Meister halte ich für genau so richtig ... wie es die Franzosen tun und sich ihre Leute und Tradition heranbilden, indem sie sich von alten Neapeler Wandfresken, von
Orientteppichen, von Ingress oder Negerplastik oder Bushmenpaintings ihre Anregungen holen.
Hugh! ich habe gesprochen.
Quelle: George Grosz, „Unter anderem ein Wort für deutsche Tradition“, Das Kunstblatt 15 (1931), S. 79–84.