Kurzbeschreibung

Am 9. November 1918, zeitgleich mit der doppelten Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann und Karl Liebknecht, verkündete Reichskanzler Max von Baden ohne Einwilligung Wilhelms II. den Thronverzicht des Kaisers. Dieser floh daraufhin in die neutralen Niederlande, wo er bis zum seinem Tod 1941 im Exil lebte, auch um einer Anklage durch die Ententemächte zu entgehen.

In seinen 1922 erschienenen Memoiren bestreitet der ehemalige Kaiser die Schuld des Deutschen Reiches am Ersten Weltkrieg, verteidigt seine politischen Entscheidungen und stellt seine Flucht als patriotischen Akt dar. In diesem Auszug aus seinen Erinnerungen greift Wilhelm das Narrativ der „Dolchstoßlegende“ auf und wiederholt die Behauptung, die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg sei nicht militärisch verschuldet gewesen, sondern von den revolutionären Bewegungen an der „Heimatfront“ herbeigeführt worden.

Kaiser Wilhelm II. über seine Abdankung (Rückblick, 1922)

Quelle

Am Morgen des 9. November ließ mir der Reichskanzler Prinz Max von Baden nochmals, wie schon am 7., mitteilen, die Sozialdemokraten, auch die sozialdemokratischen Staatssekretäre, verlangten meine Abdankung. Derselben Ansicht seien nun auch die übrigen Mitglieder der Regierung geworden, die bisher noch dagegen gewesen seien. Ebenso stehe es bei den Mehrheitsparteien im Reichstage. Er bitte mich daher, sofort abzudanken, da sonst in Berlin umfangreiche Straßenkämpfe mit Blutvergießen zu erwarten seien; im kleinen hätten solche schon begonnen.

Ich berief sofort den Feldmarschall v. Hindenburg und den Generalquartiermeister General Groener. Dieser meldete wiederum, die Armee könne nicht mehr kämpfen und wolle vor allem Ruhe, daher müsse unbedingt jeder Waffenstillstand angenommen werden. Dieser müsse sobald als möglich abgeschlossen werden, da die Armee nur noch für 6–8 Tage Verpflegung habe und durch die Aufrührer, die alle Verpflegungsmagazine und Rheinbrücken besetzt hätten, von jedem Nachschub abgeschnitten sei. Unbegreiflicherweise habe die aus Berlin nach Frankreich entsandte Waffenstillstandskommission – Erzberger, Gesandter Graf Oberndorff, General v. Winterfeldt –, die vorgestern abend die französischen Linien passierte, bisher keine Mitteilung über den Inhalt der Bedingungen in das Hauptquartier gelangen lassen.

Auch der Kronprinz mit seinem Chef Graf Schulenburg traf ein und nahm an der Beratung teil. Während unserer Besprechungen kamen mehrere telephonische Anfragen des Reichskanzlers, die stark drängten unter der Mitteilung, daß die Sozialdemokraten aus der Regierung ausgeschieden wären und daß Gefahr im Verzuge sei. Der Kriegsminister meldete: Unsicherheit bei Teilen der Truppen in Berlin; die 4. Jäger, 2. Kompagnie des Alexanderregiments, 2. Batterie Jüterbog seien zu den Aufständischen übergegangen; kein Straßenkampf.

Den Bürgerkrieg wollte ich meinem Volke ersparen. Falls meine Abdankung tatsächlich das einzige Mittel war, um Blutvergießen zu verhindern, so wollte ich der Kaiserwürde entsagen, nicht aber als König von Preußen abdanken, sondern als solcher bei meinen Truppen bleiben. Denn die militärischen Führer hatten erklärt, die Offiziere würden im Falle meiner völligen Abdankung in Massen abgehen und das Heer werde dann führerlos auf das Vaterland zurückströmen und es schädigen und gefährden.

Dem Reichskanzler war erwidert worden, mein Entschluß müsse erst reiflich erwogen und formuliert werden. Alsdann werde er dem Kanzler übermittelt werden. Als einige Zeit später diese Übermittelung stattgefunden hatte, kam die überraschende Antwort: ... mein Entschluß komme zu spät! Der Reichskanzler hatte von sich aus meine – noch gar nicht erfolgte – Abdankung sowie den Thronverzicht des überhaupt nicht befragten Kronprinzen kurzweg verkündet. Er hatte die Regierung an die Sozialdemokraten abgegeben und Herrn Ebert als Reichskanzler berufen. – Das alles war gleichzeitig auch durch Funkspruch verbreitet worden.

Die ganze Armee las es mit. So wurde mir die Entscheidung über mein Bleiben oder Gehen, über das Niederlegen der Kaiserwürde und die Beibehaltung der preußischen Königskrone kurzweg aus der Hand genommen. Die Armee wurde durch den fälschlichen Glauben, daß ihr König sie im kritischen Zeitpunkte verlassen hätte, aufs schwerste erschüttert.

Betrachtet man das Verhalten des Reichskanzlers Prinz Max von Baden im ganzen, so sieht man: Erst feierliche Erklärung, sich mit der neuen Regierung zum Schutze vor den Kaiserthron zu stellen; dann Unterdrückung der Ansprache, die in der Öffentlichkeit günstig hätte wirken können; Ausschaltung des Kaisers von jeder Mitarbeit; Preisgabe der Person des Kaisers durch Aufhebung der Zensur; kein Eintreten für die Monarchie in der Abdankungsfrage; dann Versuche, den Kaiser zur freiwilligen Abdankung zu bewegen, und schließlich Verkündigung der Abdankung durch Funkspruch über meinen Kopf hinweg. Diese ganze Entwicklung zeigt das staatsgefährliche Spiel, das Scheidemann, der den Kanzler ganz in der Hand hatte, getrieben hat. Er hat seine Ministerkollegen über seine wahren Absichten im unklaren gelassen, den Prinzen von einer Stufe zur andern getrieben unter schließlicher Berufung darauf, daß die Führer die Massen nicht mehr in der Hand hätten. So hat er den Prinzen dazu gebracht, den Kaiser, die Fürsten und das Reich preiszugeben, und ihn dadurch zum Zerstörer des Reiches gemacht. Dann stürzte Scheidemann den schwachen prinzlichen „Staatsmann“.

Die Lage nach Eintreffen des Funkspruches war schwer. Zwar waren Truppen im Abtransport nach Spa begriffen, um die ungestörte Weiterführung der Arbeit im Großen Hauptquartier zu gewährleisten. Aber die Oberste Heeresleitung war nunmehr der Auffassung, daß man nicht mehr unbedingt auf ihre Zuverlässigkeit rechnen könne, falls von Aachen und Cöln her aufrührerische Soldaten heranrücken sollten und unsere Leute dadurch vor die Frage gestellt würden, gegen eigene Kameraden kämpfen zu müssen. Daher empfahlen mir meine sämtlichen Berater, das Heer zu verlassen und einen neutralen Staat aufzusuchen, um einen solchen „Bürgerkrieg“ zu vermeiden.

Ich habe einen furchtbaren inneren Kampf durchgekämpft. Auf der einen Seite bäumte sich in mir als Soldaten alles dagegen auf, meine treugebliebenen tapferen Truppen zu verlassen. Auf der anderen Seite stand sowohl die Erklärung der Feinde, mit mir keinen für Deutschland erträglichen Frieden schließen zu wollen, wie die Behauptung meiner eigenen Regierung, daß nur durch mein Fortgehen ins Ausland der Bürgerkrieg zu vermeiden sei.

In diesem Kampfe stellte ich alles Persönliche zurück. Ich brachte bewußt meine Person und meinen Thron zum Opfer in der Meinung, dadurch den Interessen meines geliebten Vaterlandes am besten zu dienen. Das Opfer ist umsonst gewesen. Mein Fortgehen hat uns weder günstigere Waffenstillstands- und Friedensbedingungen gebracht, noch den Bürgerkrieg abzuwenden vermocht, dagegen die Zersetzung in Heer und Heimat in verderblichster Weise beschleunigt und vertieft.

Dreißig Jahre ist die Armee mein Stolz gewesen. Ich habe für sie gelebt und an ihr gearbeitet. Und nun nach über vier glänzenden Kriegsjahren mit unerhörten Siegen mußte sie unter dem von hinten gegen sie geführten Dolchstoß der Revolutionäre zusammenbrechen, gerade in dem Augenblick, als der Friede in Greifnähe stand! Und daß in meiner stolzen Flotte, meiner Schöpfung, die Empörung zuerst offen zutage getreten ist, hat mich am tiefften ins Herz getroffen.

Es ist viel darüber geredet worden, daß ich die Armee verlassen habe und in das neutrale Ausland gegangen bin.

Die Einen sagen: Der Kaiser hätte sich zu einem Truppenteil der Kampffront begeben, mit ihm auf den Feind stürzen und in einem letzten Angriff den Tod suchen sollen. – Dadurch wäre aber nicht nur der vom Volke heiß ersehnte Waffenstillstand, über den bereits die von Berlin zum General Foch entsandte Kommission verhandelte, unmöglich gemacht, sondern auch das Leben vieler, und gerade der besten und treuesten Soldaten, nutzlos geopfert worden.

Andere meinen: Der Kaiser hätte an der Spitze des Heeres in die Heimat zurückkehren sollen. – Eine friedliche Rückkehr war aber nicht mehr möglich; die Aufständischen hatten sich der Rheinbrücken und anderer wichtiger Anlagen im Rücken des Heeres bereits bemächtigt. Ich hätte zwar an der Spitze treuer, aus der Kampffront gezogener Truppen die Rückkehr erzwingen können. Aber damit wäre der Zusammenbruch Deutschlands besiegelt gewesen. Denn zum Kampfe mit dem zweifellos nachdrängenden Feinde wäre noch der Bürgerkrieg getreten.

Wieder Andere meinen: Der Kaiser hätte sich selbst den Tod geben sollen. – Das war schon durch meinen festen christlichen Standpunkt ausgeschlossen. Und würde man dann nicht gesagt haben: Wie feige! Jetzt entzieht er sich aller Verantwortung durch den Selbstmord. Dieser Weg schied auch deshalb aus, weil ich darauf bedacht sein mußte, in der vorauszusehenden schweren Zeit meinem Volke und Lande zu helfen und zu nützen. Gerade in der Aufhellung der Schuldfrage, die sich mehr und mehr als der Kernpunkt unseres künftigen Geschicks enthüllte, wußte ich mich besonders berufen, die Sache meines Volkes zu vertreten. Denn mehr wie jeder andere kann ich Zeugnis ablegen von Deutschlands Friedenswillen und von unserem reinen Gewissen.

Nach unendlich schweren Seelenkämpfen habe ich auf dringendstes Anraten meiner zurzeit anwesenden höchsten verantwortlichen Ratgeber den Entschluß gefaßt, außer Landes zu gehen, weil ich auf Grund der mir gemachten Meldungen glauben mußte, dadurch Deutschland am treuesten zu dienen, ihm günstigere Waffenstillstands- und Friedensbedingungen zu ermöglichen und ihm weitere Menschenverluste, den Bürgerkrieg, Not und Elend zu ersparen.

Quelle: Kaiser Wilhlem II, Ereignisse und Gestalten aus den Jahren 1878–1918. Leipzig und Berlin: Verlag von K. F. Koehler, 1922, S. 242–46.