Quelle
Die großen Arbeitgeberverbände vereinbaren mit den Gewerkschaften der Arbeitnehmer das Folgende:
1. Die Gewerkschaften werden als berufene Vertreter der Arbeiterschaft anerkannt.
2. Eine Beschränkung der Koalitionsfreiheit der Arbeiter und Arbeiterinnen ist unzulässig.
3. Die Arbeitgeber und Arbeitgeberverbände werden die Werkvereine (die sogenannten wirtschafts-friedlichen Vereine) fortan vollkommen sich selbst überlassen und sie weder mittelbar noch unmittelbar unterstützen.
4. Sämtliche aus dem Heeresdienste zurückkehrenden Arbeitnehmer haben Anspruch darauf, in die Arbeitsstelle sofort nach Meldung wieder einzutreten, die sie vor dem Kriege innehatten. Die beteiligten Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände werden dahin wirken, daß durch Beschaffung von Rohstoffen und Arbeitsaufträgen diese Verpflichtung in vollem Umfange durchgeführt werden kann.
5. Gemeinsame Regelung und paritätische Verwaltung des Arbeitsnachweises.
6. Die Arbeitsbedingungen für alle Arbeiter und Arbeiterinnen sind entsprechend den Verhältnissen des betreffenden Gewerbes durch Kollektivvereinbarungen mit den Berufsvereinigungen der Arbeitnehmer festzusetzen. Die Verhandlungen hierüber sind ohne Verzug aufzunehmen und schleunigst zum Abschluß zu bringen.
7. Für jeden Betrieb mit einer Arbeiterschaft von mindestens 50 Beschäftigten ist ein Arbeiterausschuß einzusetzen, der diese zu vertreten und in Gemeinschaft mit dem Betriebsunternehmer darüber zu wachen hat, daß die Verhältnisse des Betriebes nach Maßgabe der Kollektivvereinbarungen geregelt werden.
8. In den Kollektivvereinbarungen sind Schlichtungsausschüsse bzw. Einigungsämter vorzusehen, bestehend aus der gleichen Anzahl von Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretern.
9. Das Höchstmaß der täglichen regelmäßigen Arbeitszeit wird für alle Betriebe auf 8 Stunden festgesetzt. Verdienstschmälerungen aus Anlaß dieser Verkürzung der Arbeitszeit dürfen nicht stattfinden.
10. Zur Durchführung dieser Vereinbarungen sowie zur Regelung der zur Demobilmachung, zur Aufrechterhaltung des Wirtschaftslebens und zur Sicherung der Existenzmöglichkeit der Arbeitnehmerschaft, insbesondere der Schwerkriegsbeschädigten zu treffenden weiteren Maßnahmen wird von den beteiligten Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen ein Zentralausschuß auf paritätischer Grundlage mit beruflich gegliedertem Unterbau errichtet.
11. Dem Zentralausschuß obliegt ferner die Entscheidung grundsätzlicher Fragen, soweit sich solche namentlich bei der kollektiven Regelung der Lohn- und Arbeitsverhältnisse ergeben, sowie die Schlichtung von Streitigkeiten, die mehrere Berufsgruppen zugleich betreffen. Seine Entscheidungen haben für Arbeitgeber und Arbeitnehmer verbindliche Geltung, wenn sie nicht innerhalb einer Woche von einem der in Frage kommenden beiderseitigen Berufsverbände angefochten werden.
12. Diese Vereinbarungen treten am Tage der Unterzeichnung in Kraft und gelten vorbehaltlich anderweitiger gesetzlicher Regelung bis auf weiteres mit einer gegenseitigen dreimonatigen Kündigung.
Diese Vereinbarung soll sinngemäß auch für das Verhältnis zwischen den Arbeitgeberverbänden und den Angestelltenverbänden gelten.
Berlin, den 15. November 1918.
Vereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände
Gesamtverband Deutscher Metallindustrieller
Arbeitgeberverband für den Bezirk der nordwestlichen Gruppe des Vereins deutscher Eisen- und Stahlindustrieller
Zechenverband
Verband deutscher Waggonfabriken
Arbeitgeberverband der deutschen Textilindustrie
Berliner Arbeitgeberverband der chemischen Industrie
Arbeitgeberverband der deutschen Papier-, Pappen-, Zellstoff- und Holzstoffindustrie
Reichsverband der deutschen Klavierindustrie und verwandter Berufe
Arbeitgeberbund für das deutsche Baugewerbe
Arbeitgeberschutzverband deutscher Schlossereien und verwandter Gewerbe
Bund der Arbeitgeberverbände Berlins
Zentralverband deutscher Arbeitgeber in den Transport-, Handels- und Verkehrsgewerben
Schutzverband deutscher Steindruckereibesitzer
Oberschlesischer Berg- und Hüttenmännischer Verein Kattowitz
Verein deutscher Eisen- und Stahlindustrieller, Hauptvorstand Berlin
Verein deutscher Eisen- und Stahlindustrieller, östliche Gruppe, Kattowitz
Zentralverband der deutschen elektrotechnischen Industrie
Arbeitgeberschutzverband für das deutsche Holzgewerbe
Arbeitgeberverband im Rohrlegergewerbe
Allgemeiner deutscher Arbeitgeberschutzverband für das Bäckereigewerbe
Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands
Gesamtverband der christlichen Gewerkschaften Deutschlands
Verband der deutschen Gewerkvereine (H.-D.)
Polnische Berufsvereinigung
Arbeitsgemeinschaft der kaufmännischen Verbände
Arbeitsgemeinschaft freier Angestelltenverbände
Arbeitsgemeinschaft der technischen Verbände.
Dr. Sorge, Hilger, Hugo Stinnes, Vögler, Beukenberg, Hugenberg, Springorum, von Raumer, von Rieppel, Dietrich, Paul Westermayer, Dr. Tänzler, Avellis, Schrey, Lammers, Paul Mangers, Dr. Emil Franke, Karl Friedrich von Siemens, Rathenau, Ernst von Borsig, Albert Müller, Ernst Purschian, Deutsch, C. Legien, A. Stegerwald, Gustav Hartmann, Hugo Sommer, Dr. Pfirrmann, Dr. Höfle.
Quelle: Gerald Feldman und Irmgard Steinisch, Industrie und Gewerkschaften 1918-1924, Die überforderte Zentralarbeitsgemeinschaft. Stuttgart: Schriftenreihe der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, n. 50. Deutsche Verlags-Anstalt, 1985, S. 135–37.