Kurzbeschreibung

In dieser Reflexion über die jüdische Erziehung in der Familie des Philosophen und Rabbiners Emil Fackenheim wird die zentrale Rolle des Rabbiners Albert Kahlberg und anderer religiöser Le­hrer hervorgehoben, die trotz ihrer begrenzten Zeit und Ressourcen einen bleibenden Einfluss auf das Leben des Autoren hatten. Der Unterricht, der sich auf Tora, Propheten, Siddur und Hebräisch konzentrierte, vermittelte grundlegende Werte und Kenntnisse des Judentums, auch wenn die Lehrmethoden und die Qualität der Ausbildung in Teilen antiquiert wirkten. Fackenheim geht insbesondere auf die Persönlichkeiten der Lehrer ein, darunter der engagierte Kantor Kaufmann und der erzählfreudige Schammes Heymann, sowie auf die Wirkung der rabbinischen Lehre, die durch tiefgreifende philosophische und religiöse Erkenntnisse geprägt war. Diese Erziehung vermittelte Fackenheim das Gefühl, dass das Judentum etwas Dauerhaftes und Wertvolles sei, auch wenn es in der Praxis manchmal als langweilig empfunden wurde. Darüber hinaus thematisiert Fackenheim die Frömmigkeit seiner Mutter, die durch ihre philosophischen Lektüren geprägt war und einen markanten Kontrast zu der religiösen Praxis des Vaters darstellte. Die Reflexion zeigt, wie persönliche Glaubensüberzeugungen und Bildungswege in einer Zeit des sozialen und politischen Umbruchs verbunden waren.

Emil Fackenheim wurde 1938 zum Rabbiner ordiniert. Fackenheim, seine Eltern und sein jüngerer Bruder flohen 1939 nach Großbritannien. Nach Kriegsbeginn wurde er als „enemy alien“ in Kanada interniert, wo er später als Rabbi diente und in Philosophie promovierte. Nachdem er viele Jahre in Kanada gelebt und gelehrt hatte, wanderte er 1984 nach Israel aus.

Sein älterer Bruder, der in Deutschland geblieben war, wurde im Holocaust ermordet.

Emil Fackenheim über seine jüdische Erziehung in den 1920er Jahren (2007 posthum veröffentlicht)

  • Emil Fackenheim

Quelle

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Unser eigener Rabbi, Albert Kahlberg, hatte ziemlich großen Einfluss auf mich. Der jüdische Religionsunterricht, den er gab, schien keinen großen Platz einzunehmen, doch auch, wenn er uns einen freien Nachmittag kostete, gehörte er zum Leben dazu und wurde akzeptiert. Angesichts des Unterrichts von gerade einmal zwei Stunden pro Woche plus den gelegentlichen Jugendgottesdiensten am Nachmittag des Sabbat erstaunt es vielleicht, dass diese jüdische Erziehung an mir haften blieb. Aber mir kommen zwei Gründe in den Sinn, warum das so war. Es ging nicht um die „Relevanz“ und nicht um das Drumherum, sondern nur um den Inhalt – die Tora, die Propheten, den Siddur, Geschichte und Hebräisch. Die Lehrer kannten sich in ihrem Beruf eher schlecht als recht aus. Ich formuliere das deswegen so, weil nur der Hebräisch-Lehrer Rubenstein ein ausgebildeter Lehrer war, der ganztags von der Gemeinde angestellt war. Er war außerdem der einzige polnische Jude, den ich in meiner Jugend etwas näher kennenlernte. Disziplin durchzusetzen gelang ihm nicht sehr gut, und dass wir uns über sein schlechtes Deutsch lustig machten, machte die Sache nicht besser. Aber niemand stellte seine fachliche Kompetenz in Frage, und noch immer erinnere ich mich an die Grammatik, wie er sie uns beibrachte. (Die hebräische Grammatik ist eine ebenso exakte Wissenschaft wie Latein und Griechisch, und die Erfahrung bei ihm kurierte mich von der Vorstellung, die oft mit dem nachmittäglichen jüdischen Unterricht verbunden wurde – es handele sich dabei nicht um eine „richtige“ Schule.)

In einer Stunde pro Woche kann man jedoch nicht viel Hebräisch lernen. Und die Tatsache, dass die Gemeinde in Halle einen Juden aus Polen anstellte, um Hebräisch zu unterrichten, spricht Bände.

Wer waren die anderen Lehrer und in welchem Sinn waren sie professionelle Lehrer? Natürlich gab es da den Rabbi, aber auch Kaufmann, den Kantor, und Heymann, den Schammes (Synagogendiener), und da die verschiedenen Klassen an verschiedenen Nachmittagen zusammenkamen, reichten diese vier aus. Kaufmann und Heymann waren insofern vom Fach, als für sie das Judentum kein Halbtags- sondern ein Ganztagsjob war – eine lebenslange Berufung –, und es war gut, dass das Unterrichten dazugehörte. (Was für Konsequenzen es wohl hätte, wenn der Hausmeister einer amerikanischen Synagoge auch unterrichten müsste?) Ich erinnere mich gerne an Kantor Kaufmann, einen liebenswerten Menschen mit einer ausgezeichneten – ich würde sogar sagen: hingebungsvollen – Stimme, aufrichtig und ohne die Allüren eines Kantors und darüber hinaus ein kluger Lehrer. An Heymann, den Schammes, denke ich mit Zuneigung. Er war ein großgewachsener Mann, zumindest kam er uns Kindern so vor, mit einem beeindruckenden Schnurrbart wie eine Lenkstange. Einmal kam ich nach Hause und verkündete, nächstes Mal würde ich von Heymann eine Brezel bekommen. Tatsächlich handelte es sich um einen Preis, eine Pessach-Haggada. Für uns Kinder war Heymann ein geborener Geschichtenerzähler. Von den biblischen Geschichten habe ich besonders die in Erinnerung, in der die böse Isebel aus dem Fenster geworfen und von Hunden gefressen wurde.

Heymann unterrichtete uns auch in den Grundzügen der hebräischen Grammatik, aber er machte das nicht besonders gut, denn beim Herunterbeten von „mein Lied, dein Lied“ und so weiter verhedderte sich ausnahmslos jeder, und Heymann titulierte den Übeltäter dann als Schaf. Einmal vergaß er das, also erinnerte ich ihn daran: „Herr Heymann, der da ist aber auch ein Schaf.“

Und dann gab es da Rabbiner Kahlberg selbst. Er unterrichtete ebenfalls verschiedene Klassen, und da er nicht jeden Sabbat predigte, nur wenige Hochzeiten und Beerdigungen zu bestreiten und abgesehen von den Feiertagen wenig anderes zu tun hatte, nahm das Unterrichten den Großteil seines Berufslebens ein. An sich keine schlechte Sache für einen Rabbi. Zugegeben, es gab keinen Unterricht für Erwachsene, weil es keine Nachfrage gab, und das könnte ihm sein Leben als Rabbiner in Halle verleidet haben. Aber später, als ich zur Vorbereitung auf Berlin bei ihm Privatunterricht hatte, verblüffte mich sein Wissen. Vorher hatte ich nur eine leise Ahnung von diesem Wissen, als er uns beispielsweise in den Vorbereitungsklassen auf die Bar Mitzwa Spinozas Ideen zu Freiheit und Determinismus nahebrachte. Erst später erfuhr ich, dass er im Seminar ein Kollege von Max Wiener gewesen war, meinem zukünftigen Berliner Philosophieprofessor.

Unsere jüdische Erziehung hatte also durchaus Substanz. Noch wichtiger war jedoch, dass sie uns die Idee vermittelte, dass das Judentum selbst etwas Dauerhaftes und nicht etwas Vergängliches, Moden Unterworfenes war: Man hatte es zu respektieren, selbst wenn es langweilig war. Und langweilig waren Kahlbergs wichtigere Predigten – zu Rosch ha-Schana und Jom Kippur – oft. Aber sie waren feierlich, denn es ging in ihnen um Wahrheiten.

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Einmal verfasste ich als Pessach-Geschenk für meinen Vater einen Aufsatz, in dem Gott “das Ende überdenkt”. Bereits damals bewegte mich weniger die Frömmigkeit meines Vaters an sich als ihre Einfachheit: Er konnte ausreichend Hebräisch, um die Gebete zu lesen, aber zu wenig, um sie zu verstehen. Was mich nachhaltig beeindruckte war, was für Schätze sie für denjenigen bereithalten, der sie versteht.

Die Frömmigkeit meiner Mutter war anders. Kantor Kaufmanns Hingabe erreichte während der Gottesdienste am Sabbatabend ihren Höhepunkt, wenn er das Haschkiwenu anstimmte [] Das war das Lieblingsgebet meiner Mutter, zumindest vermutete ich das immer. Ich drücke das so aus, weil sie so viel von ihrer Frömmigkeit erkennen ließ, aber eben nicht viel mehr. Ihr Glaube war nicht einfach. Zu ihrer Zeit gingen Frauen noch nicht an die Universität, aber sie hätte mit großer Selbstverständlichkeit in jedes Philosophie- oder Literaturseminar gepasst.

[] Meine Mutter rang mit dem Judentum, mit Deutschland, mit der Moderne, mit all diesen Dingen, die der Erste Weltkrieg verändert hatte. Mein Vater besaß eine Erstausgabe von Kants Kritik (die ich geerbt habe), aber es bestand nie der geringste Zweifel, dass sie der Denker in der Familie war. Die Bücher meiner Mutter [] sind sorgfältig datiert. Das früheste sind Schopenhauers Aphorismen zur Lebensweisheit, mit dem Datum 29. November 1917. Das nächste ist Schopenhauers Von der Nichtigkeit des Daseins, mit Datum vom 1. Dezember 1917. Danach kommt Schopenhauers Opus Magnum, Die Welt als Wille und Vorstellung, mit Datum vom 16. Dezember 1917. Dieser permanent deprimierte und deprimierende Philosoph muss in ihr eine Saite zum Klingen gebracht haben, und sie selbst muss wohl schwermütig gewesen sein, was kein Wunder ist: Ihr Vater war jung gestorben, ihr einziger Bruder, Willy, war im Krieg getötet worden. Während mein Vater vermutlich an der Front war, muss sie sich die Schopenhauer-Bände – die keine Widmung trugen – selbst gekauft haben. Während dieser Zeit war sie, abgesehen von dem unvermeidlichen Hausmädchen, allein mit dem fünfjährigen Alexander, mir mit meinen anderthalb Jahren und schwanger mit Wolfgang. Die Nietzsche-Ausgabe, datiert vom 30. September 1920 (ihr Geburtstag) war ein Geschenk meines Vaters, und den Rosenzweig-Band hatte sie wahrscheinlich bei einem Besuch in Kassel erworben. Am aufschlussreichsten sind jedoch die Bücher von Spengler. Der erste Band, den sie zu Ostern 1920 kaufte, sieht gelesen, fast zerlesen aus, so sehr, dass sie ihn neu binden lassen musste. Der zweite Band, der im Juni 1922 erworben wurde, sieht im Unterschied dazu nahezu ungelesen aus. 1920 war die politische Lage immer noch unruhig. Aber 1923 war Stresemann schon fast im Amt und der Frieden schien gesichert: Vielleicht war der Westen doch noch nicht „am Untergehen“. Ganz zu schweigen davon, dass mein Vater in seinen Beruf zurückgekehrt war, den er immer geliebt hatte. Alexander war zehn Jahre alt, ich selbst sechs, Wolfgang vier – wir waren eine glückliche Familie.

Quelle: Emil L. Fackenheim, An Epitaph for German Judaism, From Halle to Jerusalem. Madison: University of Wisconsin Press, 2007, S. 13–14, 18–19.

Übersetzung: Katharina Böhmer