Kurzbeschreibung

Emil Schorsch (1899-1982) wurde 1927 zum zweiten Ortsrabbiner der jüdischen Gemeinde in Hannover berufen. Zuvor hatte er in Breslau und Tübingen studiert sowie promoviert und sich in Breslau zum Rabbiner ausbilden lassen. In Hannover betrieb Schorsch viel Jugend- und Gemeindearbeit und modernisierte unter anderem den Religionsunterricht für jüdische Kinder und Jugendliche. Im Zuge des Novemberpogroms wurde der er im KZ Buchenwald inhaftiert, nach zehn Tagen jedoch wieder freigelassen, da er ein englisches Visum besaß. Schorsch und seine Familie flüchteten daraufhin zunächst nach England und emigrierten später in die USA, wo Schorsch seine Arbeit als Rabbiner in einer jüdischen Gemeinde in Pottstown, Pennsylvania, wieder aufnahm.

1975 verfasste Emil Schorsch ein Manuskript über die jüdische Gemeinde in Hannover in den Jahren vor der Zerstörung der Synagoge durch die Nationalsozialisten 1938. In dem vorliegenden Auszug beschreibt Schorsch seine Aufgaben als Rabbiner mit Blick auf die Erteilung von Religionsunterricht für die jüdischen Kinder und Jugendlichen in Hannover. Den in seinen Augen gemischten Erfolg des Unterrichts führt er auf die Einstellungen der Elternhäuser zum jüdischen Glauben zurück. In seiner Wahrnehmung waren viele Eltern aufgrund von gesellschaftlichen Traditionen und Konventionen Mitglieder in der jüdischen Gemeinde, weniger jedoch aus einer tiefergreifenden religiösen Glaubensüberzeugung heraus.

Emil Schorsch über seine Aufgaben als Rabbiner in Hannover (Rückblick 1975)

  • Emil Schorsch

Quelle

Meine Aufgaben als Rabbiner in Hannover umfaßten laut Kontrakt das „Dezernat für den Religionsunterricht“, das Predigen in der Synagoge, die Aufsicht über das Kaschrutwesen und die Leitung der Gemeindebibliothek. Die Aufsicht über den Religionsunterricht brachte zuerst viel Arbeit, war aber eine großenteils klar umrissene Aufgabe. Wir formierten 28 Religionsklassen für die ungefähr 650 jüdischen Schüler der Volksschulen und höheren Schulen Hannovers. Für die Volksschulklassen hatten wir eine besondere Religionsschule in der Lützowstraße, wo das Gemeindegebäude stand. Diese Schüler hatten keine Schwierigkeiten, zweimal während der Woche und am Sonntagmorgen zum Religionsunterricht zu erscheinen. Für die Schüler der höheren Schulen war das schwieriger, weil verhältnismäßig wenige jüdische Schüler in jeder Schule waren. So hatten wir den Gedanken aufgegeben, Klassen in den verschiedenen höheren Schulen einzurichten, sondern vereinigten diese Schüler am Nachmittag in einer der Schulen, die für diesen Zweck ausgewählt worden war.

Das Resultat war nicht gut. Die Schüler hatten das Gefühl, daß die ganze Angelegenheit des Religionsunterrichts nicht ernst genommen werden müßte. Es war sehr schwer, die daraus folgende Unregelmäßigkeit des Unterrichtsbesuches zu bekämpfen. Wir hatten selbstverständlich einen Lehrplan ausgearbeitet, und alle mit dem Religionsunterricht verbundenen Fragen wurden in besonderen Lehrversammlungen diskutiert. Wir führten sogar Versammlungen aller Lehrer der Provinz von Hannover ein, die sehr gut besucht wurden. Nichtsdestoweniger hatte es keinen Zweck, sich vorzutäuschen, daß der Religionsunterricht- sowohl das Hebräische als auch der geschichtliche und der theoretische Teil- viel zur Vertiefung des jüdisch-religiösen Bewußtseins beitrug. Die Ursache war, daß man kaum eine wirkliche Beeinflussung der Persönlichkeit erwarten kann, wenn das häusliche Leben der Schüler dem Unterrichtsideal widerspricht. Und es konnte kein Zweifel sein, daß die jüdische Religion nur in ganz geringem Umfang als Maßstab für das Leben der Eltern diente, vielleicht nur gerade soweit, wie es ihnen mit Rücksicht auf die Öffentlichkeit notwendig erschien, wenngleich sie hierüber nachdachten. []

Quelle: Jüdisches Leben in Deutschland, Dritter Band: Selbstzeugnisse zur Sozialgeschichte 1918–1945, Hrsg. Monika Richarz. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1982, S. 183–84.