Kurzbeschreibung

Die erste Moschee Deutschlands wurde zwischen 1924 und 1927 nach einem Entwurf des Architekten Karl Alfred Hermann erbaut und öffnete 1928 ihre Türen für die Gläubigen. Sie befand sich in prominenter Lage in der Nähe des Fehrbelliner Platzes im Stadtteil Wilmersdorf im Südwesten Berlins, einer von vielen Künstlern, Intellektuellen und Juden bevorzugten Wohnlage. Muslimische Studierende hatten den Bau des beeindruckenden weißen Steingebäudes vorangetrieben und dabei auf Spenden von Muslimen aus Südasien und Berlin zurückgegriffen. Die muslimische Gemeinde in Berlin war relativ klein und bestand hauptsächlich aus Studierenden, Akademikern, Kaufleuten und Intellektuellen unterschiedlicher Herkunft, darunter auch einige deutsche Konvertiten. Bis 1930 hatte sie jedoch eine ausreichende Größe und Bedeutung erreicht, um die Deutsch-Islamische Gesellschaft zu gründen, die fast 1.800 Mitglieder zählte. Dieser Artikel, der 1923 in einer sächsischen Regionalzeitung erschien, berichtet positiv über die Initiative zum Bau einer Moschee in Berlin. In einer offensichtlichen Anspielung auf das Bündnis Deutschlands mit dem mehrheitlich muslimischen Osmanischen Reich während des Ersten Weltkriegs erinnert der Artikel die Leserschaft daran, dass der wahre Feind Deutschlands Frankreich und nicht die islamische Welt sei.

Bau der ersten Moschee Deutschlands in Berlin (3. Oktober 1923)

Quelle

Einzug des Islams in Deutschland.

Berlin W bekommt eine Moschee.

Unseren Großvätern wäre eine Moschee in einer deutschen Stadt verwunderlich, wohl auch ein Stein des Anstoßes gewesen. Zu lange hat Europa sich gegen Angriffe vom Osten verteidigen müssen. Daß die letzten Angriffe der Türken auf Wien, die in der berühmten Belagerung vom Jahre 1683 gipfelten, von Frankreich finanziert wurden, weil es im Westen rauben wollte, wurde vergessen; der Haß gegen den Osten blieb, während der gegen den Erbfeind im Westen mit europäischen Solidaritätsgefühlen eingelullt wurde. Inzwischen haben wir den Osten und den Westen besser kennengelernt, und das hat uns in eine innerlich gänzlich veränderte Stellung zu den islamischen Völkern gebracht. Kein vernünftiger Mensch wird deshalb in der Errichtung eines mohammedanischen Gotteshauses in einer deutschen Stadt eine Kränkung oder Entheiligung des Landes sehen. In Berlin lebt eine ganze Anzahl Bekenner des Islams, denen religiöse Bräuche zur Pflicht gemacht sind. Hierfür brauchen sie eine Moschee. Erwünscht ist für sie der Besitz von Gesellschaftsräumen, ihnen vorbehaltenen Wohnräumen und einer Bücherei mit Arbeitsräumen. Alle diese Bedürfnisse soll die zu errichtende Moschee befriedigen. Sie wird deshalb in zwei Untergeschossen eine Wirtschaft mit Vereinsräumen, und darüber die Bücherei mit Arbeits- und Wohnräumen, besonders für moslemische Studenten enthalten. Hierzu kommen zwei Wohnhäuser mit Wohnungen. Die eigentliche Moschee bildet das Obergeschoß, dessen Fußboden etwa 7 Meter über dem Pflaster liegt. Von dem Treppenhaus aus wird man einen Vorraum mit rituellem Brunnen betreten. Dann folgt die Moschee, der Versammlungsraum zum gemeinsamen Gebet und zur Verlesung und Erklärung der Heiligen Schriften. Den Altar kennt der Islam nicht, wie er auch das Opfer nicht kennt. Auch einem ausgebildeten Kultus der heiligen Bücher, wie ihn andere Religionen haben, ist der Islam ausgewichen. So ist der heilige Punkt eine nach Mekka gerichtete Nische. „Wo immer ihr seid, richtet euer Antlitz nach dem Heiligsten von Mekka“, steht im Koran. Aus der einen Nische können mehrere werden. Bei dem geplanten Neubau sind ihrer drei vorgesehen. Zwischen ihnen wird sich die hohe enge Kanzel erheben, zu der eine steile Treppe hinaufführt. Nach Westen schließt sich, durch ein Gitter getrennt, der Frauenraum an, zu dem vorschriftsgemäß ein besonderer Eingang führen soll. Auch bei Moscheen soll von der Haustür ab der Frauenraum vom Männerraum getrennt sein. Bezeichnend für die Moschee ist der schlanke Turm, das Minaret, von dessen Umgang der Muezzin die Gläubigen zum Gebet ruft. Glocken kennt der Islam nicht. Viele Moscheen des Orients haben zwei Minarets; auch für die Berliner Moschee sind zwei solcher Türme geplant. Die dazwischen liegende Kuppel wird sich bis zu 44 Meter Höhe über dem Pflaster erheben; die Türme sind in rund 60 Meter Höhe geplant, sie werden also weithin mit ihrer charakteristischen Silhouette im Stadtbilde hervortreten. Für die Ausgestaltung in Einzelheiten wird man indische Formen wählen, ohne ihnen jedoch allzu streng zu folgen. Da die Moschee Angehörigen einer ganzen Reihe von Völkern dienen soll, war ein genauer Anschluß an die Bauweise eines Landes kaum tunlich. Dazu kommt, daß Klima, Licht und manches andere nach den in Berlin gegebenen Verhältnissen zu berücksichtigen sind; schließlich auch der Umstand, daß lediglich deutsche Künstler und Kunstgewerbler zur Verfügung stehen, und daß schon deshalb eine genaue Nachbildung einer vielleicht afghanischen und kleinasiatischen Arbeit unmöglich wäre. Nur für die in der moslemischen Kunst so wichtigen Zierschriften werden fremde Schönschreiber herangezogen werden. Einzelheiten der Konstruktion und Ausführung, besonders der Farbe, werden noch festzusetzen sein. Jedenfalls kann man mit Spannung auf die Vollendung des unserem Wesen fremden Bauwerks sehen. Die Frage, ob die Moschee in das Stadtbild hineinpassen wird, läßt sich vorläufig noch nicht beantworten. Da aber Berlins Westen, wo die Moschee errichtet werden soll, kein einheitliches künstlerisches Gepräge hat, ist von diesem Gesichtspunkt aus nichts zu besorgen.

L.

Quelle: Sächsische Elbzeitung: Tageblatt für die sächsische Schweiz, 3. Oktober 1923. Online verfügbar unter: https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/newspaper/item/WF3HZD3Q4IR655QWMPCGNBGKT4TLFM62?issuepage=3