Kurzbeschreibung

Während der gesamten Weimarer Republik bildeten Frauen die Mehrheit der deutschen Wählerschaft, daher wollten die Parteien des gesamten politischen Spektrums natürlich auch weibliche Wähler ansprechen. Die meisten Parteien nutzten für diese Ansprache jedoch weiterhin Bilder von Männern. Auf den Wahlplakaten der Jahre 1919 bis 1932 waren vor allem die Gesichter der männlichen Parteiführer zu sehen, männliche Arbeiter, Soldaten oder Landwirte oder auch nur ein eindeutig männliches Körperteil, wie ein Bizeps oder eine greifende Hand.
Einige Parteien, wie die Sozialdemokraten (SPD) und die Deutschen Demokraten (DDP), scheinen Frauen häufiger und auffälliger auf ihren Wahlplakaten abgebildet zu haben als andere, und alle Parteien scheinen in den 1930er Jahren zunehmend weibliche Figuren in ihrer Wahlwerbung verwendet zu haben. Diese Verallgemeinerungen sind jedoch nur bedingt aussagekräftig, da auch die lokalen Parteibüros eine große und vielfältige Anzahl von Plakaten produzierten und die Verteilung der verschiedenen Plakatentwürfe stark variierte. Die berühmten und weit verbreiteten Fotos von Wahlkampfplakaten, welche die allgegenwärtigen Litfaßsäulen in Berlin zur Wahlzeit bedeckten, haben Geschichtsforschenden einen gewissen Hinweis auf die Verbreitung und Beliebtheit einzelner Plakatentwürfe in der Hauptstadt gegeben, doch spiegeln diese möglicherweise nicht die Verbreitung in Kleinstädten oder gar in ländlichen Gebieten wider. Dennoch kann ein Vergleich ausgewählter Plakate verschiedener politischer Parteien aus den frühen 1930er Jahren, auf denen Frauen abgebildet waren, zu aufschlussreichen Beobachtungen verhelfen. Die hier gezeigte Auswahl von Plakaten aus den Wahlkämpfen von 1930 und 1932 zeigt einige stark kontrastierende Ansätze zur Darstellung von Frauen auf.

Das Plakat der katholischen Zentrumspartei von 1930 trug die Botschaft „Wer schützt Familie, Heimat, Arbeit?“ und zeigte die Frau als Mutter, die auf den Schutz eines Mannes angewiesen ist, der das Schild der katholischen Zentrumspartei trägt. Auf dem Plakat der Deutschen Staatspartei (DStP) aus dem Jahr 1930 wurde die Frau ebenfalls als Mutter dargestellt, zumindest in zwei der Hintergrundbilder, doch diese Mütter waren nicht sichtbar auf einen männlichen Beschützer angewiesen. Die weibliche Figur im Vordergrund ist dagegen nicht als Mutter gekennzeichnet und hätte von den Betrachtern auch als berufstätige junge Frau wahrgenommen werden können. Obwohl die Staatspartei 1930 einen ausgesprochen konservativen Weg eingeschlagen hatte, nachdem sie aus einer Fusion zwischen der liberalen DDP und einem rechtsgerichteten Verband hervorgegangen war, spiegelte die zentrale Figur möglicherweise eine verbleibende Spur des liberalen Erbes der Partei wider. Die Botschaft „Für Einheit, Fortschritt, Volksgemeinschaft“ enthielt mit dem Wort „Fortschritt“ sowohl eine Anspielung auf den liberalen Zweig der Partei als auch auf den konservativen Zweig mit dem ausdrücklichen Hinweis auf den ethnischen Nationalismus.

Das Plakat der Kommunistischen Partei (KPD) aus dem Jahr 1930 mit der Aufschrift „Kämpft mit uns!“ zeigte eine Landarbeiterin mit einer Sichel, die jedoch hinter einem männlichen Arbeiter mit einem Hammer stand, der im Mittelpunkt des Plakats zu sehen ist. Die SPD produzierte für die Wahl 1932 ein Plakat, das – als einziges der hier gezeigten Beispiele – die Frau allein darstellte, ohne einen Mann oder eine Familie hinter, neben oder vor ihr. Die schlichte Botschaft „Frauen – für Freiheit und Frieden! Wählt Sozialdemokraten“ vermittelte einen klaren Appell an die Frauen. Die Frau auf diesem Plakat wirkt besonders selbstbewusst und sogar fröhlich – wie auch, vielleicht in geringerem Maße, die Frauen auf den Plakaten der KPD und der DStP. In Anbetracht der Tatsache, dass diese Wahlen im September 1930 stattfanden, also mehr als zehn Monate nach Beginn der Wirtschaftskrise, sollten diese optimistischen Bilder inmitten der zunehmend prekären wirtschaftlichen Situation vermutlich Hoffnung vermitteln.

Die beiden Plakate der NSDAP von 1932 schließlich – eines von den Präsidentschaftswahlen im April, die Hitler gegen Hindenburg verlor, und eines von den Reichstagswahlen im Juli, aus denen die Nationalsozialisten als die mit Abstand erfolgreichste Partei hervorgingen und mehr als ein Drittel der Wählerstimmen auf sich vereinten – illustrieren zwei unterschiedliche Ansätze der Nationalsozialisten, Frauen darzustellen und anzusprechen. Auf dem Plakat für die Präsidentschaftswahlen wurde die Frau als Mutter dargestellt, aber anders als auf dem Plakat der Zentrumspartei von 1930 schien sie nicht auf den Schutz ihres Mannes angewiesen zu sein. Stattdessen starrt sie den Betrachter mit einer grimmigen Entschlossenheit an, und der niedergeschlagene Blick ihres Mannes ließ vermuten, dass diese Frau die Rolle der Beschützerin mindestens ebenso sehr spielte wie er. Das Plakat schrieb ihr jedoch eindeutig eine Position im Haushalt und bei der Versorgung der Familie zu, da nur die Millionen von Männern („ohne Arbeit“) und die Millionen von Kindern („ohne Zukunft“) angeblich eine Statusveränderung durch die wirtschaftliche Depression erfahren hatten. Das Wahlplakat der NSDAP zu den Reichstagswahlen zwei Monate später appellierte dagegen an die Frauen nicht als Mütter, sondern als Wählerinnen, die vermutlich ein breites Spektrum an politischen Interessen hatten. Wie die Plakate von SPD, KPD und DStP wirkten auch diese beiden Figuren selbstbewusst und energisch.
Geschichtsforschende haben in den letzten Jahren viel über die visuelle Darstellung von Wahlkämpfen in der Weimarer Republik geforscht, und sie diskutieren und studieren weiterhin die Repräsentativität verschiedener visueller Tropen. Diese sechs Plakate, die ungefähr aus dem gleichen Zeitraum stammen, erheben keinen Anspruch auf Repräsentativität, doch bieten sie  zumindest eine kleine visuelle Kostprobe davon, wie die politischen Parteien der Weimarer Republik zumindest einige ihrer Appelle an die wahlberechtigten Bürgerinnen formulierten.

An Frauen gerichtete Wahlplakate (1930/1932)

Quelle

Quelle: Wahlplakat der Zentrumspartei, 1930. Grafiker/in unbekannt. Deutsches Historisches Museum P 62/984. wikimedia commons
Wahlplakat der Deutschen Staatspartei, 1930. Grafiker/in unbekannt. Deutsches Historisches Museum P 62/1376
Wahlplakat der KPD, 1930. Bundesarchiv, Plak 102-073-007. Grafiker: John Heartfield.
Wahlplakat der SPD, 1932. Grafiker/in unbekannt. Württembergische Landesbibliothek 3.1/333
Wahlplakat der NSDAP zur Reichspräsidentenwahl, 1932. Grafiker: Felix Albrecht. Deutsches Historisches Museum P 62/1063.1
Wahlplakat der NSDAP zurReichstagswahl, 1932. Artist: Felix Albrecht. Bundesarchiv Plak 002-042-064