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Quelle: Seine gelehrte Frau (Ausschnitte), Regie: Eugen Illés, Neutralfilm, 1919. Bundesarchiv Filmarchiv Filmwerk ID: 12393. https://digitaler-lesesaal.bundesarchiv.de/video/12393/672075
In dem Film Seine gelehrte Frau
aus dem Jahr 1919, aus dem hier ein Ausschnitt zu sehen ist, erzählt der
Regisseur Eugen Illés die Geschichte der brillanten Medizinerin Dr. Ada
Haller, die mit einem reichen Faulenzer namens Freddi verheiratet ist,
der sich von seiner Frau aufgrund ihres vollen Terminkalenders sowohl
vernachlässigt als auch herabgesetzt fühlt. Während Ada in ihrem Labor
arbeitet und sich um ihre Patientinnen kümmert, sitzt Freddi einsam am
Esstisch, ohne Beruf und ohne Gesprächspartnerin, um ihn zu
beschäftigen. Eines Abends beschließt er, einen Tanzclub zu besuchen, wo
er Emmi kennenlernt, eine Eintänzerin, mit der er eine Affäre beginnt.
Freddi geht sogar so weit, Emmi eine eigene Wohnung einzurichten, die er
aus seinem Erbe bezahlt. In der Szene des Films, die den dramatischen
Höhepunkt markiert, bitten zwei männliche Ärzte Ada um Hilfe bei der
Behandlung einer Frau mit einer besonders schwierigen Schwangerschaft,
die sich als Emmi herausstellt. Als Emmis Zustand sich so sehr
verschlechtert dass sie nicht überleben wird, eilt Freddi an das Bett
seiner Geliebten, und Ada wird klar, dass sie gerade die Geliebte ihres
Mannes behandelt hat, die gestorben ist, während sein Kind überlebt hat.
In der Auflösung kommt sie zu dem Schluss, dass ihre eigene
Unaufmerksamkeit gegenüber den Wünschen ihres Mannes ihn in die Arme
einer anderen Frau getrieben habe. Sie widmet sich nun wieder Freddi und
zieht das kleine Mädchen als ihr eigenes Kind auf.
Ungeachtet
dieser selbstkritischen Einschätzung thematisiert der Film eine Reihe
sensibler Themen – von unehelichen Geburten bis hin zu Frauen in der
Arbeitswelt –, die typisch für die Welle der „Aufklärungsfilme” waren,
welche die laxe Zensur unmittelbar nach dem Krieg nutzten, um bisher
tabuisierte Themen anzusprechen. So beginnt der Film damit, dass Ada und
Emmi ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen, und sein Fokus auf die
Beziehung eines Mannes zu zwei Frauen erinnert an das Dilemma der
„überzähligen Frauen“ in der Nachkriegszeit, einer Generation von Frauen
im heiratsfähigen Alter, deren männliche Altersgenossen durch den Krieg
dezimiert worden waren. Die Figur der Ada spiegelt zudem die wachsende
Zahl der Ärztinnen wider, die während des Krieges ihre Ausbildung
abgeschlossen hatten und in den neu eingerichteten Entbindungskliniken
der Republik arbeiteten. Darüber hinaus ist sie in ihrem Beruf
erfolgreich und gewinnt den Respekt ihrer männlichen Kollegen, die ihre
Forschung schätzen und ihren Rat suchen. Der Film betont jedoch, dass
diese berufliche Freiheit für Ada einen persönlichen Preis hatte,
genauso wie Emmis sexuelle Freiheit zu ihrer tödlichen Schwangerschaft
führte. In einer Zeit, in der die Angst vor sinkenden Geburtenraten groß
war, stellte die Autonomie beider Figuren, insbesondere in konservativen
politischen Kreisen, eine Bedrohung für die Nation dar.
Die Produzenten des Films vertrieben Seine gelehrte Frau in Deutschland auch unter einem anderen Titel, Frauen, die nicht heiraten sollten, der das zentrale Thema in ein anderes Licht rückte und suggerierte, dass die Ehe nicht für jede Frau geeignet sei und die Gesellschaft sie daher nicht erzwingen sollte. Die beiden Hauptdarstellerinnen des Films spiegelten diese widersprüchlichen Botschaften in ihrem eigenen Leben wider. Esther Carena, die Ada spielte, war zwischen 1916 und 1924 in über 30 Filmen zu sehen und hatte ein Semester lang Medizin studiert, gab jedoch nach ihrer Heirat 1924 beide Karrieren auf. Blandine Ebinger, die Emmi verkörperte, war ihr gesamtes Leben lang erfolgreich im Showbusiness tätig – als ledige, verheiratete und geschiedene Frau.
Quelle: Seine gelehrte Frau (Ausschnitte), Regie: Eugen Illés, Neutralfilm, 1919. Bundesarchiv Filmarchiv Filmwerk ID: 12393. https://digitaler-lesesaal.bundesarchiv.de/video/12393/672075
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