Quelle
14. Januar 1920
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Anny Löwenstein erzählt mir von ihrer Liebesangelegenheit. Bereits 50jährig tritt sie in ein Liebesverhältnis zu einem lange verheirateten Mann, den sie seit vielen Jahren liebt.
Margret Bartsch hier. Sie führt ein etwas gewagtes Leben. Sucht sich männlichen Umgang im [Kaufhaus] KDW und auf der Straße. Wählt dann die ihr gefallenden aus. Sagt sie hat keine andere Möglichkeit mit Männern bekannt zu werden. Ich glaube nicht, daß sie Geschlechtsumgang hat.
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18. Februar 1920
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Hans spricht einen Abend über [Max] Immanuel und Eva. Er began damit, meinte aber eigentlich sich. Über seine Liebesbeziehungen zu Mädchen. Daß er noch im Sommer der Meinung war, man dürfte einem Mädchen nur nahetreten, wenn es eine Liebe ist, von der man überzeugt ist sie hält vor. Jetzt steht er anders. Er will Liebe genießen, aber kurzerhand. Nehmen was der Augenblick bringt. Was soll ich dazu sagen? Der langsame Mensch mit seinen fast 28 Jahren, der immer unter Hemmungen auch im Erotischen leidet, für den könnt es wohl ein großes Glück sein, wenn er ein Verhältnis eingeht. Ich gab ihm nur zu bedenken, daß er keinen andern Menschen schädigen dürfe. Aber wieviele feine Mädchen finden sich, die ihrerseits einverstanden sind eine kurze Liebeszeit zu durchleben.
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20. März 1920
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Dieses Mädchen [Helene Dmuchowski] scheint mir ganz ungewöhnlich. Als unser Hans und Hans Koch weggingen um die Versammlungen zu sehen, blieb sie bei mir und wir sprachen. Sie sprach über das, was mir immer eine Frage gewesen ist: Wie die jungen Menschen jetzt leben können? Sie sagt, daß sie sehr unglücklich gewesen ist, als das Leben, wie es in früheren Zeiten in der Regel gewesen ist, nach Krieg und Revolution einfach zusammengebrochen ist. Weder Mann noch Kind steht ihr jetzt also möglich vor Augen. Wie sie nun zu leben gedenkt? Ganz vertrauensvoll immer nur der innern Stimme folgend will sie sich dem brausenden Zeitstrom hingeben und sich tragen lassen. Weiß nicht wohin er sie führen wird. Eine große Wanderung nach dem Osten steht ihr unbestimmt vor Augen. Mit Hans Koch scheint sie einstweilen verbunden zu sein, nach Blankenburg aber will sie nicht, nur besuchsweise. Fürs erste nach der Schweiz. Geld ihres reichen Vaters will sie nicht annehmen.
Für mich hat sie etwas Verwandtes mit den russischen Frauen, wie Nadja Strasser sie schildert. Nur daß die sehr positive Arbeit vor Augen sahen und Helene nur erst Nebel vor Augen hat. Aber selten hat mich ein Mädchen dieser Generation so getroffen wie diese. So schön, so rein, so verheißungsvoll.
Wie suchen sie alle verschieden den Weg durch das komplizierte krampfige jetzige Leben zu finden. Diese Helene…
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Auf der andern Seite steht nur Paula[1] mit ihrem alten schlichten Mutterinstinkt. Für sie hat sich nichts verändert. Sie hat ihren Mann und ihre Kinder, die bedeuten für sie die Welt. Sie gibt sich dieser Welt mit mehr Inbrunst hin als wir in unserer Generation das taten. Sie ist eine wundervoll vollendete Frau nach dieser Seite.
Aber sie ist auch nicht 20jährig sondern 30jährig. Die Krisen der letzten Jahre fanden sie schon in festen Lebensverhältnissen.
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29. Mai 1920
[„Rele,” Kollwitz’ Nichte Regula, und „Hennes,” Reles zweiter Mann Kurt, sind zu Besuch:]
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Rele sieht so schrecklich elend aus, daß es ganz schmerzlich ist sie anzusehn. Ihre Augen sind übergroß, die Lippen schließen sich mitunter nicht ganz. Die Wangen schmal und tiefe Ränder.
Auch Hennes ist schmal. Es sind nicht Leute, die zur Fortpflanzung geeignet sind. Sie verhindern auch das Kindhaben und wer weiß ob Rele eins bekommen würde, weil auch mit Heinz [Reles erster Mann] sie keines hatte. Das macht alles so traurig. Was für ein Druck muß auf Georg und Lise liegen [Reles Eltern; Lise war Kollwitz’ Schwester].
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Und Katta hat sich das Kind abtreiben lassen. [Katharina Stern, ebenfalls eine Nichte.] Zwar, sie will mal eins haben, spart sogar schon dafür, aber dies wollte sie durchaus los sein. Lise ist traurig über alles.
[…]
31. Oktober 1920
Hans und Otty. Seit März dieses Jahres sind
sie Mann und Frau. Nun ist Otty geschwängert und morgen soll ihr die
Frucht abgenommen werden. Hans will es, Otty fügt sich ihm nur. Hans
will es vor allem, weil er sich nicht für reif genug hält ein Kind
zu haben. Er sagt er sei jetzt erst im Anfang der Befreiung von all
den Hemmnissen, ein Kind würde noch sehr belastend sein.
Auch scheut er sich immer noch die Bindung zwischen sich und Otty fürs Leben vorhaltend anzusehen. Außerdem kommt wohl auch der Druck dazu, daß er pekuniär noch nicht unabhängig ist. So hat er seinen Willen der Otty aufgenötigt und Otty fügt sich. Sehr schwer, unter vielen Selbstvorwürfen und Grübeleien.
Otty ist ein lieber, tiefer Mensch. Aber auch wie Hans zu Grübeleien und Schwere neigend. Doch wünsche ich sehr, daß sie zusammenblieben und auch Kinder hätten. Kinder — nicht nur ein so einzelnes nicht gewolltes Kind — nein, gewollte Kinder. […]
[Kollwitz attended a conference on school reform, where she listened to a talk by Karl Wilker, the director of an institution for delinquent young men. Wilker had been an early member of the Wandervögel, a back-to-nature youth movement before the war that had fostered a degree of homosocial bonding. He made Lindenhof into a model of the new, more humanitarian Fürsorgeerziehung (corrective training), and he was a leading light in the Reformpädagogik (progressive education) movement. Here, Kollwitz described both Wilker’s philosophy and the impression that his gender presentation made on her:]
Er bekommt (merkwürdigerweise!) die Direktorstelle in der Fürsorgeanstalt Lindenhof. Seine erste Tat ist, daß er dort alle Gitterfenster abnehmen läßt, die Prügelstrafe aufhebt, die Jungen als moralisch Gleichwertige behandelt. Sein Leitsatz: Der Mensch ist gut. Er lebt ganz und gar mit den Jungen, steht jedem und immer zur Verfügung, eine Art Franz von Assisi an Liebe. Seine Freunde hat er hinberufen, die standen während seines Vortrages in der Liga für Völkerbund[2] seitlich alle aufgereiht. Sechs kraftvolle junge Männer mit untergeschlagenen Armen in buntem Wandervogelanzug.
Wilker sehr weich, etwas feminin. Feminin auch in seinem Anzug; ein gütiges Lächeln, frohe Augen, große Nase, die an Peter erinnert (auch das Lächeln und wie er den Kopf auf die Seite legt), reine Stirn. Im ganzen scheint er ein wundervoller Mensch, doch ist mir der etwas feminine Einschlag nicht lieb. Am Tage drauf ist einer seiner Freunde bei uns, ein schöner dunkler junger Mensch.
Langes Gespräch. Parallele mit Blüher.[3] Auch für diesen zerfällt die Welt in Geistiges und Ungeistiges. Geistiges, das ist sein „Werk,“ das Leben mit Männern oder Knaben, reine zielvolle Arbeit.
Auf der andern Seite steht die Frau, die zu dieser Arbeit nie zugelassen werden darf, deren einziges Ziel das Muttersein sein darf.
Bestätigung des Einschlags der Knabenliebe durch diesen jungen Menschen. Nicht in Worten, aber durch seine Anschauungen. Einer Knabenliebe, die sich vielleicht frei hält von dem materiell Sinnlichen, die alles in die sublimierte Erotik verlegt.
[…]
Mitte Januar 1922
Am Sonntag 15. Januar… Ottilie still und
gedrückt. Dann sagt mir Hans, als er mich nach der Bahn bringt, daß
Ottilie wieder schwanger ist und daß sie entschlossen wären, die
Frucht abnehmen zu lassen.
[…]
Ende Januar 1922
[…]
Bevor Ottilie ins Krankenhaus ging den Abort machen zu lassen, machten wir zusammen einen Gang in den Schneewald. Da kam manches aus ihr heraus. Sie sei doch wohl zu früh Mutter geworden, seit der Entbindung fühle sie sich körperlich nie mehr auf der Höhe, ein Leiden löse immer das andere ab. Sie könne doch nun nicht immerweg Kinder haben. Die Verhütung hätte trotz aller Vorsicht versagt, wie das nun weiter werden solle?! Sie hätte alles schrecklich satt. Hans sagte mir später, daß sie auch darin ganz hypochondrisch wäre, daß sie sich psychisch anormal fände. Das klingt nun, wenn man Hans’ Klagen und ihre Klagen zusammenhält, nicht gerade hoffnungsvoll für die Zukunft und der Gedanke kommt: Hätten sie damals Peterchen nicht zur Welt kommen lassen, wäre es vielleicht besser gewesen, beide wären frei und könnten sich wieder lösen. Nun geht es nicht.
[…]
April 1922
Hans war für ein paar Stunden hier. Wir sprachen
wie früher und Hans sprach auch von Ottilie. Er sagte sie wäre so
furchtbar gespannt. Sie lebt immer in der Sorge wieder schwanger zu
werden, will das durchaus nicht.
[…]
Die sich immer verschlimmernden wirtschaftlichen Verhältnisse wirken sehr hemmend auf das Kinderkriegen ein. Ein Kind, das wollen die meisten, auch die Ledigen sind voller Tapferkeit bei allen Schwierigkeiten, so lange es das erste Kind gilt. Aber dann ist es meist schon zu Ende und ich kann mich nicht darüber wundern. Heiraten und Kinder haben heißt jetzt, wie eine Arbeiterfrau vom Morgen bis in die Nacht den Haushalt leben. Hilfe zu nehmen ist fast unmöglich. Wäre ich in dieser Generation lebend, hätte ich auch nicht die Hilfe haben können wie ich sie hatte, ich hätte nicht arbeiten können. Meine Entwicklung wäre ganz anders gegangen. Das ist ganz klar. Darum empfinden die jungen Frauen, die künstlerisch oder wissenschaftlich arbeiten wollen, jetzt einen so heftigen Unmut.
Außerdem sind sie fast alle unterernährt. Fleisch ist zu teuer. Hans und Otty, Josua und Anna-Erika, Hennes und Rele—wie sehen die alle aus? Mast und Pflege täte ihnen allen not. Ein Essen wie im Odenwald in Gronau. Alles—Milch Eier Fleisch Fett ist kaum mehr erschwinglich.
[…]
Mitte Mai 1922
[…]
Ging zur Wittekind[4] herauf und fand sie Strümpfe stopfend neben ihrem Mittag, das auf Gas kochte. Zeigte mir ihre Arbeiten, in denen sie anfängt zur Natur zurückzugehn. Vielleicht gehört sie zu den wenigen jungen Frauen, die wirklich allein für sich leben können. Ich meine nicht ohne Männer, aber so, daß sie nicht ihr Zentrum in den Männern haben. Die meisten Frauen empfangen eigentlich erst ihr Leben durch die Männer, bilden es sich wenigstens ein, treten in die Ehe und sind nun fest. Hedwig Wittekind bringt es vielleicht fertig frei zu bleiben, Künstlerin, niemand brauchend, Bohèmienne durch Anlage. Das ist nur Mädchen möglich, die nicht sehr sinnlich sind. Diese—auch ich gehörte dazu—werden beherrscht durch ihr Geschlecht. Hätte ich nicht Karl geheiratet und wäre damit eine mich oft beengende aber im ganzen glückliche und gesunde Einkapselung des Geschlechtstriebs vorgenommen—so hätte ich meine Ledigkeit wohl schlecht benutzt. Wenn jemand fortgesetzt voll Sinnlichkeit um mich warb, wär meine eigene gleich erregt [worden], der Geschlechtstrieb hätte mich, schlimmer als in der Ehe, untergehabt. Die meisten Mädchen hat er so unter.
[…]
Wittekind wird aber—selbst wenn sie ein Kind hat— in der Hauptsache künstlerisch arbeitender Mensch bleiben. Unbekümmert um das Gerede wie sie jetzt Modell steht, würde sie leben, wie sie es möchte. Früher meinte ich, die Mädchen könnten das eine Zeit durch, nachher—wenn sie altern—bieten sie ein klägliches Bild. Auch das glaub ich nicht mehr. Dieser neue Mädchentyp ist sehr anziehend. Daß aus Mädchen bis zur heutigen Erfahrung kein Genie hervorgegangen ist, ist mir jetzt auch gleichgültig. Nicht nur Genies haben das Recht sich so eingängerisch zu benehmen. Wo gibt es denn jetzt unter den Malern ein Genie? Auch die männlichen Künstler können froh sein, achtungswerte Leistungen hervorzubringen, gut Künstler-Handwerker zu sein. Das können Frauen auch.
Die Hilde Schindler-Fuchs geht noch den Weg wie ich ihn gegangen bin. Sie heiratet standesamtlich, bekommt zwei Kinder, hat Pflichten und Sorgen und Mühen und sieht wie sie daneben das Künstlerische retten kann. Vielleicht hätte sie ein Leben wie Wittekind es wählt gar nicht führen können. Ich hätte es meiner Neigung nach wohl führen können, nur glaub ich eben, ich wär gescheitert durch meine kritiklose leicht erregte Sinnlichkeit. Wittekind sagt sie braucht Menschen nicht, vielleicht ist es bei ihr wirklich wahr.
[…]
4. Dezember 1922
[…]
…mein Weg ist klar und einleuchtend, andere gehn unklare Wege. Plivier z. B. Im Frühjahr will er losgehn, wandern und predigen. Er will die Tat predigen, aber die innerliche Tat, Abwendung vom Leben in seinen veralteten schlechtbewährten Formen, Bodenbereitung einem neuen geistig befreiten Leben. Er nähert sich schon dem [Leonhard] Stark und [Ludwig Christian] Haeusser, die meiner Meinung nach verrückte und üble Leute sind. Falsche Propheten. Dann all die Gemeinden, die einen neuen Erotismus predigen (‘religiöse Bohème’).[5] Das erinnert schon an die Wiedertäufer, an die Zeiten in denen—wie jetzt—die Weltwende[6] ausgerufen wird und das Tausendjährige Reich als vor der Tür stehend verkündet. Gegenüber all diesen Phantasten kommt mir mein Tun klar vor. Ich wünschte schon, ich könnte noch lange Jahre so arbeiten.
[…]
Anmerkungen
Quelle: Käthe Kollwitz, Die Tagebücher, herausgegeben von Jutta Bohnke-Kollwitz. Ost-Berlin: Wolf Jobst Siedler Verlag, 1989, S. 418, 434-35, 448, 451, 454, 461-62,465, 470, 472, 484-89, 500-1, 504-05, 507, 520-22, 527-8, 533-4, 536, 542-43, 551-52, 568, 638-40, 646, 650-53, 659.