Quelle
[…]
Als die Deutsche Nationalversammlung am 22. und 23. Juni vor der schweren Wahl stand, sich den unerträglichen und schmachvollen Bedingungen unserer Feinde zu unterwerfen oder die Folgen einer Ablehnung mit mannhafter Entschlossenheit hinzunehmen, da gab den Ausschlag die Berufung auf den moralischen Zusammenbruch des deutschen Volkes. Das deutsche Volk, so verkündeten die Befürworter der Unterwerfung, verfüge nicht mehr über die für einen Widerstand irgendwelcher Art erforderliche moralische Kraft.
Und in der Tat, auch der Mutige und Entschlossene konnte sich in diesen ernsten Augenblicken der Sorge nicht entschlagen, ob das deutsche Volk in dem gegebenen Zustand seiner sittlichen Kräfte einer rettenden Großtat überhaupt noch fähig sei. Wir brauchen uns nur umzusehen, um überall die entsetzlichen Verwüstungen in der Moral des deutschen Volkes gewahr zu werden. Fast jeder Tag bringt neue Zeichen der Auflösung des Sinnes für deutsche Zucht und deutsche Ordnung, für deutsche Zusammengehörigkeit und deutsches Staatsgefühl, neue Zeichen für den erbärmlichen Kleinmut und die stumpfsinnige Gleichgültigkeit gegenüber unsern höchsten Gütern, für das hemmungslose überwuchern des ödesten und blödesten Materialismus, des borniertesten und kurzsichtigsten Egoismus. Das ist aus dem wunderbaren Geist der Einheit und Entschlossenheit geworden, in dem das deutsche Volk im August 1914 zu den Waffen griff, um Haus und Herd, deutsche Arbeit und deutsches Wesen vor fremder Gewalt zu schützen!
Dieser in der Geschichte der Völker beispiellose Zusammenbruch ist es, der in der entscheidenden Stunde des Krieges unsere Kampfkraft und Widerstandsfähigkeit vernichtet, der uns die fälschlich „Waffenstillstand“ genannte Entwaffnung gebracht, der uns schließlich in das Elend und die Schande des Versailler „Friedens“ geführt hat.
Auf vielen Tausenden von Lippen liegt heute die schmerzliche Frage: Wie war es möglich, daß unser Volk nach mehr als vier Jahren eines Heldenkampfes ohnegleichen so elend in sich zusammenstürzte? Wie war es möglich, daß auf die höchste Anspannung aller vaterländischen Tugenden die Wahnsinnsorgie der nationalen Selbstentäußerung, der Verleugnung und Beschmutzung alles dessen folgen konnte, was unserem Volke heilig war und es groß gemacht hat?
Ich will die zermürbenden Wirkungen des Krieges selbst nicht unterschätzen. Die Überspannung aller Kräfte bei mangelhafter Ernährung hat den körperlichen Zustand des deutschen Volkes in einer Weise herabgebracht, daß auch die moralische Widerstandsfähigkeit dadurch nicht unberührt bleiben konnte. Die seelischen Leiden, von denen keiner verschont geblieben ist, haben ein übriges getan. Der jähe Absturz von der Höhe unserer militärischen Erfolge im Juli und August 1918 traf das deutsche Volk unvorbereitet und erschütterte seinen Glauben an sich selbst und sein bisher unbedingtes Vertrauen in die militärischen Führer, die im Verlauf des Krieges der feste Stein des Glaubens an unseren Sieg geworden waren. Alles das macht eine moralische Depression erklärlich, wie wir sie zu Zeiten auch bei den Völkern unserer Feinde beobachten konnten. Wenn aber bei uns die moralische Depression zur moralischen Katastrophe geworden ist, so fällt die Schuld daran auf die Maulwürfe, die in langer unterirdischer Arbeit den Boden unserer nationalen Selbstbehauptung unterwühlt und unterhöhlt haben. In das Verhängnis geführt haben uns die Wahnideen, die unserem Volke geradezu in verbrecherischer Weise eingeimpft worden sind; die Wahnideen, die sich schließlich in vielen Millionen von Köpfen zu der Überzeugung verdichteten: der Verteidigungskrieg ist eine Lüge: der deutsche Imperialismus ist am Kriege schuldig oder zum mindesten mitschuldig: wir könnten längst einen erträglichen und ehrenvollen Frieden der Verständigung haben, wenn nicht die Eroberungsgelüste unserer Gewalthaber ihn verhinderten; der Kaiser, unsere monarchische Staatsform und unser „Militarismus“ sind Friedenshindernisse, die einer Verständigung mit den Völkern unserer Feinde entgegenstehen: werden diese Hindernisse beseitigt, verjagen wir den Kaiser, machen wir die Republik, legen wir die Waffen nieder, dann ist der Friede da; und sollte sich eine feindliche Regierung widersetzen, uns einen ehrenvollen Frieden zu gewähren, so wird sie von dem Sturm des solidarisch fühlenden Proletariats hinweggefegt werden!
Den entscheidenden Antrieb haben diese Wahnideen erhalten in den parlamentarischen Vorgängen des Juli 1917, die zu der vielberufenen Friedensresolution des Reichstags führten. Von den Verhandlungen des Hauptausschusses des Reichstags ausgehend, erschütterte zum erstenmal ein heftiger Stoß das deutsche Vertrauen in die Möglichkeit des Durchhaltens und verbreitete sich der verhängnisvolle Glaube, daß unsere Feinde für eine gütliche Verständigung zu haben wären, daß jedoch unsere heimischen Gewalten erst noch durch den Druck des Volkes und der „Mehrheitsparteien“ des Reichstages zu einer solchen Verständigung gezwungen werden müßten. An die Friedensresolution knüpfte alles weitere an, sowohl die defaitistisch-pazifistische Agitation wie auch die revolutionäre Propaganda in Heimat und Heer.
Es war der damalige Abgeordnete und Heutige Reichsfinanzminister Erzberger, der den ersten Streich führte. In der Sitzung des Hauptausschusses machte er am 6. Juli 1917 den im Inland und Ausland die größte Sensation erregenden Vorstoß, der dann mit der Resolution des Reichstags vom 19. Juli seinen Abschluß fand.
[…]
Nach innen aber erzeugte und verbreitete die unselige Friedensresolution zunächst die erste starke Erschütterung des Glaubens an unsere Sache und des Willens zum Durchhalten; dann die grundverkehrte Meinung, daß irgendwelche phantastischen Kriegsziele des Militärs, der Regierung oder des Kaisers das wahre Friedenshindernis seien. Sie gab dem Kampf um den Frieden die Richtung gegen die Spitzen des Heeres und der politischen Leitung, statt gegen die Feinde, deren Kriegsziele nur nach einer völligen Niederwerfung Deutschlands zu verwirklichen waren. Die Erbitterung, der Zorn und die Wut, die der endlose Krieg im deutschen Volke auslöste, wurden von unseren Feinden auf die „Alldeutschen“, die „Annexionisten“, die „Militärpartei“ abgelenkt. Es kamen dann die Tage der Vergötterung Wilsons als des Künders einer neuen Zeit der Gerechtigkeit und Menschlichkeit zwischen den Völkern. Es kam die Versicherung des Herrn Erzberger, daß er, wenn man ihm nur gestatte, mit Lloyd George zu verhandeln, in wenigen Stunden den Frieden herbeiführen werde. Es kam die revolutionäre Propaganda im Heer und in der Flotte mit der Parole: „Der Umsturz ist Friede.“ Ja es kam die lärmende Interpellation der revolutionären Agitatoren wegen der angeblich von Regierung und Heeresleitung geförderten alldeutschen Agitation im Heer, und es kam zu diesem heuchlerischen und verbrecherischen Treiben der demonstrative Beifall der „Mehrheitsparteien“, der den Totengräbern der Ordnung in Heer und Staat ihre Unschuld und ihr „Existenzrecht“ attestierte! Und schließlich ist die Saat des Juli 1917 im November 1918 fürchterlich aufgegangen.
Es ist notwendig, heute die Augen des deutschen Volkes auf diese Vorgänge und Zusammenhänge hinzulenken. Der Frieden der Schmach und Knechtung, den unsere Feinde unserm Volk auferlegt haben, nachdem dieses, betört durch unsinnige und verhängnisvolle Wahnideen, sich selbst wehrlos gemacht und in die Hand seiner Peiniger und Unterdrücker begeben hat — dieser Frieden wirft ein grausames Licht nach rückwärts auf die Vorgänge, die das deutsche Volk erlebt hat, die es in blindem Drange hat gestalten helfen und die es in seinen großen Massen bis zum heutigen Tage noch nicht begriffen hat; die es aber begreifen und bis ins letzte durchschauen muß, wenn es wieder gesunden und sich wieder aufrichten will. Das deutsche Volk muß erkennen, von wem, mit welchen Mitteln und auf welchen Wegen es in die Irre geleitet, in Elend und Schande geführt worden ist. Nur dann wird es sich selbst wiederfinden.
Quelle: Karl Helfferich, „Die Juli-Resolution, der Anfang des moralischen Zusammenbruchs”, Kreuz-Zeitung, Nr. 300, 1. Juli 1919, abgedruckt in Fort mit Erzberger!, Flugschriften des Tag, Nr. 8. Berlin: August Scherl, 1919, S. 5-12.