Quelle
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Der damalige Vizekanzler und leichtfertigste aller Finanzminister, Staatsminister Helfferich, hat dieser Tage von den inneren Mächten der Zersetzung gesprochen, die die Katastrophe des moralischen und nationalen Zusammenbruchs verschuldet haben. Er hat es unterlassen, hierbei jene unheilvolle Wirtschaftspolitik der damaligen Regierung zu erwähnen, die dem moralischen Siegeswillen des deutschen Volkes so sehr geschadet hat und deren hauptsächlichster Träger er selbst war. Wir stehen am Abschluß des Krieges und, wie wir hoffen, am Beginn des Wiederaufbaues der Nation. Ziehen wir die innere Bilanz, so haben wir auf der einen Seite ethische und physische Verheerungen und Verwüstungen an Menschenleben und Menschenkraft, an physischen und moralischen Werten, Verarmung und Verelendung der mittleren und unteren Schichten, auf denen die Not des Krieges am drückendsten gelastet hat, und Riesengewinne, Konsolidierung des Kapitals, Reichtum, Luxus, Wohlleben und ungeschmälerter Besitz des größeren Teils der bisher herrschenden Klassen auf der anderen Seite. Reich und arm sind abgrundtief getrennt und nur geeint durch das gemeinsame Band nacktester Selbstzucht und schrankenloser Genußsucht. Drohend erhebt sich aus dem Zusammenbruch der bisherigen Staats- und Wirtschaftsordnung als extremste Reaktion des verletzten Gerechtigkeitsgefühls der Volksmassen die wahnsinnige, alles zerstörende und negierende Theorie des Bolschewismus. Das Heilmittel gegen diese asiatische Krankheit ist die aus sozialer Gerechtigkeit aufgebaute heilige Ordnung, welche den wohlbegründeten Volkswünschen Rechnung trägt und in kluger Führung das Gebot der Stunde erfüllt. Der verstärkte Ruf nach Sozialisierung ist nur das Echo der überkapitalistischen Kriegswirtschaft.
Ein großes Stück Sozialisierung ist allerdings in den wenigen Monaten der jungen deutschen Republik bereits unbemerkt vollzogen worden. Das Steigen des Arbeitslohnes und das Fallen des Geldwertes sind die größte Sozialisierung, die die Welt kennt. Der Kapitalist, der vor dem Kriege aus 100 000 Mark Vermögen 6000 Mark Jahreseinkommen zog und heute dieselbe Rente hat, steht jetzt schlechter da als der Telegraphenarbeiter, der vor dem Kriege 1500 Mark Einkommen hatte und jetzt 7800 Mark Lohn bezieht. Das Sinken des Kapitalertrages und das Steigen des Arbeitslohnes sind natürliche Folgen unerträglicher Kriegsmaßnahmen. Die Kriegsindustrie hat alles gebunden und in den Dienst des Vaterlandes zu stellen versucht: die Arbeiterschaft, den freien Willen des einzelnen, die Freizügigkeit, die Meinungsäußerung, nur eines blieb frei und fand uneingeschränkte Förderung: der Kriegskapitalismus. Das Militär hatte nur einen gebieterischen Ruf: „Wir brauchen Kriegsgerät, koste es, was es wolle.“ Wirtschaftliche Gesichtspunkte spielten keine Rolle, die Preise stiegen, Riesengewinne sammelten sich an. All dies wurde noch mit den Worten „nationale Pflichterfüllung“ verbrämt. Mit dem Ende des Krieges mußte der Rückschlag kommen. Wellenberg und Wellental wechseln im Geschick der Völker ab. So war es selbstverständlich, daß die breite Masse des Volkes am Ende des Krieges nicht nur nach der Einziehung der Kriegsgewinne rief, sondern auch ihren Teil von der Wegnahme des Kriegsgewinnes haben wollte. Eine gut durchdachte, scharf angelegte Reichsfinanzreform wird dem Ruf nach Sozialisierung Gehör verschaffen: Erbschaftssteuer und große Vermögensabgabe sind die ersten einleitenden Schritte; andere werden folgen.
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Quelle: Matthias Erzberger, „Einführungsrede und Übersicht der durch die neuen Vorlagen gekennzeichneten Budget- und Steuergestaltung“, Nationalversammlungs-Drucksachen, 50. Sitzung; abgedruckt in Reden zur Neuordnung des deutschen Finanzwesens, Reichsminister der Finanzen, Matthias Erzberger. Berlin: Verlag von Reimar Hobbing, 1919, S. 6-7.