Kurzbeschreibung

Matthias Erzberger (1875-1921) stieg aus bescheidenen katholischen Verhältnissen zu einem der prominentesten und bedeutendsten Politiker während des Ersten Weltkriegs und in den ersten Jahren der Weimarer Republik auf. Dass er dies ohne adeligen Stammbaum, ohne Militärdienst und ohne Universitätsabschluss tat, machte seinen Aufstieg umso bemerkenswerter.

Erstmals 1903 als Mitglied der katholischen Zentrumspartei in den Reichstag gewählt, nutzte Erzberger unter der alten Reichsregierung seine für ihn typische Fähigkeit zu harter Arbeit, um die Verfahrensweisen der gesetzgebenden Körperschaft bis ins kleinste Detail zu beherrschen. Anfangs unterstützte er Deutschlands aggressives Streben nach einem militärischen Sieg im Ersten Weltkrieg, doch 1917 hatte sich seine Position dahingehend gewandelt, dass er für einen sofortigen Verhandlungsfrieden eintrat. Erzberger leitete später die vierköpfige deutsche Delegation, die am 11. November 1918 den Waffenstillstand unterzeichnete – eine ebenso notwendige wie undankbare Aufgabe, die ihn zur Zielscheibe unerbittlicher Angriffe von rechts machte. Weniger als drei Jahre später, am 26. August 1921, ermordeten rechtsextreme Attentäter Matthias Erzberger bei einem seiner Morgenspaziergänge.

Nach seiner Ernennung zum Finanzminister Ende Juni 1919 nahm Erzberger eine umfassende Überarbeitung des deutschen Steuersystems in Angriff, um es gerechter und effizienter zu gestalten. Eine gerechte Steuerpolitik, so glaubte er, würde größere soziale Gleichheit fördern und gleichzeitig die notwendigen Anreize für individuelle Initiative bieten und die wirtschaftlichen Turbulenzen vermeiden, die die meisten Deutschen mit dem Kommunismus verbanden. Erzberger sprach sich dafür aus, Einkommen aus Kapitalanlagen höher zu besteuern als das aus Arbeit, da er letztere als einen weitaus produktiveren Beitrag zur Wirtschaft ansah. Außerdem wollte er das Wohlstandsgefälle in Deutschland, das sich durch den Krieg noch vergrößert hatte, verringern und nahm in seinen Reden und politischen Vorschlägen regelmäßig insbesondere die Kriegsgewinnler ins Visier.

Erzbergers Ausführungen zum Thema „Die Gefahr des Bolschewismus“ stammen aus einer längeren Rede, die er am 8. Juli 1919 vor der Nationalversammlung hielt und in der er seine erste Vision einer systematischen Steuerreform darlegte. Erzberger formulierte die von ihm vorgeschlagenen Reformen als eine Möglichkeit, die bedrängten Durchschnittsdeutschen gegen den Sirenengesang des Bolschewismus immun zu machen, indem er ihnen die soziale Gleichheit verschaffte, die sie innerhalb einer neuen und gerechter besteuerten kapitalistischen Ordnung forderten.

Er begann diese Passage jedoch mit einem scharfen Angriff auf den DNVP-Politiker und ehemaligen Kriegsfinanzminister Karl Helfferich, den Erzberger dafür verantwortlich machte, die Kriegsgewinnler und die aufkeimenden Ungerechtigkeiten überhaupt erst ermöglicht zu haben. Helfferich war auch ein führender Propagandist der falschen Behauptung, die deutsche Niederlage sei auf Landesverrat zurückzuführen und nicht auf die militärische und wirtschaftliche Überlegenheit der Alliierten. Erzberger spielte in seiner Kritik an Helfferich kurz auf diese falsche Behauptung – die später als „Dolchstoßlegende“ bekannt wurde – an, was die bittere Feindschaft zwischen den beiden Männern nur andeutete. Helfferich setzte in den folgenden Jahren seine scharfen Breitseiten gegen Erzberger und andere Anhänger der Republik fort und schuf ein vergiftetes politisches Klima, in dem gezielte Attentate, darunter auch das auf Erzberger selbst im Jahr 1921, immer häufiger wurden.

Nachdem er Helfferich für die weit verbreiteten wirtschaftlichen Ressentiments in Deutschland verantwortlich gemacht hatte, warnte Erzberger in dieser Passage, dass diese Ressentiments, wenn sie nicht behoben würden, die „zerstörerische“ Anziehungskraft des Bolschewismus noch verstärken würden. Um dieser Anziehungskraft entgegenzuwirken, schlug er den Aufbau einer neuen, auf sozialer Gerechtigkeit basierenden Ordnung vor, welche die Republik bereits unbemerkt durch steigende Löhne für die Arbeiter und einen Rückgang des Wertes der Kapitalanlagen eingeführt hatte. Erzberger schloss diese Passage mit dem Argument, dass die Bevölkerung nach wie vor ihren gerechten Anteil an den Kriegsgewinnen haben wolle und dass gut durchdachte Finanzreformen diese berechtigten Forderungen erfüllen würden.

Matthias Erzberger über die Gefahr des Bolschewismus (8. Juli 1919)

Quelle

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Der damalige Vizekanzler und leichtfertigste aller Finanzminister, Staatsminister Helfferich, hat dieser Tage von den inneren Mächten der Zersetzung gesprochen, die die Katastrophe des moralischen und nationalen Zusammenbruchs verschuldet haben. Er hat es unterlassen, hierbei jene unheilvolle Wirtschaftspolitik der damaligen Regierung zu erwähnen, die dem moralischen Siegeswillen des deutschen Volkes so sehr geschadet hat und deren hauptsächlichster Träger er selbst war. Wir stehen am Abschluß des Krieges und, wie wir hoffen, am Beginn des Wiederaufbaues der Nation. Ziehen wir die innere Bilanz, so haben wir auf der einen Seite ethische und physische Verheerungen und Verwüstungen an Menschenleben und Menschenkraft, an physischen und moralischen Werten, Verarmung und Verelendung der mittleren und unteren Schichten, auf denen die Not des Krieges am drückendsten gelastet hat, und Riesengewinne, Konsolidierung des Kapitals, Reichtum, Luxus, Wohlleben und ungeschmälerter Besitz des größeren Teils der bisher herrschenden Klassen auf der anderen Seite. Reich und arm sind abgrundtief getrennt und nur geeint durch das gemeinsame Band nacktester Selbstzucht und schrankenloser Genußsucht. Drohend erhebt sich aus dem Zusammenbruch der bisherigen Staats- und Wirtschaftsordnung als extremste Reaktion des verletzten Gerechtigkeitsgefühls der Volksmassen die wahnsinnige, alles zerstörende und negierende Theorie des Bolschewismus. Das Heilmittel gegen diese asiatische Krankheit ist die aus sozialer Gerechtigkeit aufgebaute heilige Ordnung, welche den wohlbegründeten Volkswünschen Rechnung trägt und in kluger Führung das Gebot der Stunde erfüllt. Der verstärkte Ruf nach Sozialisierung ist nur das Echo der überkapitalistischen Kriegswirtschaft.

Ein großes Stück Sozialisierung ist allerdings in den wenigen Monaten der jungen deutschen Republik bereits unbemerkt vollzogen worden. Das Steigen des Arbeitslohnes und das Fallen des Geldwertes sind die größte Sozialisierung, die die Welt kennt. Der Kapitalist, der vor dem Kriege aus 100 000 Mark Vermögen 6000 Mark Jahreseinkommen zog und heute dieselbe Rente hat, steht jetzt schlechter da als der Telegraphenarbeiter, der vor dem Kriege 1500 Mark Einkommen hatte und jetzt 7800 Mark Lohn bezieht. Das Sinken des Kapitalertrages und das Steigen des Arbeitslohnes sind natürliche Folgen unerträglicher Kriegsmaßnahmen. Die Kriegsindustrie hat alles gebunden und in den Dienst des Vaterlandes zu stellen versucht: die Arbeiterschaft, den freien Willen des einzelnen, die Freizügigkeit, die Meinungsäußerung, nur eines blieb frei und fand uneingeschränkte Förderung: der Kriegskapitalismus. Das Militär hatte nur einen gebieterischen Ruf: „Wir brauchen Kriegsgerät, koste es, was es wolle.“ Wirtschaftliche Gesichtspunkte spielten keine Rolle, die Preise stiegen, Riesengewinne sammelten sich an. All dies wurde noch mit den Worten „nationale Pflichterfüllung“ verbrämt. Mit dem Ende des Krieges mußte der Rückschlag kommen. Wellenberg und Wellental wechseln im Geschick der Völker ab. So war es selbstverständlich, daß die breite Masse des Volkes am Ende des Krieges nicht nur nach der Einziehung der Kriegsgewinne rief, sondern auch ihren Teil von der Wegnahme des Kriegsgewinnes haben wollte. Eine gut durchdachte, scharf angelegte Reichsfinanzreform wird dem Ruf nach Sozialisierung Gehör verschaffen: Erbschaftssteuer und große Vermögensabgabe sind die ersten einleitenden Schritte; andere werden folgen.

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Quelle: Matthias Erzberger, „Einführungsrede und Übersicht der durch die neuen Vorlagen gekennzeichneten Budget- und Steuergestaltung“, Nationalversammlungs-Drucksachen, 50. Sitzung; abgedruckt in Reden zur Neuordnung des deutschen Finanzwesens, Reichsminister der Finanzen, Matthias Erzberger. Berlin: Verlag von Reimar Hobbing, 1919, S. 6-7.