Kurzbeschreibung

Diese Kontaktanzeige erschien in der Zeitschrift Der Eigene, die sich an eine landesweite Leserschaft von gebildeten schwulen Männern der Mittelschicht richtete. Für diejenigen, die nicht in der Nähe einer Schwulenbar oder -organisation wohnten oder sich nicht trauten, eine solche zu betreten, boten solche Anzeigen eine Möglichkeit, andere Männer kennenzulernen. Indem er seine Anzeige in einer der politischsten und literarischsten Schwulenzeitschriften der damaligen Zeit schaltete, hoffte der Anzeigenschalter wahrscheinlich auch, jemanden mit ähnlichem sozialen und kulturellen Hintergrund anzusprechen, was die Anzeige selbst noch verstärkte, indem sie die kulturellen Interessen und den sozialen Hintergrund des Mannes angab.

Der Eigene war eine von fast zwei Dutzend Publikationen in der Weimarer Republik, die sich an eine Leserschaft richteten, die wir heute als Teil der LGBTQ+ Community bezeichnen. Tatsächlich war Der Eigene weltweit die erste Publikation dieser Art. Der Schwulenaktivist Adolf Brand druckte die erste Ausgabe im Jahr 1896 und richtete sie an eine Leserschaft von gebildeten, schwulen Männern der Mittelschicht. Nachdem das Erscheinen während des Ersten Weltkriegs eingestellt worden war, erschien Der Eigene im November 1919 wieder und erreichte während der Weimarer Republik eine Auflage von 2.000 bis 3.000 Exemplaren pro Ausgabe.

Trotz des vergleichsweise toleranten Verlagswesens in Deutschland geriet die Zeitschrift immer wieder in Konflikt mit der staatlichen Zensur, so zum Beispiel im Januar 1922, als ein Berliner Gericht Brand wegen der Verbreitung von „Obszönitäten“ verurteilte. Die Staatsanwaltschaft nahm vor allem Schwulenzeitschriften wie Der Eigene wegen der Veröffentlichung „unzüchtiger Anzeigen“ ins Visier, was zu der keuschen und eher vorsichtigen Formulierung dieser und fast aller anderen Kontaktanzeigen beitrug, die in dieser Zeit erschienen.

Brands polemische Breitseiten gegen die organisierte Religion wegen ihrer konservativen Ansichten zur Sexualität brachten ihm indessen eine Reihe mächtiger Feinde im deutschen Establishment ein, insbesondere innerhalb der katholischen Zentrumspartei. Mit seinem stark polarisierenden und chauvinistischen Ansatz zur Durchsetzung der Rechte schwuler Männer entfremdete Brand zudem viele Menschen in der Weimarer Republik. Als die Behörden Der Eigene Ende 1920 kurzzeitig verboten, brachte Brand eine noch unverblümtere Zeitschrift mit dem Titel Freundschaft u. Freiheit heraus, die den provokanten Untertitel Ein Blatt für Männerrechte, gegen Spießbürgermoral, Pfaffenherrschaft und Weiberwirtschaft trug. Angesichts von Brands Vorgeschichte ist es vielleicht nicht überraschend, dass diese Zeitschrift nur elf Ausgaben überdauerte. Danach nahm Brand die Zeitschrift Der Eigene wieder auf, obwohl sowohl wirtschaftliche Turbulenzen als auch die staatliche Zensur ihm weiterhin zu schaffen machten.

Kontaktanzeige aus der Zeitschift Der Eigene (1929)

Quelle

243 / Freiburg i/Br.
Suche in Freiburg oder Umgegend Gedankenaustausch mit einem treuen, aufrichtigen lieben Menschen von 20-30 Jahren. Bin aus guter Familie und 26 Jahre alt. Zuschriften unter obiger Kennmarke.

Quelle: Der Eigene, ca. 1929; in Rainer Hoffschildt, Kurze Chronik der Schwulen in Baden-Württemberg mit dem Schwerpunkt Nordbaden – Zusammenstellung aufgrund von Hinweisen aus dem Schwullesbischen Archiv Hannover. Hannover, 2015. Online verfügbar unter:
https://www.der-liebe-wegen.org/die_20er_aufbruch/