Kurzbeschreibung

Die rasante Industrialisierung Deutschlands seit Mitte des 19. Jahrhunderts führte zu einem exponentiellen Wachstum der Städte, da Landarbeiter auf der Suche nach besser bezahlten Arbeitsplätzen in die Städte zogen. Die Stadt Essen im Herzen des stahlproduzierenden Ruhrgebiets war ein eindrucksvolles Beispiel für diese Entwicklung: Innerhalb von nur 35 Jahren wuchs die Bevölkerung Essens fast um das Sechsfache – von knapp 50.000 Einwohnern im Jahr 1875 auf fast 300.000 Menschen im Jahr 1910. Der Wohnungsbau und die Infrastruktur konnten mit der steigenden Nachfrage nicht Schritt halten, und die meisten Arbeiter der Stadt lebten in beengten Mietskasernen ohne ausreichende sanitäre Einrichtungen, Belüftung oder Sonnenlicht. Die körperliche Gesundheit und das soziale Wohlergehen der Einwohner litten entsprechend.

Die sich verschlechternden Lebensbedingungen in den Städten führten in der Weimarer Republik zu einer Reihe von Reformprogrammen, von denen einige der einflussreichsten aus dem Bauhaus stammten, der innovativen Kunst- und Designschule, die 1919 vom Architekten Walter Gropius (1883–1969) in Weimar gegründet wurde. Die Bauhaus-Architekten entwarfen Gebäude, die möglichst viel Tageslicht und Luft hereinließen, und versuchten, durch den Einsatz vorgefertigter Elemente Kosten zu sparen. 1926 entstand mit der Siedlung Dessau-Törten das erste nach den Grundsätzen der Schule entworfene Wohnbauprojekt in Deutschland. Im selben Jahr produzierte Hermann Becker, der Direktor der Humboldt-Filmgesellschaft, einen vierteiligen Dokumentarfilm mit dem Titel „Wie wohnen wir gesund und wirtschaftlich?“, der von einer Vorlesung Gropius' inspiriert war. Gropius selbst arbeitete an der Produktion des Films mit, da er darin eine gute Möglichkeit sah, die Ideen des Bauhauses einer breiten Öffentlichkeit näherzubringen. Der erste Teil des Films, der hier zu sehen ist und den Untertitel „Wohnungsnot“ trägt, konzentriert sich auf die unmenschlichen Lebensbedingungen der städtischen Arbeiterschaft. Die Aufnahmen zeigen baufällige Mietshäuser, klaustrophobische Hinterhöfe, lichtlose Wohnungen und die überfüllten Quartiere einer Obdachlosenunterkunft. In gestellten Szenen werden die angeblichen Folgen solcher Lebensbedingungen von Schauspielern dramatisiert: Kriminalität, Alkoholismus und Gewalt. Zwischentitel liefern Statistiken, welche die expliziten und impliziten Behauptungen des Films über das Ausmaß und die Folgen der Wohnungsnot in Deutschland untermauern.

Wohnungsnot (1926)

Quelle

1. Teil: Wohnungsnot
16 Millionen Deutsche wohnen in Großstädten ...
... und fast durchweg in Mietskasernen
Die Mietskaserne mit ihren 4-5 Stockwerken hat vor allem den Nachteil der engen lichtlosen Höfe
Diese Höfe entstehen, wenn Häuser mit Seiten- und Hintergebäuden gebaut werden, um jeden Quadratmeter Bodenfläche auszunutzen.
Dunkle Höfe sind wahre Brutstätten für Ungeziefer und Krankheiten
...und besonders für Kinder verhängnisvoll.
In Berlin haben 33% aller Wohnungen nur 1 Zimmer und 40 % 2 Zimmer - und in solchen engen Wohnungen hausen kinderreiche Familien
Wo die Sonne nicht hinkommt, kommt der Arzt hin.
Hier finden wir den überanstrengten Heimarbeiter, bei schlechtem Licht in unsauberen muffigen Wohnungen
Eine weitere Folge eng aufeinander hockender Mietsparteien ist Klatsch, Zank und Hader.
Kein Wunder, wenn diese Menschen ohne Heim ihre Erholung in der Kneipe suchen ....
... und wenn Trunksucht, Prostitution und Verbrechen hier ihre Schlupfwinkel haben.
Aber nicht viel besser geht es den Hunderttausenden in Notbaracken und Gartenlauben, die zugleich als Küche, Wohn-und Schlafraum dienen.

Quelle: Wie wohnen wir gesund und wirtschaftlich?, Regie: Ernst Jahn, Humboldt-Film GmbH, 1926. Bundesarchiv Filmarchiv Filmwerk ID: 2897 https://digitaler-lesesaal.bundesarchiv.de/video/2897/657754

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