Kurzbeschreibung

Georg von Bunsen (1824–1896) gehörte von den 1860er Jahren bis in die frühen 1880er Jahre dem Preußischen Landtag und dem Deutschen Reichstag an. 1880 trat er der Liberalen Vereinigung – auch „Secession“ genannt – bei, bevor er in die Deutsche Freisinnige Partei wechselte. Bunsens Ehefrau Emma von Birkbeck entstammte einer britischen Bankiersfamilie. Das Paar lebte etliche Jahre in London. Dort kam 1860 ihre Tochter Marie von Bunsen zur Welt, die eine bekannte Schriftstellerin wurde. Auszüge aus ihren Werken sind ebenfalls in dieser Quellensammlung enthalten. In dem hier wiedergegebenen Essay, der in englischer Sprache verfasst und im britischen Fortnightly Review veröffentlicht wurde, liefert Bunsen eine ausführliche Schilderung der linksliberalen Bewegung im Deutschland der 1880er Jahre und äußert sich zu ihren Zukunftsaussichten. Er setzt sich mit den Beziehungen zwischen der Partei und den anderen wichtigen Parteien seiner Zeit auseinander – unter anderem mit der Sozialdemokratie, die Bunsen mit dem Nihilismus gleichsetzt. Anschließend formuliert der Verfasser seine Gedanken über die Schwierigkeiten im Umgang mit dem preußischen Ministerpräsidenten und deutschen Kanzler Otto von Bismarck (1815–1898): „Wir sind der Meinung, dass er sich innenpolitisch absolut und grundlegend im Irrtum befindet, und lehnen sein System unerbittlich ab. Nach unserer Überzeugung ist er zu alt, um sich zu ändern und sich in etwas zu schicken, was von seiner Seite nie mehr war als ein Kriegsbündnis mit den Liberalen“.

Georg von Bunsen, „Die Liberale Partei in Deutschland“ (November 1882)

Quelle

Die Liberale Partei in Deutschland

[] Ich will zu erläutern versuchen, was in Deutschland „liberal“ ist oder zumindest den Liberalismus anstrebt, welche Gegenkräfte es gibt und wie es um seine möglichen Zukunftsaussichten bestellt ist. Wenn ich in diesem Versuch nur gelegentlich von anderen Staaten in Deutschland und beinahe ausschließlich von Preußen spreche, muss ich mich damit entschuldigen, dass Preußen sich infolge seiner territorialen Ausdehnung mit nahezu allen Gegensätzen und Problemen auseinandersetzen muss, die den deutschen Geist umtreiben.

Freiheraus gesprochen, sind das Bürgertum in Deutschland, dem die geistigen Kräfte der Nation vornehmlich zugehören, und die Klasse der landbesitzenden Bauern liberal eingestellt. Beide verdanken ihre Herausbildung in vergangenen Zeiten, ihre schrittweise Entfaltung und schließlich ihre Emanzipation in Preußen jenem bemerkenswerten Herrscherhaus der Hohenzollern, die sehr wohl wussten, womit sie es zu tun hatten, als sie vor vierhundert Jahren auf dem unfruchtbaren Sandboden der norddeutschen Tiefebene die Fundamente ihres langlebigen Reiches legten. Sie fanden das Land in den Händen einer Ansammlung anarchischer und ungestümer kleiner Gutsbesitzer vor, die darauf aus waren, die Freibauern zu Lohnarbeitern zu machen und die Stadtbewohner zu unterdrücken, die von ihrer Willkür abhängig waren, sobald sie auch nur Handel treiben wollten. Die Herrscherfamilie wurde fortan für alle Zeit als angestammte Beschützerin sowohl des Bauern als auch des Bürgers angesehen. Durch eine Reihe von Verfügungen sicherte sie die Besitzansprüche der Bauern oder bewahrte sie zumindest davor, dass ihnen ihre Gehöfte entrissen wurden, und sorgte dafür, dass der Städter innerhalb seines Wirkungskreises in Frieden leben und mit seinem besten Kunden, dem Freibauern, Handel treiben konnte. Wer feststellt, dass die liberale Bewegung in Deutschland ihre Waffen nie gegen die Krone richtet, sollte dieses Faktum, das seit Jahrhunderten fortbesteht, keinesfalls vergessen. Die Loyalität ihrem Souverän gegenüber beruht nicht nur auf Instinkt, sondern auf vernünftigen Erwägungen. Die Menschen wissen — und die bravourös-radikalen Berliner wissen es so gut wie jeder andere Menschenschlag —, dass das regierende Herrscherhaus im Ganzen, wenn man einen ausreichend langen Abschnitt der Nationalgeschichte in der Zusammenschau betrachtet, der allgemeinen Tendenz zum sozialen Fortschritt treu zu bleiben gewillt. Diese Tendenz hat sich durch eine Abfolge fähiger und mitunter herausragender Herrscher fest in ihren Charakter eingeprägt. Selbst jetzt, da der betagte Kaiser bei jeder Gelegenheit in Wort und Tat beweist, dass er „vollkommen“ und „für immer und ewig“ und „auf Lebenszeit“ „alle Bande“ mit den Liberalen „zerschnitten“ habe, hat die Loyalität in Bürger- und Bauernkreisen und auch bei ihren Anführern nicht im Mindesten gelitten. In keinem Land gab es wohl je eine „ergebenere Opposition“ als jene, die sich jetzt unter so widrigen Umständen und mit einigem Einverständnis in Preußen plagt.

Dem Land, so sagte ich, ist eine unverwüstliche, tief verwurzelte Neigung zum Fortschritt eigen. Die Geschichte beweist es. Der Selbsterhaltungsinstinkt scheint den Fortschritt als eine Notwendigkeit zu gebieten. Schon ein Blick auf Europas Landkarte zeigt: von Saarbrücken bis nach Königsberg sich erstreckende Grenzen, auf der einen Seite Nachbarländer, die gesellschaftlich so fortgeschritten sind wie Holland und Belgien sowie (in mancher Hinsicht) Frankreich, und auf der anderen Seite Russlands trister, ausgedörrter Despotismus – dies alles will in ein Gleichgewicht gebracht werden. Ein solches Gleichgewicht ist dem Liberalismus seinem Wesen nach zwangsläufig günstig, ungeachtet der lang anhaltenden Rückfälle, die Preußen erleidet, und des schmerzhaften Wechselspiels zwischen Stillstand, Rückschritt und Fortkommen. Der karge Boden und das strenge Klima in dem weitaus größten Teil Preußens bieten an und für sich einen zusätzlichen Anreiz. Wie der jetzige König und damalige Regent 1868 in seiner Ansprache an das Liberale Kabinett – das erste, das er einberief – so vortrefflich sagte, dürfen wir nicht „wie andere Nationen den erworbenen Wohlstand in Ruhe genießen“. Unsere produzierende Industrie unterscheidet sich von der Industrie anderer Nationen dadurch, dass sie wertvolle Exportartikel, aber keine Massenware herstellt und dadurch auf den freien Handel angewiesen ist, um zu bescheidenem Wohlstand zu kommen. Ich wiederhole: Preußen und mithin Deutschland kann wohl oder übel niemals lange rückschrittlich sein, weder gesellschaftlich noch wirtschaftlich. Allein schon die nationalen und geografischen Erschwernisse ihrer Existenz, sozusagen der Genius der Geschichte, weisen sie auf den Pfad des Fortschritts.

Diese Umstände und Erwägungen sollten den Ur-Liberalen und den Liberalen, die nur zuschauen, zweifelsohne ein Trost sein. Mehr als diese beiden Gruppen habe ich allerdings auch nicht aufzuzählen. Der geneigte Leser — sollten diese Seiten denn Leser finden — wird erschüttert sein, welch vielfältiges Aufgebot an Kräften sich ringsum aus dem Boden erhebt und dem Liberalismus entgegentritt. Wenn ihm nicht das Herz stehenbleibt, so können wir ihm versichern, dass auch unser Herz nicht stockt; doch vielleicht wird er unsere Schwierigkeiten ein wenig besser verstehen.

Schauen wir uns zunächst zwei Armeen, die dort im Felde stehen, genauer an. Beide sind dem Namen nach ebenso wenig konservativ wie der Substanz nach und dennoch ebenso gewiss gegen den Liberalismus: die Vatikan-Partei und die Sozialdemokraten. Keine von beiden ist in der Regierung des Landes vertreten. Beide ziehen ihre Stärke zu einem großen Teil aus den niederen Gesellschaftsschichten, und beide appellieren gewohnheitsmäßig, demagogisch und skrupellos an die blinden Leidenschaften dieser Schichten.

Im deutschen wie auch im preußischen Parlament haben die Vatikanisten rund ein Viertel aller Stimmen. In der Zentrumspartei, wie sie sich im Parlament zu nennen belieben, gibt es nur versprengte Protestanten, alle miteinander Anhänger des Herzogs von Cumberland, dessen Übernahme der Königswürde in Hannover sie mit so blinder Parteilichkeit befürworten, dass sie damit seine Aussichten, dem betagten jetzigen Herzog auf den Braunschweiger Thron zu folgen, schwer gefährden. Diese Protestanten sind gleichwohl eine höchst achtbare Riege von Männern und auf traurige Weise fehl am Platze unter den Parlamentsmitgliedern, die einem ausländischen Potentaten treu ergeben sind und vor ihm niederknien – dem König-Papst, seit Jahrhunderten, für alle Zukunft und in allen Landen ein Feind häretischer Herrscherhäuser.

Diese romhörige Gilde würde unter allen Umständen die Einigung Deutschlands unter einem protestantischen Kaiser sehr ernsthaft gefährden. Das ist doppelt wahr, seit Herr Windthorst die Führung übernommen hat, jener kleinwüchsige, kurz- und doch scharfsichtige Strippenzieher, der etwas Eichhörnchenhaftes an sich hat und – assistiert von geschickten Gehilfen, teils aus den gelehrten Berufen, teils adelig – mit erstaunlich beweglichem Geist seine Truppen ordnet. Sein Tun wird natürlich vom Pontifex in Rom gesteuert oder, genauer gesagt, von jenen geheimnisvollen Kräften, vor denen der Pontifex in Rom Ehrfurcht hat. Kein Auge hat jedoch je die Strippen verfolgt, mit denen er nach rechts und links bewegt wird; man bekommt nichts anderes zu hören als das Geschrei und Gelüst von katholischen Gewissen, von deutschen Bürgern, die verfolgt werden und geschützt werden sollten, nichts als strengen, unbeirrbaren Gehorsam gegenüber den Geboten der Verfassung. Die meisten Menschen vermuten in Windthorst, der ehemals Hannoverscher Justizminister war und heute diesem und jenem ehemaligen Herrscher als Rechtsberater zu Diensten ist, eher einen welfischen Parteigänger als einen Ultramontanen. Doch kein Wort des geistreichen und vielseitigen Parlamentsdebattierers taugt als Beweis, dass in seinem Denken welfische Befindlichkeiten die Oberhoheit haben. Schnell wie ein Blitz reagiert er auf Zwischenrufe, nimmt noch die beiläufigste Bemerkung zum Aufhänger, um einen gewichtigen Ausspruch daran zu knüpfen, doch bisweilen scheitert er freilich, wenn er versucht, eine lange und fundierte Rede zu halten. Doch er fesselt unfehlbar die Aufmerksamkeit eines Hohen Hauses, das ihm nicht eben zugetan ist. Er versteht sich darauf, Bismarck zu schmeicheln und ihm gelegentlich sogar willfährig den Rücken zu tätscheln. Und doch gibt es im deutschen oder im Preußischen Parlament nur Wenige, die die Kraft für so wilde Invektiven aufbringen oder ihrer Überlegenheit so kühl Geltung zu verschaffen wissen wie der kleinwüchsige Angreifer, der seinen großen runden Kopf zu dem gefürchteten Kanzler wandte und sprach: — „Wer mich überlisten will, muss früher aufstehen.“

[]

Dies ist also eine Gruppe von Männern im Land, die alten Traditionen anhängen und dennoch nicht konservativ sind, sondern subversiv, und eine ausländische und gewiss anti-liberale Macht darstellen. Eine weitere ist die Sozialdemokratie. Sie ist zwar ihrem Ursprung nach ausländisch, zeichnet sich jedoch durch eine deutsche Ausprägung des Kommunismus aus, dessen Hohepriester, Herr Marx in London, ein seltenes Glück zuteilwurde: Nachdem er von dem zum Staatsmann gewordenen Sozialisten Lassalle in den Hintergrund gedrängt worden war, durfte er feststellen, dass seine Prinzipien schließlich so akzeptiert wurden, wie er sie vor langer Zeit 1848 dargelegt hatte. Diese Mischung aus Tyrannei, Bequemlichkeit und Gier hat sich inzwischen zweifelsohne in den Gehirnen mehrerer Hunderttausend Arbeiter eingenistet, die keineswegs moralische Außenseiter sind, wie groß auch immer die Verbrechen sein mögen, für die ihnen allem Anschein nach nur die Gelegenheit fehlt. Mit den Konservativen als Partei haben sie nur wenig gemein außer ihrer Abscheu gegen die aufstrebende Mittelklasse und deren Vorliebe für despotisches Herrschen — denn dies ist, wie ich hier nicht zu erläutern brauche, die einzige Form, in der ein Gemeinwesen nach Marx’ Prinzipien regiert werden kann. Aus diesen beiden Gründen, so sonderbar es vielen erscheinen mag, handeln Bismarck und die Sozialdemokraten im Einklang miteinander. In Bismarcks ersten Regierungsjahren konnte man bereits beobachten, dass er Lassalle als einen Mann begrüßte, der in der Lage war, diese Massen zu organisieren, die – so dachte er – der verhassten „bourgeoisen“ Klasse mit Erfolg entgegenwirken würde, wenn keine anderen Kräfte für diesen Zweck ausreichend schienen. Bismarcks verschwiegener Privatsekretär, Herr Lothar Bucher, ist ein Ex-Sozialist, der zumindest im gemeinsamen flammenden Hass auf eine parlamentarische Regierung englischen Typs mit seinem Gebieter einer Meinung ist. Um 1864 wurde Schweitzer und anderen kommunistischen Revolutionären uneingeschränkte Redefreiheit gewährt – unglaublich in einer so polizeigeplagten Hauptstadt wie Berlin –, als sie prophezeiten, „ein neuer Robespierre werde das heilsame Wirken jenes großen Mannes fortführen“; aber nicht „im Interesse der bourgeoisie“ wie seinerzeit Robespierre, sondern „indem er den bourgeois die Köpfe abschlägt.“ Nachdem er die Sozialistenorganisation nach besten Kräften zerschlagen hatte, ohne dass von seinen alten Neigungen, so würde man meinen, auch nur das Geringste übrigblieb, zeigt Bismarck sich neuerdings bewandert in ihrer eigentümlichen Ausdrucksweise, was unter Staatsmännern ungewöhnlich ist. „Gebt ihm das Tabakmonopol“, sagten seine anerkannten Schergen, „auf dass er die erzielten Gewinne als Patrimonium der Enterbten verwende.“ Diejenigen, die nur wenige kommunistische Lehrbücher gelesen haben, erschauern womöglich vor dem, was eine solche Bedrohung für die Gesellschaft bedeutet, wenn sie aus einer solchen Ecke kommt, doch sie können nichts an der Tatsache ändern, dass Worte wie diese verwendet wurden. Ihrer Bedeutung und ihren möglichen zukünftigen Folgen tut auch ein anderes Faktum im Leben dieses außergewöhnlichen Mannes keinen Abbruch – das Faktum nämlich, dass das „Patrimonium der Enterbten“ seit einiger Zeit nicht mehr erwähnt wird und dass sogar jene Preßbengel das Wort „Kapitalismus“ wieder schätzen gelernt haben, die „Reptilien“[1] genannt werden und schreiben, was die Regierung ihnen in die Feder diktiert.

Es wurde genug gesagt, um zu erklären, warum dem Liberalismus, die Bürgerpartei, allerorten diese Nihilistische Schule entgegentritt, wohin auch immer er sich hinwendet. Leider kann der Kampf nicht länger – wie es im Interesse des Landes eigentlich sein sollte – ein Kampf Mann gegen Mann sein. Wer würde eine Partei verurteilen, solange sie geächtet, geknebelt, ausgehungert, verfolgt wird? [] Neben allerhand Papageien, die ihren Text auswendig hersagen, verfügen sie über raffinierte Organisatoren wie Marx‘ Bevollmächtigten Liebknecht und hervorragende Debattierer und Dialektiker wie Bebel, einen gelernten Dreher. Ich bezweifle, dass auch nur einer von ihnen überhaupt daran glaubt, man könnte ein großes Land mit 45 Millionen Einwohnern nach ihren Prinzipien organisieren, d. h. regieren. Doch ein einmonatiges oder einwöchiges Pandämonium wie die Pariser Kommune, die im ersten deutschen Parlament von 1871 (von Bebel) glorifiziert wurde, käme für sie durchaus in Betracht, wobei sie selbst als Oberbefehlshaber fungieren würden (als Empyreum der Glückseligkeit, für das sich zu kämpfen lohnt. Und unterdessen üben sie große Macht aus. []

Und worauf gründen sich vor diesem Hintergrund die Chancen des Liberalismus? Wir würden erwidern: auf seiner kraftvollen, seiner rettenden Wahrheit.

Der Absolutismus hatte seine Zeit. Wie in der Toskana war in Preußen ein aufgeklärter, arbeitsamer, gesetzestreuer Absolutismus unzweifelhaft ein großer Segen, und wer weiß, ob er sich nicht auch heute in Ländern wie Bulgarien, wie Serbien, wie Griechenland als Segen erweisen würde? Doch so, wie die Dinge stehen, könnte er in Deutschland keinen Thron behaupten; er könnte nicht die in einem modernen Staatswesen unbedingt erforderlichen finanziellen Mittel auftreiben; er könnte die Landesverteidigung nicht durchsetzen oder sicherstellen; er könnte nicht, ohne die Krone in Gefahr zu bringen, alle Verantwortlichkeiten in einer Person bündeln; er könnte nicht jenes Bedürfnis nach Selbstregierung befriedigen, das keineswegs ein verachtenswerter Instinkt höher entwickelter Rassen ist.

Das Cäsarentum, die Karikatur und der gefährlichste Feind der Monarchie, bedroht Deutschland durch Bismarcks verfehlte Innenpolitik mit erheblichen sozialen Missständen. Seine Maßnahmen der jüngsten Zeit beinhalten nichts Neues. Sie stammen aus dem Bas-Empire. Sie sind eine Kopie der von Napoleon III. unternommenen Versuche, die arbeitenden Klassen, bei denen er eine wachsende Abneigung gegen die mächtige französische bourgeoisie ausgemacht hatte, für das Haus Bonaparte zu gewinnen. So wie seine Politik wird auch Bismarcks Politik scheitern, auch wenn sie durch die späte Billigung eines sehr beliebten Souveräns unterstützt wird. Dies gilt umso mehr, als in unserem Land die Vorwände dafür fehlen. In Deutschland gibt es keine selbstsüchtige, aufgeblasene bourgeoisie. Das einfache Volk ist sehr stark an protestantische Selbstständigkeit gewöhnt. Welcher Amerikaner würde das leugnen, nachdem er unsere Einwanderer beobachtet hat, wenn sie an den Gestaden des Atlantik anlanden? Warum sollte man diesen mannhaften Wesenszug durch tätige Fürsorge ausmerzen, statt ihn zu hegen und zu pflegen? Die Deutschen bedürfen wie die Engländer nichts weiter, als alle rechtlichen Hindernisse für die Handlungsfreiheit beseitigt zu sehen, vor sich eine freie Bahn, ein offenes Feld, auf dem jeder seines Glückes Schmied sein kann. Wenn das Cäsarentum hingegen versucht, in einem Land mit knappen Ressourcen seine Herrschaft zu errichten, wird es nicht bloß scheitern, sondern unsäglichen Schaden anrichten und der Bevölkerung eine Unerschütterlichkeit und Energie abverlangen, wie sie nur dem Volk von Sparta eigen war. Kann das Cäsarentum eine Nation lehren, wie sie für sich selbst einen maßvollen und dennoch einigermaßen wohlproportionierten Anteil an der Industrie und am Handel der Welt erobern kann in einer weltgeschichtlichen Zeit, in der die Vereinigten Staaten von Amerika und die britischen Kolonien dabei sind, sich schrittweise in große industrielle Zentren zu verwandeln? Wird nicht das Cäsarentum, wenn der Tag kommt, an dem seine Kindereien unweigerlich in sich zusammenfallen, die Monarchie in den Ruin der gebildeten Klassen hineinstürzen, sodass die vielköpfige Anarchie die Oberhand bekommt?

Um die Monarchie zu retten, die nach allgemeinem Einvernehmen in einem von gewohnheitsmäßigen Störenfrieden beinahe umzingelten Land die bestgeeignete Regierungsform ist; um eine Gesellschaft zu retten, die auf der gesunden Entfaltung der Freiheit des Individuums beruht, was auch immer Bismarck Gegenteiliges behauptet; nur der Liberalismus kann sozusagen ein Gleichgewicht schaffen zwischen der fortgeschrittenen Demokratie des Westens und dem formlosen Despotismus des Ostens. Eines Tages könnte er wie in anderen Ländern ausgesprochen radikal werden, zurückgeworfen nach jedem Neubeginn, wenn er es leid ist, dass sogar seine am wenigsten bezweifelten Grundwahrheiten als windige Mythen abgetan werden, nachdem ihm der Zugang zu den mäßigenden Einflussmöglichkeiten der Verantwortung verweigert wurde. Bislang sind ihm noch nicht viele radikale Elemente beigemischt. Der deutsche Liberalismus erkennt an, was Kaiser Wilhelm (überflüssigerweise) auf Anraten in den ersten Tagen dieses Jahres aufs Neue verkündete, dass nämlich in deutschen Landen der Souverän sowohl regiert als auch herrscht. Angesichts der besonderen geographischen Lage und politischen Struktur unseres Landes leuchtet jedem ein, dass es eine starke Exekutive braucht, zumal in den gegenwärtig so unsicheren Verhältnissen in Europa. Ich habe in Bezug auf die Wirren in Bayern schon gezeigt, dass die persönliche Initiative eines Königs in Fragen, die für das Wohl des Staates von höchster Bedeutung sind, unter gegebenen Umständen auf die – aus ängstlichen Präzedenzgedanken heraus freilich eingeschränkte, aber dennoch aufrichtige – Zustimmung des Liberalismus in verschiedenen Teilen Deutschlands stößt. Der Monarchie droht keine Gefahr außer aus den Reihen der Feinde des Liberalismus, sofern ich sie wahrheitsgetreu beschrieben habe!

[]

Einige der vielen Gesichtspunkte meiner Fragestellung habe ich kaum berührt. Doch die Fakten, die auf diesen Seiten vielleicht allzu realistisch konstatiert wurden, werden ausreichen, um jeden Leser von Folgendem zu überzeugen: dass auf der einen Seite die Erwartung, Preußen oder Deutschland werde in einer Art regelmäßigem oder ebenbürtigem Wechsel zwischen Liberalen und Konservativen regiert, sich auf längere Zeit nicht erfüllen wird; dass ein liberales Kabinett, sofern ein solches gebildet werden sollte, nicht so sehr aus parlamentarischen Berühmtheiten bestehen wird, von denen es nur wenige gibt, als vielmehr aus staatsmännischen Mitgliedern des Beamtentums; und dass der Liberalismus, wenn ein aufgeklärter Souverän hinter ihm steht, ein konservatives Kabinett immer wieder zwingen wird, liberale Maßnahmen zu treffen.

Auf der anderen Seite wird in einer vielleicht nicht allzu fernen Zukunft die Partei der Unrast, des Glaubens an die Verbesserung des Menschen, des Rechts und der Ordnung, und folglich der Stabilität, die Partei der nationalen Einheit ohne Einförmigkeit, die Partei, welche die bewahrenden Traditionen des Hauses Hohenzollern fortführt, das Schicksal Preußens und Deutschlands in ihren Händen halten. Wenn „Europas Herz“ gesund bleiben soll, wenn sie nach Gottes Vorsehung fortbestehen und nicht von vulkanischen Umbrüchen erschüttert werden soll, wenn sie der Menschheit Nutzen bringen soll, muss diese Partei an der Leitung ihrer Angelegenheiten teilhaben.

Berlin, November 1882
Georg von Bunsen

Anmerkungen

[1] Auf dem Höhepunkt seiner Popularität (1867, so meine ich) erhob Bismarck Anspruch auf Geheimdienstgelder und erklärte vor dem Landtag, Jäger wie Staatsmänner sähen beide die Notwendigkeit, Schädlinge mit Hilfe von Frettchen bis in ihre Höhlen hinein zu verfolgen. Das von ihm verwendete Wort „Reptilien“ hängt seither einer Klasse von halboffiziellen Schreibern an. – Fußnote von Georg von Bunsen.

Quelle: Georg von Bunsen, „The Liberal Party in Germany“, Fortnightly Review 32 (Dezember 1882), S. 693–717.