Kurzbeschreibung

Einer der hauptsächlichen Streitpunkte zwischen den Protestanten und den Täufern bestand in der Autorität weltlicher Herrscher, in Glaubensangelegenheiten zu intervenieren. Hier—und nicht in der Erwachsenentaufe—lag tatsächlich der Schlüssel zur Verfolgung der Radikalen. Das unten wiedergegebene anonyme Pamphlet erschien 1530 in Nürnberg, wo es einen polemischen Wortwechsel mit Lutherischen Reformern auslöste. Der Autor argumentiert, dass—im Gegensatz zur gängigen Ansicht im 16. Jahrhundert—weltliche Regierungen in Glaubensfragen weder intervenieren noch Druck ausüben dürfen.

Radikale gegen Protestanten—Ein Angriff gegen weltliche Ansprüche auf geistliche Autorität (1530)

Quelle

Ob ein weltlich oberkait recht habe, in des glaubens sachen mit dem schwert zu handeln.

Es wil das wurgen und verjagen umb des glaubens willen kein end nemen. Die lutherischen oberkait wollen der widertauffer und sacramentarier nit leyden. Die zwinglianischen oberkait wollen der widertauffer auch nit haben. So farn die bapstischen zu, brennen, wurgen und verjagen euangelisch, lutherisch, zwinglisch, widertaufferisch und was nit irs glaubens ist.

Die bapstischen haben solchs furnemens, halt ich, keinen andern grundt den ir fauls recht, dieselben muß man, wo sie daruff pleyben und auff Gottes wort oder auch vernuft und billichait nit achten wollen, lassen faren, als lang in Got gestat.

Von den oberkaiten aber, die euangelisch, lutherisch, zwinglisch sind und die sich annemen, Gottes wort zu horn, zu volgen und gar in keinem stuck darwider zu handeln, ob gleich das bapstisch recht sampt dem kaiserlichen, unter dem bapstum gemacht, ein anders fordert (wie dan auch all gesetz, ordnung und gebreuch Gottes wort billich weichen sollen). Von denselben, sag ich, wolt ich gern horn, woher sie das recht hetten, das sie den glauben meystern, nemlich die, so ires glaubens nit sein wollen, entweder wurgen oder sunst von hab und gut, weib und kinden verjagen und das landt verbieten.

Ich hab noch nichtz sunders horen aufbringen dan eines yden gutduncken, das sie sagen, dieweyl einer yden oberkait zustee, den iren in zeitlichen dingen, leib und gut belangend, vorzusein, damit inen kein schad widerfar, so gebur sich noch vil mer, dasselb im gaistlichen zu thun, da es den glauben und das hochst gut betreffen, damit die irn nit vergift oder verfurt werden.

So man aber fordert, sie sollen schrifft furn, dise meynung zu bestetigen, so ist niemant daheim, oder weysen uns in das Alt Testament, wie vor zeytten die judischen konig den bevolhen gotsdinst gehandthapt, den aptgotischen gewerdt und die gotzen abgethon haben. Sagt man hinwider, das Alt Testament oder judisch gesetz binde uns nicht und sie sollen beweysen, wo im Newen Testament der weltlichen oberkait bevolhen sey, fur den glauben ze sorgen oder die unglaubigen mit gewalt oder dem schwerdt zu straffen, so steckt es aber.

Nun ist gewiß war, das das Alt Testament keinen menschen mer bindt, und wo man sich in einem stuck gefangen gebe, als ob man es darumb und von deswegen thon muste, das es im Alten Testament also gebotten were, wie wolten wir uns der andern stuck erwern? Wer eins notig, so wern sie all notig, wie auch Paulus Gal. 5 [3] clar schleußt und wider die, so die beschneidung notig machen, spricht: Welcher sich beschneiden laß, der sey das gantz gesetz schuldig zu thon. Darumb mußen wir uns das Alt Testament kurtz gar nichtz gebieten oder notigen laßen, sonder uff unser New Testament sehen.

Das New Testament aber redt von zweyerlai reichen uff erden, nemlich von einem gaistlichen und von einem weltlichen. Das gaistlich reich ist das reich Cristi, darin Cristus konig ist. So hat das weltlich reich auch seinen konig, nemlich den kaiser und ander oberkaiten. Wie underschidlich nu ein ydes der beder reich seinen konig hat, als underschidlich hat es auch sein scepter, ziel und ende. Des gaistlichen reichs scepter ist das wort Gottes; das zil und ende, dahin solich scepter raytzen und bewegen sol, ist, das sich die lewt zu Got keren und nach disem leben selig werden. So ist des weltlichen reichs scepter das schwerdt; sein zil und ende, dahin es treyben und zwingen sol, ist, das eusserlich frid erhalten werde.

Das ditz die recht taylung und underschied baider reich sey, erscheint gewaltig im Newen Testament, also das Cristus und seine amptlewt, die apostel, gar fein die ordnung seins reichs halten und anderst nit regiren den mit irm scepter, dem wort Gottes. Mit demselben leren, vermanen und straffen sie die menschen und schlißen dahin, were es annem und glaube, der werd selig, wer nit wolle, der sey verdampt. [Mk 16, 16] Ditz ist ir regiment, darby lassen sie es, dardurch wurt auch ir ampt volendet und findet sich gar nit, wo ymant irer lere und predig nit angehangen, sonder einen andern glauben gelert oder gehalten, das sie die weltlich oberkait angeruft haben, einen solchen zu irem glauben zu zwingen oder den nit zu gedulden. So findt man auch im gantzen Newen Testament nindert, das ein weltlich oberkait darumb gelopt sey, wo sie ein solichs fur sich selbs gethon. Ja, Christus verpeuts vilmer, wie sonderlich in außlegung seiner gleichnus vom guten somen und unkraut Math. 13 [38–42] gar fein gemerckt wurt, da er spricht: Der gut same seyen die kinder des reichs, die see des Menschen Sun, das unkraut seyen die kinder der boßhait, die see der Teuffel, die erndt sey das end der welt, die schniter seyen die engel, und schleußt, man sol das unkraut nit außgetten, sonder sten lassen, uff das man den waitzen nit mit außraiff. Dan gleich wie man das unkraut außgete und mit fewer verbren, so werts auch am end der welt gen: des Menschen Sun werd senden seine engel, die auß seinem reich all ergernis sameln und die da unrecht thon in den feweroffen werffen werden.

Daruß man ye verstet, das Cristus der weltlichen oberkait schwerdts oder außgetens in seinem reich nit haben, sonder biß zum ende der welt allein mit seinem wort darin fechten wil. Wie auch Esaia der prophet verkundigt und spricht, Cristus werd in seinem reich streytten mit dem gaist seins munds und mit der rutten seiner lippen [Jes 11, 4] spricht deutlich: Cristus wol streytten, nit die weltlich oberkait fur ine, mit dem gaist seins mundts und der rutten seiner lyppen, nit mit weltlicher oberkait schwert. Hierzu stimet auch der prophet Daniel und spricht, der Antichrist (das ist alles, was sich wider cristenlichen glauben und lere sezt) sol on handt zerstort werden. [Dan 2, 34] Welcher nu mit weltlicher gewalt den rechten glauben und lere vertaidingen und falschen glauben und lere vertreyben wil, was thut der anderst, dan veracht und verspot das gantz New Testament sampt den propheten. Und gegen dem, das Esaias und Daniel sagen, Cristus sol in seinem reich mit dem gaist seins mundts streytten und der Anticrist sol on handt zerstort werden, gibt er für, der gaist des mundts Cristi thue es nit und man muß es mit der handt außrichten.

Weyther halten Cristus und seine appostel nit allein die ordnung seins reichs, sonder lassen auch daneben der weltlichen oberkait ir reich gantz und unversert sten. Den da einer Cristum anlieff, er solt mit seinem bruder schaffen, das erb mit im zu tailn, wise er den mit ernstlichen worten ab, sagend: Mensch, wer hat mich zum richter uber euch gesetzt? [Lk 12, 14] Und vor Pilato sprach er: Mein reich ist nit ein weltlich reich. [Joh 18, 36.] Auch lert er seine junger und spricht: Die weltlichen konig herschen und die gewaltigen haist man gnedig herrn. Ir aber nit also etc. [Lk 22, 25. 26] Daruß man aber sihet, wie Got die zwey reich underschieden haben wil. Und dieweyl Cristus by seinem reich pleipt und laßt das weltlich fur sich gen, der doch vil mechtiger ist weder all kaiser und konig, wievil billicher sol dan ein weltlich oberkait irs reichs warten und Cristo das sein auch ungeregirt lassen.

Also das summa summarum ist, welche oberkait irs ampts warten und hoher nit faren wil, weder ir bevolhen ist, dieselb sol und muß die lere vom glauben, wie man zu Got komen und selig werden sol, allein dem konig Cristo durch sein scepter gotlichs worts, ob sie recht oder falsch sey, zu urtailn und richten heimstellen. Wie man dan offenlich siehet, das Cristus in seinem reich die bede treybt, nemlich den rechten glauben lert und den falschen verwurfft, gibt den hailigen gaist ins hertz und treybt den Teuffel auß und thuts beds durch sein scepter, das wort, und rufft kein weltlich oberkait an, das sie im dartzu helffen sol. Darumb geburts ir auch nit, sonder ir scepter oder schwert soll sie brauchen im weltlichen reich wider eusserlichen frevel, dadurch niemant an seinem leib oder gut beschedigt wirt. In denselbigen stucken schneidt das weltlich schwert, und Got hats darumb eingesetzt. Aber zu zwingen disem oder jhenem glauben antzuhangen, da ist doch das schwert ja kein nutz zu, und muß zuletst, man henck oder trenck, iderman die wal gelaßen werden, welcher gen himel nit wil, das er in die hel zum Teufel oder seiner muter fare.

Ob aber ymandt hieruff sagt, dises wer zu rauch geredt und mocht vileicht einer turckischen oder haidnischen oberkait hingen, das sie sich irer underthon selenhayl nichts bekumert, aber einer oberkait, die auch ein crist wer, geburt ye nit also zuzesehen, die irn mit falscher ler zu verfurn, Antwort: Erst ist gehort, das Cristus, der konig im gaistlichen reich, nit allein den rechten glauben und hailigen gaist gibt, sonder auch falschen glauben und den Teufel außtreybt. Als wenig es nu recht ist oder sein kan, das ein weltlich oberkait durch ir scepter des schwerts ymandt den rechten glauben und hailigen gaist geben wolte, so wenig ist es auch recht oder zu thon muglich, mit dem schwert falschen glauben, ketzerey oder den Teuffel außzutreyben. Also das die turckischen, haidnischen, cristenlichen und bapstlichen oberkait eine ebensovil rechts hat als die ander. Und haissen die bed stuck, nemlich wider oder fur den rechten glauben fechten, eins so wol als das ander, Cristo in sein reich fallen und aufrur treyben. Wil aber ein oberkait ye crist sein und Cristo sein reich furdern, das mag sie thon fur ir person, aber ir ampt pleypt gleichwol einen weg als den andern. Und geburts turcken und haiden nicht, das sie mit irm schwerdt in Cristus reich farn, so geburts ir auch nit und noch vil weniger. Sie kan aber einen andern weg wandern, der sich in Cristus reich reumpt, nemlich das sie gut prediger bestelle, die durch das wort Gottes streyten. Deßgleichen wil sie selbs andere von falschem glauben zu Cristo bringen, so pleyb sie aber unter dem reich Cristi, brauch seins scepters, des worts, und greyff nicht in ir weltlich reich nach dem schwerdt.

Spricht ymandt: du sagst ein langs und braits, das die oberkait sich in die lere vom glauben oder unglauben nit slagen soll. Es erhept sich aber vil uffrur, wo mer dan einerlai glauben geduldet wirt, welch der oberkait nit geburt zu leyden. Antwort: Aufrur geburt ja der oberkait nit zu leyden. Es ist aber aufrur, und ob sich dartzu noch etwas ferlichers erhube, kein ursach, das man darumb Cristo in sein reich falle und auch auffrur treyb. Dan das auffrur oder ander frevel entstet, ist weder falsches oder rechts glaubens oder glaubens lere schuld, sonder allein der boßen lewt, die sich baide unter dem cristenlichen und uncristenlichen rechten und falschen glauben allenthalben untermischen. Hat sich doch ob Cristo und seinen aposteln, auch zuvor ob den propheten, die doch die rechten lere des glaubens gefurt, auch aufrur erhaben, also das sie selbs fur aufrurer gescholten wurden, solt darumb recht gewest sein, irn glauben und die ler vom glauben zu vertilgen? Und was sag ich von alten geschichten, hat sich nit by unsern zeytten der pawern aufrur eben mertails auch ob dem euangelio erhaben und ist desselbenmals in unsern landen noch von keinem widertauffer gehort. Solt man darumb die predig des euangelii wegthun? Das sey ferne! Entstet aber ein uffrur oder wil ymandt eine anrichten, das man es mit worten oder wercken von im merckt, es sey gleich unter cristen, widertauffern, Juden oder welchem glauben es wolle, so straff man diejhenen, die es thun oder mit worten oder wercken zu thon schaffen oder anrichten. Aber die andern, die schlecht irs rechten oder falschen glaubens warten und fridlich sein, laß man unverworren und das scepter des gaistlichen reichs, das wort Gottes, unter denselbigen regiren und fechten.

Spricht ymant weytter: Sol man nit ehe straffen, dan die aufrur sey vor augen oder biß man sich mit worten oder wercken mercken laßt, eini antzurichten, so wer es zu lang gehart, den solche secten krichen heimlich in winckeln zusamen und halten ir dinck verporgen, also das, ehe man ires thuns und wesens recht innen wurt, ist die auffrur schon angangen und nimer zu wern. Antwort: Ist ein geschehene aufrur nit gnug, das man von derselben wegen den glauben, darunter sie sich begeben, außreutten solle, wie oben besloßen, so ist noch weniger ein ungescheene aufrur, der man sich allein besorgt, ursach gnug dartzu. Ist doch weyt der mertail aller menschen uff erdtrich boß, und man muß sich altzeit des ergsten vor inen besorgen, solt man sie darumb all todten oder vertryben, uff das man der sorg abkeme? Nein, Got laßt der weltlichen oberkait nit zu, so verpeuts auch das recht, das man uff besorgnis oder vermutung ymandt urtailn oder straffen moge. Der weltlichen oberkait ist bevolhen, eusserlichen frevel, als den sie in worten oder wercken erkent, zu straffen und nit haimlich sachen oder was im imant gedenckt. Ja es wer ir auch zu schwer, den sie kont nit gewiß werden und mocht sich ebensobald vor einem besorgen, der nichtz boß, als vor einem, der boß zu thon im sin het.

Dartzu das etlich secten heimlich in die winckeln krichen, sicht man offenlich, das es nit der secten oder irer anhenger, sonder der oberkait schuld ist, welch ir nit leyden wil. Warumb laßen sie den glauben nit unter dem gaistlichen reich und seinem konig Cristo und sten irs fahens, wurgens und verjagens umb rechts oder falsches glaubenslere willen mussig? So wurde ein yde sect freylich liber offenlich von irm glauben reden weder im winckel. Es het auch ein oberkait darnach destermer ursach, wo ymandt, uber das er sich von seinem glauben offenlich zu reden nit schewen dorfft, allererst heimlich zu winckel krichen wolt, dasselbig nit zu gestatten, sonder einem solchen zu sagen, weyl er sein lere offenlich nit wolt darthon, das man sie bruffen und bewern mocht, ob sie recht were, so solt ers im winckel heimlich zu thon auch lassen ansten oder sich zum land außmachen. Wo man aber offenliche red oder lere vom glauben mit dem schwert wert, so treibt man die leut gleichsam mit gewalt zu winckel. Da tregt sich sobald neben der lere des glaubens zu, das die boßen als unwillig wider die vervolgenden oberkait auch reden von anslägen, wie sie ir lere frey zu treyben raum machen und darob unvervolgt bleyben mochten, das also die oberkait gleich etlichermaß die heimlichen conspiration selbst ursacht und furdert. Den wiewol man sagen mocht, wen ymant seins glaubens und lere so gewiß were, so solte er dasselbig offenlich an tag geben und nicht zu winckel krichen, ob er gleich darob erwurgt wurde. Das ist war und solt wol also sein. Es ist aber nit iderman so volkomen, das er umb seiner lere und glaubens willen sterben kan, und tringt doch manchen sein gewissen, das er heimlich auch nit kan schweigen. Ja wir sehen taglich, das vil der unsern, die doch der rechten lere furen, wo sie an die ort, da ir ler widerstand hat, komen, auch heimlich die lewt lern und offenlich vor der oberkait nit so lawt schreyen. Man muß aber umb solcher schwachen willen die ler nit verachten, sonder dieselbigen nichts weniger recht sein lassen und mit den schwachen gedult tragen, biß sie stercker werden.

Das man dan sorgt, es mocht ein uffrur zu jehling uberhandt nemen, das ist zumal ein kleinmutikait. Den muß sich ein haidnische oberkait genugen lassen, das sie mit recht kein heimliche sach, sonder allein eusserlichen frevel, den sie offenlich im werck sihet oder durch gnugsam zeugnis erferet, straffen kan, warumb wolt dan ein oberkait, die crist ist, irem Got nit trawen, das er sie erhielte, ob sie schon auch nit wider recht oder das reich Cristi handlet und niemant straft, weder die, von denen sie offenlich frevel waist, und ließ die andern, da es noch nit gewieß were, zufrieden? Den da stet ir trost, das wer das schwert nimpt (spricht Cristus), der sol durchs schwert umbkamen. [Mt 26, 52]

Nu nemen ye die aufrurischen das schwert, das inen niemant geben noch bevolhen hat. Darumb wurt sie auch Got durchs ander, nemlich der oberkait schwert, welchs er gegeben und bevolhen hat, wol setzen und straffen, wie dan auch Salomon gar treulich warnet und spricht: Mein kind, forcht Got und den konig und menge dich nicht unter die uffrurischen, den ir unfal wurt plotzling kumen und wer wais ir verderben. [Spr Sal 24, 21. 22] So spricht auch David, Got werd die zerstrewen, so lußt zu krig haben. [Ps 68, 31] Daruff sol billich ein yde oberkait bochen und sich vor solchen loßen buben, die auch ein rauschend blat erschreckt, nit so hart forchten, das sie sich an iemandt vergreiff oder umb iren willen wider das reich Cristi, dartzu auch wider recht und gut gewussen handel.

Und ist dem allem nach meins bedunckens doch uff verbesserung einer yden oberkait, sie sey crist oder haid, kain anders ze raten, den das sie irs ampts, das eusserlicher frid erhalten werd, warte, aber umb rechts oder falsch glaubens willen ir schwerdt stecken laß und in des glaubens oder sect sachen getrost dem rat Gamalielis volge, Act. 5 [38. 39]: Ist der rat oder das werck auß den menschen, so wurts untergen; ists aber auß Got, so kan mans nit dempfen. Und sprech mit dem landtvogt Gallion, Act. 18 [14. 15]: Wen es ein frevel oder schalckait were, so hort ichs billich; so es aber ein frag ist von worten und von den namen und dem gesetz undter euch, so sehet ir selber zu; ich gedenck darüber nit richter zu sein. Und treib sie flucks vom richtstul hinwegk. Oder wie Abraham dem reichen man antwortet und saget, [Lk 16, 31] seine bruder heten Moßen und die propheten; wolten sie die nit horen, so wurden sie auch nit glauben, ob ymant von todten aufstunde. Also antwort ein oberkait wider die zwitracht des glaubes auch und sage: Sie haben das wort Gottes und seine lerer und prediger; wollen sie dieselben nit horen, so werden sie auch nit glaubig, ob ich gleich all tag einen gantzen hauffen verjagt oder zu todt schluge. Wie kont doch ein oberkait baß handeln, das sie baide im gewissen recht fure und dartzu eusserlich frid erhalten wurde?

Disem rat vergleicht sich auch zu unsern zeytten Doctor Martinus Luther in seinem Sendtbriff vom aufrurischen Gaist an die Fursten zu Sachsen und spricht: Dieweyl Paulus schreibe, es mussen secten sein, uff das die, so bewert sind, offenbar werden, [1 Kor 11, 19] so sol man die falschen gaister nur getrost laßen predigen und seinen und irn gaist auff einander platzen und treffen lassen. Sey ir gaist recht, werd er sich vor dem sein nit forchten. Und widerumb, sey der sein gerecht, werd er vor dem irn wol pleyben. Ob den gleich etliche indes verfurt wurden, wolan, so gee es nach rechtem krigslauff, das wo ein streyt und slacht geschee, mussen etlich fallen und wundt werden; wer aber redlich fecht, der werd gekront. [2 Tim 2, 5] Und spricht weyter, wo aber die gaister mer wolten thon und nit allein mit dem wort fechten, sonder auch mit der faust zugreyffen, es thue es gleich er oder die andern, so sol es die oberkait nit leyden, sonder flucks das land verbotten und gesagt: wir wollen gern leyden und zusehen, das ir gaister mit dem wort fechtet, das die recht lere bewert werd, aber die faust sollet ir stil halten, den dasselb ist unser ampt; oder hept euch zum land auß!

Dieweyl nu im reich Cristi secten und spaltungen mussen sein und auß denselbigen, wiewol an in selbs boß, dannoch guts ervolgen solle, warumb wil dan ein oberkait sich anmassen, mit dem schwerdt ein ding auß dem reich Cristi zu treyben, das die schrift sagt, von not wegen darin sein muß? Solichs were ye anderst nit gehandelt, den der schrift widersprechen und liber das schwerdt und die craft desselbigen, weder die bewerten oder die craft Gottes worts im gaistlichen reich wollen offenbar machen.

Dagegen kan aber unser Hergot ein kunst, das man zwar mocht greiffen, das es das schwerdt nit thut. Den was der Teuffel ein jar oder drew here eben mit den widerteuffern fur ein spil getriben hat, ist kundig, also das ye mer die oberkait ir schwert wider dieselbigen genutzt, gewurgt und gebrent, ye mer ir gleich an denselben orten sind zugelouffen und sich zum tail selbst dargeben und gesagt, ob man sie auch fahen und wurgen wolle, sein sie berait, umb irs glaubens willen zu leiden. Es hat auch an eins tails orten so gar uberhandt genumen, das die oberkait zuletst mude des wurgens hat mussen aufhorn. Ich meine ye, das sey das schwert in des glaubens und ketzerei sachen kumpf und einen fuchsschwantz darus gemacht, des ime on zweyfel der Teuffel selbst in die faust lacht. Und gestattet unser Hergot dem Teuffel, die seinen in falschem glauben so freydig wider das schwert zu machen, solt dan Got nit auch vil mer craft geben, das seine ausserwelten und rechtglaubigen unter seinem Cristo wider schwerdt und fewer triumphirten, wie dan die historien zeugen und man by unsern zeyten auch erfarn hat. Also das in bede wege mit dem schwert, man wurg gleich rechtglaubig oder falschglaubig, doch endtlich nichtz außgericht ist und aigentlich ein ider solcher vervolgter glaub ye mer der menschen hertzen besitzt, ye mer sie sehen andere darob erwurgt werden.

Dieweyl nu dem allem in der warhait also ist, was wil sich dan ein oberkait zeyhen, das sie sich mit unrecht und aufrur im reich Cristi, das ir nit bevolhen ist, vergereiff, und sol dartzu all ir wurgen, muhe und arbait nit allein vergeblich sein, sonder auch eben das, so sie außrewten wil, ye lenger, ye mehr pawen und pflantzen? Dartzu wo ein cristenliche oberkait auff irer seytten dem falschen glauben wert, macht sie dadurch den falschglaubigen oberkaiten raum und stat, uff irer seyten wider den rechten glauben zu fechten. Den sobald man zulaßt, das ein oberkait wider die unglaubigen mit straff handeln moge, so nimpt ein yde oberkait dasselb recht fur sich, den es wil ir keine unrechten glauben haben, und wurgen und verjagen also eins umbs ander, ein ide diejhenen, so nit irs glaubens sind.

Und ob man entschuldigung furwendt, die euangelischen oberkaiten furn doch nit so scharpff, sonder verbuten den falschglaubigen allein das landt, ist war; ein straff ist treglicher weder die ander. Es sey aber ein straff wie gering sie wolle, so ist es gleichwol ein straff und damit bekent, das der unglaub zu straffen recht sey. Wo nu das recht zu straffen eingereumpt wirt, wer wil darnach einer oberkait maß setzen, wie scharpf oder lind sie einen yden mißglauben straffen sol? Und wirt also ein cristenliche oberkait fremder sund mitschuldig und tailhafftig, des sie wol mit gutem gewissen mussig sten konte.

Sind doch nu ob hundert jarn im konigreich Behem Juden und sonst wol dreyerlai glauben gewest, und haben dennoch ire konig eusserlich frid erhalten und aufrur von des glaubens wegen verhutet. Auch wer der historien seydher Cristi geburt kundig ist, halt ich, werd bekennen mussen, das gewonlich die kaiser und oberkaiten, die mit dem schwert in des glaubens sachen gehandelt, weyt mer aufrurs und unruwe gehapt weder die andern, die sich des nit angenomen und die lere des glaubens einem yden frey gelassen haben. Warumb solts dan nit noch heutigs tags auch also konnen sein und ein oberkait mogen frid erhalten, wo sie sunst fleißig zusehen und wachen wolte?

Ob sich aber ein uffrur erhube, sol man darumb nit verzagen, muß man doch derselben wol umb geringer sach willen gewarten. Aber die oberkait hat in alweg irn trost, wie oben antzaigt ist, das sie pleyben und die aufrurigen fallen und umbkomen sollen. Wie man dan an der pawern aufrur gesehen, obwol dieselbig sich mertails darob begeben, das die oberkaiten das euangelion nit leyden wolten. Darumb auch Got wol ursach gehapt, inen ein schlappen zu setzen, wie er auch seiner zeit vileicht noch thon wurt. Dannoch hat ers durch der underthon aufrur, wie gleich es ime ein weyl sahe, nit thon wollen, sonder, da es am ubelsten stund, das plat umbgekert, das die pawern in irm verderben verderpt sind und, wol zu sagen, allen oberkaiten nit ein bein zerbrochen ist. Wievil liber wurt er den helffen der oberkait, so irs ampts wart und Cristo sein reich unbetrupt leßt. Got gebe, das diß alle oberkaiten glauben. Amen. Dan on das wurt das teglich zwacken und wurgen baide der recht und falsch glaubigen nicht aufhorn. Und stet hoch zu besorgen, es werden der tag einest eben ob diesem stuck, das man falschen glauben mit dem schwert außreutten wil, die oberkaiten auch zusamen wachsen und, welche die sterckst ist, die andern iren glauben leren. Da solt erst ein weydlich blutvergißen werden, welchs auch der Teuffel, wie man bißher aus etlichen antzaigen gemerckt, gar fleißig sucht und furdert.

[Ein Brief des unbekannten Gutachters an Lazarus Spengler]

Liber herr Ratschreyber, des N. verzaichnus wil ich gern lesen, doch hab ich heut der weyl nit. Aber sovil ich ewer verzaichnus, auch das zettelin, so ir heut an mich geschriben, gesehen, so hapt ir in jungstem unserm wortkrig mich oder vileicht wir bede einander nit recht verstanden. Den das ist mein meynung nicht, das ein oberkait nit macht haben solt, in dem glauben, dem sie anhenge, zu visitiren und die diener oder prediger sampt den ceremonien zu verordnen, zu setzen und zu entsetzen. Ja ich sag wol mer, das es nit allein ein oberkait in irem, sonder auch ein ydes heuflin oder sect in seinem glauben zu thon macht haben sol, also das cristen, Juden, widertauffer etc. ein ider teil frey stee, sein lere und ceremonien, die er fur recht helt und dadurch er zu Got zu komen verhoft, unverhindert zu treyben, doch an underschidlichen orten, nemlich die cristen in irn kirchen und die widertauffer und Juden ider in seinen dartzu verordneten hewssern oder sinagogen.

Ich sag auch weyter, das nit allein die oberkait in irem glauben, sonder abermal ein yde sect, Juden, widertauffer oder ander, ein ider tail in seinem glauben macht haben sol, die prediger und diener, so sie bestelt heten und inen in irm ampt nit gefielen, zu urlaben und ander an ir stat aufzunemen, gleich wie ein oberkait oder gemein einen schulmaister oder hirten aufnimpt oder urlaupt.

Aber sowenig die Juden oder widertauffer der weltlichen oberkait, die crist were, darin reden, wie sie iren gotzdinst verordnen oder was sie fur lerer darin hab, als wenig sol auch die oberkait den Juden oder widertauffern mit gewalt eintrag thon, was sie fur prediger haben oder was die fur ceremonien oder lere treyben.

Allein sol das der oberkait ampt sein: Wo man in irm furstenthumb oder gebiet, es sey under Juden, cristen oder widertauffern, gewalt und frevel treyben wolt, als da ein parthey der andern mit gewalt in ir sinagog oder kirchen geen, irn gotsdinst darin treiben und die andern parthei an irer lere oder ceremonien irren oder verstorn wolte, das sol die oberkait nit leyden, sonder straffen und frid schaffen.

Deßgleychen wo ein sect einen prediger oder diener geurlaupt het und doch derselb uber das nichtz weniger sein ampt an dem ort, davon er geurlaupt were, treyben und soldt einnemen, oder so ein prediger unbestelt an einem ort aufsten und predigen wolt, darin sol die oberkait uff der belaidigten clag auch schaffen und frid machen dergestalt, das ein yder glaub oder sect in solchen und andern fellen, die sich zutragen, in irm gotsdinst, lere, ceremonien wie sonst in weltlichen sachen frid und rue haben moge, wie man den den Juden bißher in irer sinagog allenthalben frid und schutz gehalten hat.

Und sol darneben die oberkait nicht wern, ob ein geurlaupter prediger von einem glauben in den andern aufgenomen wurd, als von cristenlichen zun bapstlichen oder widertauffer glauben, oder das dieselben oder andere underthonen von einem gotsdinst zum andern giengen und zusehen und horten, allein das sie in einer yden kirchen oder sinagog die lere und ampt unverspot liessen und kein uffrur oder unrue verursachten, wie dan bißher die cristen in der Juden sinagog auch gangen sind.

Also hapt ir zu voriger verzaichnus mein meynung gantz und gar, soveren mir Osianders verzeichnus, ir oder ander mit schrift kein anders sagen werden.

Quelle: Johannes Brenz, Frühschriften, herausgegeben von Martin Brecht, Gerhard Schäfer und Frieda Wolf. Band 2. J.C.B. Mohr (Paul Siebeck): Tübingen, 1974, S. 517–28.