Kurzbeschreibung

Neben Film, bildender Kunst, Reden und Slogans spielte auch die Musik eine entscheidende Rolle bei der Entstehung der nationalsozialistischen Kultur. Propagandaminister Joseph Goebbels (1897–1945) erkannte das Vermögen der Musik, die Bevölkerung zu beeinflussen, doch er verstand auch die Bedeutung des Unterhaltungswerts der Musik für die Aufrechterhaltung der Zufriedenheit unter der Bevölkerung. In einer Rede, die er bei der Eröffnung einer musikwissenschaftlichen Tagung im Rahmen der von ihm organisierten Reichsmusiktage 1938 in Düsseldorf hielt, legte Goebbels seine zehn Grundsätze für das Musikschaffen im NS-Deutschland dar. Seiner Meinung nach musste Musik vor allem zugänglich sein, um die breitesten Bevölkerungsschichten anzusprechen. Der Wert der Musik lag für ihn nicht im Experimentieren, sondern darin, den Geschmack der Massen zu bedienen – das Publikum zu entspannen, zu unterhalten und zu erfreuen. Diese Themen sollten während des Krieges zunehmend an Bedeutung gewinnen. Musik, so argumentierte er, spreche nicht den Intellekt an, sondern das Herz, da sie die „sinnlichste” aller Künste sei. Die Betonung der Emotionen sowie die Ablehnung von Vernunft und Intellektualismus standen im Mittelpunkt der Kultur- und Gesellschaftskritik der Nationalsozialisten, die Taten statt Diskussionen und Debatten forderte. Dieser Textauszug stammt aus der gedruckten Version der Goebbels-Rede, die im Amtsblatt der Reichsmusikkammer veröffentlicht wurde.

Joseph Goebbels, Zehn Grundsätze deutschen Musikschaffens (28. Mai 1938)

Quelle

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Dieses Musikfest ist zum ersten Male eine Heerschau über die Musikkultur unserer Zeit. Es legt Rechenschaft ab über das, was wir erreicht haben, und fixiert die Zielsetzungen für die nähere und weitere Zukunft. Hier möge sich der Ruhm Deutschlands als des klassischen Landes der Musik aufs neue beweisen und erhärten. Hier mögen vor allem die Grundsätze wieder festgelegt und anerkannt werden, die seit jeher Ursprung und Triebkraft unseres deutschen musikalischen Schaffens gewesen sind. Und diese lauten:

Nicht das Programm und nicht die Theorie, nicht Experiment und nicht Konstruktion machen das Wesen der Musik aus. Ihr Wesen ist die Melodie. Die Melodie als solche erhebt die Herzen und erquickt die Gemüter; sie ist nicht deshalb kitschig oder verwerflich, weil sie ihrer Einprägsamkeit wegen vom Volke gesungen wird.

Nicht jede Musik paßt für jeden. Es hat deshalb auch jene Art von Unterhaltungsmusik, die in den breiten Massen Eingang findet, ihre Daseinsberechtigung, zumal in einer Epoche, in der es Aufgabe der Staatsführung sein muß, neben den schweren Sorgen, die die Zeit mit sich bringt, dem Volke auch Erholung, Unterhaltung und Erquickung zu vermitteln.

Wie jede andere Kunst, so entspringt die Musik geheimnisvollen und tiefen Kräften, die im Volkstum verwurzelt sind. Sie kann deshalb auch nur von den Kindern des Volkstums dem Bedürfnis und dem unbändigen Musiziertrieb eines Volkes entsprechend gestaltet und verwaltet werden. Judentum und deutsche Musik, das sind Gegensätze, die ihrer Natur nach in schroffstem Widerspruch zueinander stehen. Der Kampf gegen das Judentum in der deutschen Musik, den Richard Wagner einmal, einsam und nur auf sich allein gestellt, aufgenommen hat, ist deshalb heute noch unsere große, niemals preiszugebende Zeitaufgabe, die allerdings jetzt nicht mehr von einem Wissenden und genialen Außenseiter allein betrieben, sondern von einem ganzen Volke durchgeführt wird.

Die Musik ist die sinnlichste aller Künstle. Sie spricht deshalb mehr das Herz und das Gefühl als den Verstand an. Wo aber schlüge das Herz eines Volkes heißer als in seinen breiten Massen, in denen das Herz einer Nation seine eigentliche Heimstätte gefunden hat. Es ist deshalb eine unabweisbare Pflicht unserer Musikführung, das ganze Volk an den Schätzen der deutschen Musik teilnehmen zu lassen.

Unmusikalisch sein, das ist für den musikalischen Menschen so viel wie blind oder taub sein. Danken wir Gott, daß er uns die Gnade gab, Musik zu hören, sie zu empfinden und leidenschaftlich zu lieben.

Die Musik ist jene Kunst, die das Gemüt der Menschen am tiefsten bewegt; sie besitzt die Kraft, den Schmerz zu lindern und das Glück zu verklären.

Wenn die Melodie der Ursprung der Musik ist, so folgt daraus, daß die Musik für das Volk sich nicht im Pastoralen oder Choralen erschöpfen darf. Sie muß immer wieder zur bewegten Melodie als der Wurzel ihres Wesens zurückkehren.

Nirgendwo liegen die Schätze der Vergangenheit so reich und unerschöpflich ausgebreitet wie auf dem Gebiete der Musik. Sie zu heben und an das Volk heranzutragen. Ist unsere wichtigste und lohnendste Aufgabe.

Die Sprache der Töne ist manchmal durchschlagender als die Sprache der Worte. Die großen Meister der Vergangenheit sind deshalb Repräsentanten der wahren Majestät unseres Volkes, denen Ehrfurcht und Achtung geziemt.

Als Kinder unseres Volkes sind sie damit auch die eigentlichen Majestäten unseres Volkstums, in Wahrheit von Gottes Gnaden und dazu bestimmt, den Ruhm und die Ehre unserer Nation zu erhalten und zu mehren.

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Berlin, den 28. Mai 1938

Der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda

Dr. Goebbels

Quelle: Amtliche Mitteilungen der Reichsmusikkammer 5, Nr. 11, 1. Juni 1938, S. 41. Bundesarchiv BArch R56-II/20.