Kurzbeschreibung

Nach zwölf Jahren NS-Herrschaft und fast vier Jahren Kontrolle des öffentlichen Lebens unter alliierter Besatzung sind die Deutschen dem Streik als Mittel der wirtschaftlichen und politischen Auseinandersetzung entwöhnt. Zwar lässt sich die Einstellung zum Streik je nach Alter und

politischer Orientierung der Befragten etwas differenzieren, aber generell lehnt eine klare

Mehrheit der Deutschen in der amerikanischen Besatzungszone Streiks ab.

OMGUS-Umfragen: Deutsche Einstellungen zu wirtschaftlichen und politischen Streiks (Februar 1949)

Quelle

Deutsche Einstellungen zu wirtschaftlichen und politischen Streiks

Befragte: 1500 Bewohner der Amerikanischen Zone, 250 Westberliner und 150 Bremer.

Untersuchungszeitraum: Februar 1949 (9 Seiten).

Die große Mehrheit der Befragten in der Amerikanischen Zone (68%), in Bremen (81%) und in Berlin (72%) sprach sich gegen Streiks für höhere Löhne aus.

In der Amerikanischen Zone wandten sich jedoch weniger Menschen gegen politische als gegen wirtschaftliche Streiks, obwohl mehr Befragte ihre Unentschiedenheit in diesem Punkt ausdrückten, indem sie mit „keine Meinung“ antworteten. Der Hauptgrund, der zugunsten von Streiks zu politischen Zwecken vorgebracht wurde, bestand darin, die Politiker auf etwaige Fehlentscheidungen hinzuweisen. Als wichtigstes Gegenargument wurde die Nutzlosigkeit und Aussichtslosigkeit solcher Streiks vorgebracht.

Befragte der jüngeren Altersgruppe waren eher bereit, sich sowohl für ökonomische als auch für politische Streiks auszusprechen, aber selbst unter ihnen war es eine Minderheit. Wie zu vermuten war, waren Personen der oberen Einkommens- und Bildungsgruppen – unter denen es die meisten Arbeitgeber gibt – misstrauisch gegenüber Streiks für höhere Löhne oder mehr Lebensmittel. Eine Kategorisierung der Einstellungen zu politischen Streiks war nicht so einfach. Unter den politischen Gruppen gab es bei den Anhängern der SPD den höchsten Anteil von Streikbefürwortern, obwohl es auch bei ihnen nicht mehr als drei von zehn waren. Selbst unter Gewerkschaftsmitgliedern sprachen sich weniger als einer von dreien für Streiks als wirtschaftliche oder politische Waffe aus; überdies bewerteten Personen, die bereits Gewerkschaftsmitglieder waren, das Mittel des Streiks weniger positiv als potenzielle Mitglieder.

Ein Vergleich zwischen den Bevölkerungsgruppen in der Amerikanischen Zone führt zu der klaren Erwägung, dass die Missbilligung von Streiks nicht bestimmten Gruppen zuzuordnen ist, sondern eine vorherrschende Einstellung in allen größeren Segmenten der deutschen Gesellschaft widerspiegelt.

Quelle: A. J. und R. L. Merritt, Public Opinion in Occupied Germany, The OMGUS Surveys. Urbana, IL, 1970, S. 288–89.

Übersetzung: Erica Fisher