Quelle
Der Kolonialdeutsche
(Berlin)
Koloniale Frauenschule in Rendsburg
Von Antonie
Brandeis-Ruete
Der Frauenbund der Deutschen Kolonialgesellschaft hat die Betreuung der weiblichen Jugend, welche in unsere Kolonien hinauszogen, stets als eine seiner Hauptaufgaben betrachtet.
Durch den Krieg wurden diese Arbeiten unterbrochen, und da jetzt wieder viele Familien in unsere früheren Kolonien zurückwandern, wurde es mit Freuden begrüßt, daß der Frauenbund zur Mitarbeit bei der Kolonial-Frauenschule in Rendsburg aufgefordert wurde, da sich die Bestrebungen der Schule, Erstarkung des Familienlebens, Erziehung der Jugend und Bewahrung deutscher Mädchen im Ausland und den Kolonien mit den Traditionen und Bestrebungen des Frauenbundes decken. Im Kuratorium der Schule hat der Frauenbund durch zwei seiner Mitglieder Sitz und Stimme, und wird bestrebt sein, für junge Mädchen Stipendien zu stiften, welche Aussicht haben, nach Afrika auszuwandern.
In Süd-West-Afrika kommen auf 7-10 weiße Männer eine Frau, da ist es eine dankbare Aufgabe, das mütterliche Element dort zu stärken. Ost-Afrika ist auch der deutschen Rückwanderung frei gegeben und ist zu hoffen, daß auch dort viele Frauen ihr Heim finden.
Die Frauen und Mädchen, welche sich der schönen Aufgabe widmen wollen, deutschen Männern in fernen Ländern eine Kameradin zu sein, dürfen nicht ohne die nötigen Unterweisungen die Heimat verlassen, sie bedürfen einer besonderen Ausbildung, welche es ihnen ermöglicht, in ungewohnter Umgebung, primitiven Verhältnissen und anderem Klima ihrem Pflichtenkreis vorzustehen. Alle diese nötigen Kenntnisse zu erwerben, dazu will die Rendsburger Kolonial-Frauenschule die Hand bieten. Aber nicht nur praktische Kenntnisse benötigt die junge Auswandernde. Auch die seelischen Kräfte sollen gefestigt werden, damit in ungewohnten Verhältnissen die Harmonie des Gemütes erhalten bleibt. In der Heimgemeinschaft der Schule sollen die besten Kräfte zum Dienst für die Allgemeinheit geweckt werden, im Gegensatz zu den selbstsüchtigen Tendenzen der Jetztzeit.
Am Ufer des Nord-Ostsee-Kanals liegt der turmgekrönte Bau der Schule, von Tannenwald umgeben. Die Inneneinrichtung entspricht allen Anforderungen der modernen Hygiene. Luftige Schlaf- und Wohnräume und große sonnenbeschienene Terassen. Alle Wirtschaftsräume sind nach praktischen Gesichtspunkten eingerichtet. Getrennt durch ein kleines Gehölz, liegt der Obst- und Gemüsegarten und die Ställe für Kleinvieh und Geflügel. So ist Sorge getragen, daß die jungen Mädchen auch auf diesen Gebieten nicht unerfahren bleiben. Die Leitung der Schule liegt in den Händen eines Ehepaares, welches seine Erfahrungen im Ausland gesammelt hat und denen die Erfordernisse deutschen Farmerlebens nicht fremd sind. Alle Lehrfächer liegen in bewährten Händen, und so kann man der Schule, welche am 2. Mai ihre Tore öffnete, das beste Prognostikon stellen. Der Lehrgang umfaßt ein Jahr, das Alter der jungen Mädchen soll im allgemeinen nicht unter 18 Jahre sein. Die Aufnahmen finden April und Oktober statt. Der Pensionspreis beträgt 900 Mark im Jahr.
Die Kolonial-Frauenschule übernimmt keine Stellenvermittlung, aber der Frauenbund wird den jungen Mädchen, welche erfolgreich die Schule absolviert haben, dazu verhelfen, in Süd-West-Afrika Stellung als Haustöchter zu bekommen, da es sich während des Lehrjahres herausgestellt hat, ob sie fürs Ausland geeignet sind.
Die Farmer drüben begrüßen sehr die Gründung der Schule, da sie ihnen Gewähr bietet, daß ein geeignetes Menschenmaterial herangebildet wird. Anderseits werden die Farmer gern ihre Töchter nach Rendsburg schicken, damit die in Afrika großgewordenen Mädchen in der alten Heimat sich Kenntnisse aneignen können und die deutsche Heimat lieben lernen.
Möchte in reger Wechselwirkung hüben und drüben die Schule zum Segen der heranwachsenden Jugend werden, und die Samenkörner, in die jungen Seelen gepflanzt, reiche Früchte tragen zur Ehre des Deutschtums in Uebersee.
Quelle: Antonie Brandeis-Ruete, „Koloniale Frauenschule in
Rendsburg“, Der Kolonialdeutsche
(Berlin), 1. Juni 1927. Online verfügbar
unter:
http://webopac.hwwa.de/digiview/DigiView_GKD.cfm?GKD=4102622-6