Kurzbeschreibung

Obwohl Deutschland durch den Versailler Vertrag 1919 gezwungen wurde, alle seine überseeischen Kolonien abzutreten, rechneten viele Deutsche damit, dass diese eines Tages wieder unter deutscher Kontrolle stehen würden. In außenpolitischen Initiativen bis hin zur Populärkultur demonstrierte die Weimarer Republik oft das, was einige Historiker als „Kolonialismus ohne Kolonien“ bezeichnet haben. Die Koloniale Frauenschule in der schleswig-holsteinischen Stadt Rendsburg spiegelte nur einen Aspekt dieses weitaus umfassenderen Impulses im Deutschland der Zwischenkriegszeit wider. Sie wurde 1926 auf Initiative des Frauenbundes der Deutschen Kolonialgesellschaft (FDKG) gegründet und orientierte sich an der Deutschen Kolonialschule in Witzenhausen, einer reinen Männerschule, die 1898 gegründet worden war und auch während der Weimarer Republik Männer für den Überseehandel und die Ansiedlung in Kolonien ausbildete. Die Gründung der Kolonialschule für Frauen fiel zeitlich mit einer Reihe von Ereignissen zusammen, welche die ehemaligen deutschen Kolonien wieder ins öffentliche Bewusstsein rückten. So schwelgte Hamburg im August 1926 im Rahmen der „Kolonial Woche“ in Nostalgie für das ehemalige Überseereich und zeigte unter anderem den in einer deutschen Kolonie spielenden Film Ich hatt' einen Kameraden, dessen abschließender Zwischentitel verkündet: „In friedlicher Arbeit wollen wir es zurückgewinnen – denn es war deutsch ... und soll wieder deutsch werden!“

Wie die Witzenhausener Schule hatte auch die Koloniale Frauenschule das Ziel, ihre Schülerinnen auf ein produktives Leben in den Entwicklungsregionen der Welt vorzubereiten, vor allem in den ehemaligen deutschen Kolonien in Ost- und Südwestafrika. Die erste Gruppe junger Frauen wurde im Mai 1927 zu einem einjährigen Unterrichtsprogramm zugelassen, das Haushaltsführung, Geflügelzucht, Milchwirtschaft, Schuhreparatur, Schlosserei, Zaunbau, Werkzeugbau, Reiten, Schießen und Fremdsprachen (Englisch und Spanisch sowie optional Herero oder Suaheli) umfasste. Das Programm sollte den Frauen auch ein Bewusstsein dafür vermitteln, das Deutschtum im Ausland zu kultivieren, sowohl kulturell als auch ethnisch. Die FDKG hatte die klare Vorstellung, dass diese Frauen eine Gruppe potenzieller Ehefrauen für deutsche Männer in den ehemaligen Kolonien bilden sollten, um die deutsche Bevölkerung dort zu vergrößern und der Versuchung dieser Männer entgegenzuwirken, Beziehungen mit nicht-deutschen Frauen einzugehen.

Dieser Artikel macht solche Bedenken über „Mischehen“ und ethnische Vermischung deutlich, indem er behauptet, dass die weiße Siedlerbevölkerung in Südwestafrika, das mehr Siedler angezogen hatte als jede andere ehemalige deutsche Kolonie, mindestens siebenmal mehr Männer als Frauen hatte. Die Autorin des Artikels, Antonie Brandeis-Ruete (1868-1945), war allerdings selbst das Kind einer „Mischehe“. Ihr Vater, (Rudolf) Heinrich Ruete, hatte die Prinzessin Sayyida Salama Emily bint Said geheiratet, während er als Händler auf der Insel Sansibar arbeitete, und das Paar kehrte kurz vor Antonies Geburt nach Hamburg zurück. Heinrich Ruete verunglückte 1870 tödlich, und Antonies Mutter, die sich nun nur noch „Emily“ nannte, musste die Familie allein in einem fremden Land großziehen. Antonie erlebte eine reisende Kindheit, während ihre Mutter verschiedene Anstrengungen unternahm, um ihre Kinder zu ernähren. Antonie Ruete heiratete 1898 den Kolonialbeamten Eugen Brandeis und lebte mit ihm zusammen, während er als Kolonialgouverneur auf den deutschen Marshallinseln diente. Bis zu ihrer Rückkehr nach Deutschland 1905 widmete sie sich dort dem Sammeln ethnologischer Objekte, die sich heute in verschiedenen Museumssammlungen befinden. Nach ihrer Rückkehr engagierte sie sich in Hamburg für die koloniale Frauenbewegung und trat 1908 dem FDKG bei. 1926 gehörte sie zu den Gründerinnen der Kolonialen Frauenschule und vertrat den FDKG in deren Aufsichtsrat.

Antonie Brandeis-Reute, „Koloniale Frauenschule in Rendsburg“ (1927)

Quelle

Der Kolonialdeutsche (Berlin)
Koloniale Frauenschule in Rendsburg
Von Antonie Brandeis-Ruete

Der Frauenbund der Deutschen Kolonialgesellschaft hat die Betreuung der weiblichen Jugend, welche in unsere Kolonien hinauszogen, stets als eine seiner Hauptaufgaben betrachtet.

Durch den Krieg wurden diese Arbeiten unterbrochen, und da jetzt wieder viele Familien in unsere früheren Kolonien zurückwandern, wurde es mit Freuden begrüßt, daß der Frauenbund zur Mitarbeit bei der Kolonial-Frauenschule in Rendsburg aufgefordert wurde, da sich die Bestrebungen der Schule, Erstarkung des Familienlebens, Erziehung der Jugend und Bewahrung deutscher Mädchen im Ausland und den Kolonien mit den Traditionen und Bestrebungen des Frauenbundes decken. Im Kuratorium der Schule hat der Frauenbund durch zwei seiner Mitglieder Sitz und Stimme, und wird bestrebt sein, für junge Mädchen Stipendien zu stiften, welche Aussicht haben, nach Afrika auszuwandern.

In Süd-West-Afrika kommen auf 7-10 weiße Männer eine Frau, da ist es eine dankbare Aufgabe, das mütterliche Element dort zu stärken. Ost-Afrika ist auch der deutschen Rückwanderung frei gegeben und ist zu hoffen, daß auch dort viele Frauen ihr Heim finden.

Die Frauen und Mädchen, welche sich der schönen Aufgabe widmen wollen, deutschen Männern in fernen Ländern eine Kameradin zu sein, dürfen nicht ohne die nötigen Unterweisungen die Heimat verlassen, sie bedürfen einer besonderen Ausbildung, welche es ihnen ermöglicht, in ungewohnter Umgebung, primitiven Verhältnissen und anderem Klima ihrem Pflichtenkreis vorzustehen. Alle diese nötigen Kenntnisse zu erwerben, dazu will die Rendsburger Kolonial-Frauenschule die Hand bieten. Aber nicht nur praktische Kenntnisse benötigt die junge Auswandernde. Auch die seelischen Kräfte sollen gefestigt werden, damit in ungewohnten Verhältnissen die Harmonie des Gemütes erhalten bleibt. In der Heimgemeinschaft der Schule sollen die besten Kräfte zum Dienst für die Allgemeinheit geweckt werden, im Gegensatz zu den selbstsüchtigen Tendenzen der Jetztzeit.

Am Ufer des Nord-Ostsee-Kanals liegt der turmgekrönte Bau der Schule, von Tannenwald umgeben. Die Inneneinrichtung entspricht allen Anforderungen der modernen Hygiene. Luftige Schlaf- und Wohnräume und große sonnenbeschienene Terassen. Alle Wirtschaftsräume sind nach praktischen Gesichtspunkten eingerichtet. Getrennt durch ein kleines Gehölz, liegt der Obst- und Gemüsegarten und die Ställe für Kleinvieh und Geflügel. So ist Sorge getragen, daß die jungen Mädchen auch auf diesen Gebieten nicht unerfahren bleiben. Die Leitung der Schule liegt in den Händen eines Ehepaares, welches seine Erfahrungen im Ausland gesammelt hat und denen die Erfordernisse deutschen Farmerlebens nicht fremd sind. Alle Lehrfächer liegen in bewährten Händen, und so kann man der Schule, welche am 2. Mai ihre Tore öffnete, das beste Prognostikon stellen. Der Lehrgang umfaßt ein Jahr, das Alter der jungen Mädchen soll im allgemeinen nicht unter 18 Jahre sein. Die Aufnahmen finden April und Oktober statt. Der Pensionspreis beträgt 900 Mark im Jahr.

Die Kolonial-Frauenschule übernimmt keine Stellenvermittlung, aber der Frauenbund wird den jungen Mädchen, welche erfolgreich die Schule absolviert haben, dazu verhelfen, in Süd-West-Afrika Stellung als Haustöchter zu bekommen, da es sich während des Lehrjahres herausgestellt hat, ob sie fürs Ausland geeignet sind.

Die Farmer drüben begrüßen sehr die Gründung der Schule, da sie ihnen Gewähr bietet, daß ein geeignetes Menschenmaterial herangebildet wird. Anderseits werden die Farmer gern ihre Töchter nach Rendsburg schicken, damit die in Afrika großgewordenen Mädchen in der alten Heimat sich Kenntnisse aneignen können und die deutsche Heimat lieben lernen.

Möchte in reger Wechselwirkung hüben und drüben die Schule zum Segen der heranwachsenden Jugend werden, und die Samenkörner, in die jungen Seelen gepflanzt, reiche Früchte tragen zur Ehre des Deutschtums in Uebersee.

Quelle: Antonie Brandeis-Ruete, „Koloniale Frauenschule in Rendsburg“, Der Kolonialdeutsche (Berlin), 1. Juni 1927. Online verfügbar unter:
http://webopac.hwwa.de/digiview/DigiView_GKD.cfm?GKD=4102622-6