Kurzbeschreibung

Die enthusiastische Reaktion der Hamburger Lehrerin Louise Solmitz auf die Bildung eines Kabinetts der „nationalen“ Konzentration unter der Führung Hitlers war durchaus charakteristisch für das nationalkonservativ-bürgerliche Milieu. Viele in diesen Kreisen wähnten – ebenso wie die Bündnispartner Hitlers in den konservativen Eliten – dessen Radikalismus durch die Einrahmung mit konservativen Ministern gezähmt. Neben Hitler als Reichskanzler gehörten lediglich zwei weitere Nationalsozialisten, Wilhelm Frick als Reichsinnenminister und Hermann Göring als Reichsminister ohne Geschäftsbereich sowie kommissarischer preußischer Innenminister, dem Kabinett an. Mögliche Bedenken gegenüber den Nationalsozialisten wurden durch vage Hoffnungen auf eine nationale Einheit verdrängt. Besonders deutlich zeigt sich bei Louise Solmitz außerdem die Unterschätzung des nationalsozialistischen Antisemitismus, zumal sie selbst mit einem getauften Juden verheiratet war.

Eine Hamburger Lehrerin über Hitlers Ernennung zum Reichskanzler (Januar/Februar 1933)

  • Louise Solmitz

Quelle

30. 1. 33

Und was brachte uns Dr. H. mit? Sein Ebenbild Hitler ist Reichskanzler! Und was für ein Kabinett!!! Wie wir es im Juli nicht zu erträumen wagten. Hitler, Hugenberg, Seldte, Papen!!!

An jedem hängt ein großes Stück meiner deutschen Hoffnung. Nationalsozialistischer Schwung, deutschnationale Vernunft, der unpolitische Stahlhelm und der von uns unvergessene Papen. Es ist so unausdenkbar schön, daß ich es schnell niederschreibe, ehe der erste Mißklang folgt, denn wann erlebte Deutschland nach herrlichstem Frühling einen gesegneten Sommer? Wohl nur unter Bismarck. Was Hindenburg da geleistet hat! Wie er Hammerstein kaltstellte, der sich anmaßte, Politik in die Reichswehr zu tragen!

Riesiger Fackelzug vor Hindenburg und Hitler durch Nationalsozialisten und Stahlhelm, die endlich, endlich wieder miteinandergehen. Das ist ein denkwürdiger 30. Januar!

[]

6. 2. 33

Fackelzug der Nationalsozialisten und Stahlhelmer! Ein wunderbar erhebendes Erlebnis für uns alle. Göring sagt, der Tag der Ernennung Hitlers und des nationalen Kabinetts sei gewesen, wie 1914, und etwas, wie 1914 war auch dies; nachdem Dr. H. gerade neulich festgestellt hatte, daß von diesem Geiste auf dem Weg von Berlin nach Hamburg vom 30. Januar bis 3. Februar verflucht wenig übriggeblieben sei.

Am Sonntag waren, – Gisela sah sie, – die Roten mit Frauen und Kindern, um den Zug zu verlängern und durch den Dreck eines unerbittlichen Regenwetters gewatet. Zwangsläufig werden sich jetzt ja Sozis und Rotfront finden müssen.

Nun aber war schönstes Wetter. Trocken und windstill, einige Wärmegrade. Um ½22 nahmen wir Aufstellung, Gisela mit. Ich sagte, sie solle bis zum Schluß bleiben, denn die Kinder hätten bisher so überaus klägliche politische Eindrücke gehabt, daß sie, wie einst wir, auch einmal einen starken, nationalen Eindruck ganz durchkosten und empfinden und als Erinnerung bewahren sollten. Und so geschah es. – Es wurde 22 Uhr, ehe die ersten Fackeln kamen, und dann folgten sich, wie Wellen im Meer, an 20 000 Braunhemden, begeistert leuchteten die Gesichter im Fackelschein. „Unserm Führer, unserm Reichskanzler Adolf Hitler ein dreifaches Heil!“ ... Sie sangen „Die Republik ist Schiet“ und von den Farben „Schwarz-rot-Senf“ und „Der Rotmord hat ein blutiges Gesicht, und wir vergessen den Mord an der Sternschanz nicht.“ – Dreckmann wurde da gemordet, und ich erhaschte seinen Namen zufällig auf einer der Fahnen, wohl der, zu deren Abteilung er gehört hat. Die Feldzeichen gleichen zu sehr den römischen.

Nun kamen die Stahlhelmer, eine graue Flut; ruhiger, durchgeistigter vielleicht. Sie brachten auf ihren schönen Fahnen unsere alten Farben schwarz-weiß-rot, oben mit dem Trauerflor. [] Wie schön und erhebend, daß der Bruderzwist, der uns so betrübte, beigelegt ist! So, wie heute Abend, so müßte es sein und bleiben.

Zwischen den SA-Leuten und dem Stahlhelm aber marschierte eine Abordnung nationaler Studenten. Und sie haben Hamburg erobert. Die Gemüsefrauen und ihre Kundinnen, die gesamte Weiblichkeit ist sich einig: „Nein, diese Studenten! Entzückend. Sie waren doch am schönsten, nech?!“

Es war auch ein prachtvoller Anblick, die schneeweißen, die zinnoberroten, die moosgrünen und schwarzen Farben, die phantastischen Baretts, Stiefel und Stulpen im zuckenden Licht der Fackeln, die Schläger, die Fahnen. Ihnen folgte dann mit klingendem Spiel, mit den alten preußischen Armeemärschen und dem blitzenden Schellenbaum der Stahlhelm.

Den Beschluß des Zuges bildeten die SS-Leute.

Wir waren wie berauscht vor Begeisterung, geblendet vom Licht der Fackeln gerade vor unsern Gesichtern und immer in ihrem Dunst, wie in einer süßen Wolke von Weihrauch. Und vor uns Männer, Männer, Männer, braun, bunt, grau, braun, eine Flut von einer Stunde und 20 Minuten. Im zuckenden Licht der Fackeln meinte man nur einige Typen zu sehen, die immer wiederkehrten, aber es waren an 22–25 000 verschiedene Gesichter!

Neben uns hob ein kleiner Junge von 3 Jahren immer wieder die winzige Hand „Heil Hitler, Heil Hitlermann!“

Ein SA-Mann hatte morgens zu Gisela gesagt: „Jetzt heißt es nicht mehr ‚Heil Hitler‘, jetzt heißt es ‚Heil Deutschland‘.“ „Juda, verrecke“, wurde auch mal gerufen und vom Judenblut gesungen, das vom Messer spritzen solle. [Späterer Zusatz: Wer nahm das damals ernst?!]

Der Eimsbütteler Turnhalle gegenüber (schade, daß wir es nicht sahen) stand der Führer der Hamb. Nationalsozialisten – und neben ihm, die Hand an der Mütze, der Führer des Hamb. Stahlhelms, Korvettenkapitän Lauenstein, der vor wenigen Monaten von SA-Leuten niedergestochen wurde (10 Minuten von da, wo er jetzt stand) und nun den Vorbeimarsch der SA grüßte, wie der SA-Führer den der Stahlhelmer.

Was für Augenblicke!!

Welch ein schöner Gedanke.

Die Nationalsozialisten haben viel mehr Nachwuchs und Jugend als der Stahlhelm. Hübsche, frische, lustige Jungens im Zuge.

Als alles vorüber war, war es doch noch nicht vorüber, denn den letzten SS-Leuten schloß sich eine harmlos vergnügte Menschenmenge mit Fackelresten an und machten ihren eigenen Fackelzug, froh des Augenblicks.

Im übrigen wurden am Kaiser-Friedrich-Ufer die Fackeln zusammengeworfen, nach einem Marsch vom Lübecker Tor her. Es wurde ½24 bis alles vorüber war.

Einigkeit, endlich, endlich und wie lange?! Da wir nun doch einmal Deutsche sind.

Was muß Hitler empfinden, wenn er die 100 000 Menschen marschieren sieht, die er rief, denen er die nationale Seele einhauchte oder wieder aufrichtete, Menschen, die bereit sind, für ihn zu sterben. Nicht nur so dahergesagt, nein, in bitterstem Ernst. []

Und diese Menschenfluten in Hamburg sind ein geringer Bruchteil nur der Hitlerleute im ganzen Reich! []

Quelle: „Louise Solmitz: Auszüge aus den Tagebüchern“, abgedruckt in Werner Jochmann, Hrsg., Nationalsozialismus und Revolution: Ursprung und Geschichte der NSDAP in Hamburg; 1922–1933. Frankfurt: Europäische Verl.-Anst., 1963, S. 421–24.