Quelle
Ende Dezember 1930
Langsam heranschleichende böse Reaktion auf allen Gebieten. Verbot des Remarque-Films.[1] Es wird eine schlimme Zeit kommen, oder es ist eine schlimme Zeit. Arbeitslosigkeit in allen Erdteilen.
1. Januar 1931
Nichts von der alten Lust zu Jahresende sich mit dem verflossenen auseinanderzusetzen. Man trabt weiter.
Herbst 1931
Gewaltige Umwälzungen. Internationale Erschütterungen des Kapitalismus. Wirklich Weltwende.
31. Juli 1932 (Sonntag)
Reichstagswahl in Köln. Wir gehn zu dritt hin. Es ist wieder furchtbar schwül. Hans fährt nach Trier. Nachmittags wollen wir eine kurze Rheinfahrt machen, Gewitterregen hindert uns. Abends in der sehr belebten Straße ‘Hoher Weg’ in ein Café und die Wahlresultate abgewartet.[2]
Ende August 1932
Zum Amsterdamer Anti-Kriegs-Kongreß[3] wäre ich gern gefahren.
Politisch diktieren die Deutsch-Nationalen. Papen. Resignationsstimmung: Laß er sehn, was er schafft. Die Sondergerichte zur Unterdrückung des „schwelenden Brüderkriegs.”
Silvester 1932
Konrad! Und im Frühjahr Gertrud Goesch! Und immer Sorge um den Georg und der Karl oft so geplagt. Und Lise und ich mit unserm müden Kopf und Herz.[4]
Und dann all das Leiden im Umkreis. Doch könnte man positive sehn und sagen: Es ist einmal Übergangszeit—wir gehn unter, aber es kommt Neues, Besseres. Gewiß, aber mit der Müdigkeit, mit physischen, ist die psychische so verbunden. Man hofft nur noch mühsam, wenn man so müde ist.
Juli 1933
Am 30. Januar 1933 wird Hitler Reichskanzler. Dann alles Schlag auf Schlag. 15. Februar müssen Heinrich Mann und ich aus der Akademie austreten. Verhaftungen und Haussuchungen. Ende März auf zwei Wochen Marienbad, dort mit Wertheimers. Mitte April kommen zurück in der festen Absicht zu bleiben.
Vollkommenste Diktatur.
1. April Juden-Boykott.
Entlassungen. Hans noch im Amt.
10. Mai werden Bücher verbrannt. Am 21. Mai Nachricht, daß Clara Zetkin tot ist.
Am Sonnabend 1. Juli werden sämtlichen Ärzten, die dem Sozialdemokratischen Ärzteverein angehört haben, die Kassen weggenommen. Karl auch.
Jetzt im Juli gibt es weder die kommunistische Partei mehr, noch die sozialdemokratische, noch die demokratische, noch die Deutsch-Nationalen, noch die Bayerische Volkspartei, noch das Centrum. In ganz Deutschland existiert nur noch die NSDAP.
Es gibt keine Zeitung, die eine andere Meinung vertritt.
Gleichschaltung.
Unterdes lebt man und arbeitet. Ich bin an der plastischen Gruppe „Mutter mit zwei Kindern”, Ende September muß ich das Akademie-Atelier geräumt haben. Die Arbeit geht von der Hand.
Anmerkungen
Quelle: Käthe Kollwitz, Die Tagebücher, hrsg. Jutta Bohnke-Kollwitz. Ost-Berlin: Wolf Jobst Siedler Verlag, 1989, S. 652–655, 668, 670–71, 673.