Kurzbeschreibung

Die Tagebucheinträge der in Berlin lebenden Künstlerin Käthe Kollwitz (1867-1945) wurden in den späten 1920er Jahren kürzer und weitaus seltener als in den Jahren unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg. Im gesamten Jahr 1929 schrieb sie nur sechs Einträge, die insgesamt vielleicht ein Dutzend Absätze umfassten, und dieses Muster hielt auch in den folgenden Jahren an – zehn Einträge im Jahr 1930 und nur sechs weitere im Jahr 1931. Kollwitz‘ Einträge konzentrierten sich in diesen späteren Jahren der Weimarer Republik zusehends auf ihren Familien- und Freundeskreis. Im Gegensatz zu früheren Jahren äußerte sie sich nach 1929 nur noch selten zur Politik, und in keinem ihrer Einträge aus dieser Zeit wurde die NSDAP oder einer ihrer Führer ausdrücklich erwähnt (die erste Erwähnung Hitlers in ihrem Tagebuch erfolgte erst im Juni 1934).

Die spärlichen Tagebuchaufzeichnungen waren zum Teil auf ihr zunehmendes Alter und ihre nachlassende Energie zurückzuführen, wie Kollwitz in einem kurzen Neujahrseintrag im Jahr 1931 einräumte. Sie wiederholte dieses Gefühl der Erschöpfung in einem Eintrag zu Silvester 1932, in dem Kollwitz darüber nachdachte, was es für ihre Generation bedeutete, schließlich einer neuen zu weichen. Kollwitz bemühte sich, diesen Übergang in einem positiven Licht zu sehen. Die Tatsache, dass Kollwitz ihre Gedanken über die politische Situation in Deutschland in den letzten Jahren der Republik selten niederschrieb, bedeutete jedoch nicht, dass sie sich schlicht mit dem Lauf der Dinge abgefunden hatte. Kollwitz blieb wachsam und sehr engagiert, insbesondere im Sommer 1932. Sie investierte einen Großteil ihrer Energie in die Enthüllung ihres lang geplanten Denkmals für ihren Sohn Peter, der im Oktober 1914 im Krieg gefallen war. Das Denkmal, das sich auf dem Friedhof befindet, auf dem Peter begraben liegt, zeugt von den Schrecken des Krieges und von Kollwitz‘ langjährigem Engagement in der pazifistischen Bewegung.

Käthe Kollwitz über den Aufstieg der Nationalsozialisten (1930-1933)

Quelle

Ende Dezember 1930

Langsam heranschleichende böse Reaktion auf allen Gebieten. Verbot des Remarque-Films.[1] Es wird eine schlimme Zeit kommen, oder es ist eine schlimme Zeit. Arbeitslosigkeit in allen Erdteilen.

1. Januar 1931

Nichts von der alten Lust zu Jahresende sich mit dem verflossenen auseinanderzusetzen. Man trabt weiter.

Herbst 1931

Gewaltige Umwälzungen. Internationale Erschütterungen des Kapitalismus. Wirklich Weltwende.

31. Juli 1932 (Sonntag)

Reichstagswahl in Köln. Wir gehn zu dritt hin. Es ist wieder furchtbar schwül. Hans fährt nach Trier. Nachmittags wollen wir eine kurze Rheinfahrt machen, Gewitterregen hindert uns. Abends in der sehr belebten Straße ‘Hoher Weg’ in ein Café und die Wahlresultate abgewartet.[2]

Ende August 1932

Zum Amsterdamer Anti-Kriegs-Kongreß[3] wäre ich gern gefahren.

Politisch diktieren die Deutsch-Nationalen. Papen. Resignationsstimmung: Laß er sehn, was er schafft. Die Sondergerichte zur Unterdrückung des „schwelenden Brüderkriegs.”

Silvester 1932

Konrad! Und im Frühjahr Gertrud Goesch! Und immer Sorge um den Georg und der Karl oft so geplagt. Und Lise und ich mit unserm müden Kopf und Herz.[4]

Und dann all das Leiden im Umkreis. Doch könnte man positive sehn und sagen: Es ist einmal Übergangszeit—wir gehn unter, aber es kommt Neues, Besseres. Gewiß, aber mit der Müdigkeit, mit physischen, ist die psychische so verbunden. Man hofft nur noch mühsam, wenn man so müde ist.

Juli 1933

Am 30. Januar 1933 wird Hitler Reichskanzler. Dann alles Schlag auf Schlag. 15. Februar müssen Heinrich Mann und ich aus der Akademie austreten. Verhaftungen und Haussuchungen. Ende März auf zwei Wochen Marienbad, dort mit Wertheimers. Mitte April kommen zurück in der festen Absicht zu bleiben.

Vollkommenste Diktatur.

1. April Juden-Boykott.

Entlassungen. Hans noch im Amt.

10. Mai werden Bücher verbrannt. Am 21. Mai Nachricht, daß Clara Zetkin tot ist.

Am Sonnabend 1. Juli werden sämtlichen Ärzten, die dem Sozialdemokratischen Ärzteverein angehört haben, die Kassen weggenommen. Karl auch.

Jetzt im Juli gibt es weder die kommunistische Partei mehr, noch die sozialdemokratische, noch die demokratische, noch die Deutsch-Nationalen, noch die Bayerische Volkspartei, noch das Centrum. In ganz Deutschland existiert nur noch die NSDAP.

Es gibt keine Zeitung, die eine andere Meinung vertritt.

Gleichschaltung.

Unterdes lebt man und arbeitet. Ich bin an der plastischen Gruppe „Mutter mit zwei Kindern”, Ende September muß ich das Akademie-Atelier geräumt haben. Die Arbeit geht von der Hand.

Anmerkungen

[1] Vorführungen der Verfilmung von Im Westen nichts Nues wurden landesweit verboten, nachdem die Nationalsozialisten dessen Premiere in Berlin gewaltsam gestört hatten und drohten, dies auch an anderen Orten zu tun.
[2] Kollwitz‘ Tagebuch enthielt die Wahlergebnisse nicht, die NSDAP gewann etwas mehr als 37 % der Stimmen und wurde damit mit Abstand die größte Partei im Reichstag. Dies war die Wahl, für die sie und andere führende Persönlichkeiten in Deutschland im Juni ihren „Dringenden Appell!“ verfasst hatten, in dem sie argumentierten, dass die KPD und die SPD eine einheitliche Kandidatenliste erstellen müssten, um den wachsenden Zuspruch für die NSDAP bei den Wahlen einzudämmen.
[3] Die französischen Schriftsteller Romain Rolland und Henri Barbusse hatten den Antikriegskongress als Reaktion auf die japanische Invasion der Mandschurei im September 1931 einberufen. Der Kongress versammelte 2.195 Delegierte aus 29 Ländern.
[4] Kollwitz trauerte 1932 um zwei ihr wichtige Menschen: ihren Bruder Konrad und ihre Cousine Gertrud. Das Jahr brachte auch Sorgen um ihre eigene Gesundheit sowie um die ihres Mannes Karl, ihrer Schwester Lise und Lises Ehemann Georg mit sich.

Quelle: Käthe Kollwitz, Die Tagebücher, hrsg. Jutta Bohnke-Kollwitz. Ost-Berlin: Wolf Jobst Siedler Verlag, 1989, S. 652–655, 668, 670–71, 673.