Kurzbeschreibung

In diesem Ausschnitt aus einem Zeitzeugeninterview, das 1999 vom United States Holocaust Memorial Museum geführt wurde, erinnert sich Waltrudis Becker (geb. 1917) an ihre Kindheit in den 1920er und frühen 1930er Jahren in der Nähe der süddeutschen Stadt Villingen. Becker, die nicht jüdisch war, sprach offen über die antisemitischen Ansichten ihres Vaters und dessen Unterstützung für die NSDAP, lange bevor diese an die Macht kam. Sie erinnerte sich zudem an Geschichten über den Ersten Weltkrieg, die ihre Eltern ihr erzählt hatten, und beschrieb ihre Schulzeit und ihr eigenes Empfinden der politischen Stimmung während der Weimarer Republik.

In den 1920er Jahren galten sowohl Villingen als auch das naheliegende Schwenningen eher als Hochburgen der Zentrumspartei und in geringerem Maße der SPD denn als fruchtbarer Boden für rechtsextreme Politik. Bei den Landtagswahlen in Baden 1929 beispielsweise wählten fast 41 % der Einwohner dieser beien Orte für das katholische Zentrum und knapp 21 % für die SPD. In Baden insgesamt stimmte die Bevölkerung überproportional für die Parteien der Mitte und die Mitte-Links Parteien, und die „Weimarer Koalition” behielt bis 1932 eine ununterbrochene Regierungsmehrheit im Landtag. Dennoch waren, wie Beckers Anmerkungen zu den Ansichten ihres Vaters zeigen, rechtsextreme Organisationen in den 1920er Jahren in Villingen präsent. Gruppen wie der Schlageter-Bund und der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund zogen junge Mitglieder an, darunter den späteren nationalsozialistischen Bürgermeister der Stadt, Hermann Schneider, der sich bereits als Jugendlicher in diesen Kreisen bewegt hatte. Bis 1930 hatten sich die Wähler in Villingen – wie im restlichen Deutschland – zunehmend der NSDAP zugewandt.

Eine Kindheit im ländlichen Baden: Zeitzeugeninterview mit Waltrudis Becker (1999)

Quelle

Waltrudis Becker:  Und erinnere mich, dass wir oft am Bahnhof Forchheim gestanden haben. Forchheim bei Karlsruhe.  Wenn man Besuch bekommen hat oder weggebracht hat.  Wir hatten zehn Minuten zum Bahnhof.  Und da sind die Güterzüge vorbeigefahren. Da haben wir die Wagen gezählt als Kinder. 80 Wagen, wenn ich mich recht erinnere. Und da hat uns der Bahnhofsvorsteher gesagt, die kommen alle aus dem Rheinland und gehen bei Kehl nach Straßburg rüber. Das sind alles Kohlenzüge, etwa fünf am Tag, also für dieses kann ich nicht mehr einstehen, wie viel. Das sind Reparationen vom Versailler Vertrag.  Der Versailler Vertrag wurde damals von jedermann als Schandvertrag empfunden. Vielleicht wird er auch von der heutigen Geschichtsschreibung noch als ein Dokument angesehen, das den Keim zu neuen Konflikten in sich trägt. Das habe ich mal für eine Enkelin aufgeschrieben. [...]

Mein Vater lebte von 1877 bis 1937.  Über seinem Sofaplatz im Wohnzimmer hingen die Bilder von Friedrich dem Großen, Bismarck und Hindenburg. Das waren üblicherweise die Vorbilder der damaligen bürgerlichen Generation. Er hat zwar vor 1933 die politischen Ereignisse verfolgt, aber nicht in der Familie darüber gesprochen.

Nach dem 30. Januar 1933 wurde der erste Radioapparat gekauft.  Also ich bin in Karlsruhe aufs Gymnasium gegangen und da ist in Forchheim, das ist das Dorf, zu dem wir gehört haben, wir haben aber nicht im Dorf gewohnt, sondern der Hof war ein Stück weit weg, war Kinderlähmung ausgebrochen und da musste ich von der Schule wegbleiben. Das war also  ein Gesetz, verboten wegen Ansteckung.  Da war ich in der Unterprima, das ist die heutige Zwölfte. Und da habe ich mir damals, das hat sich über sechs Wochen oder wie lange hingezogen, habe ich mir gesagt, also jetzt so schaffst du das Abitur nicht mehr und bin aus der Schule ausgetreten. Eine Klasse zu wiederholen, das war damals eine furchtbare Schande. [...]

Im Ersten Weltkrieg, mein Vater war nicht eingezogen, weil er Landwirt war und, wie sagt man denn da, unabkömmlich gestellt war.  Ja, er war in Villingen, ich bin [19]17 geboren, da hat meine Mutter erzählt, dass die feindlichen Flugzeuge in Villingen im  Schwarzwald, von Frankreich rübergeflogen sind und die Uhrenfabriken bombardiert haben oder versucht zu bombardieren. Da im Schwarzwald waren ja Uhrenfabriken und sie mussten dann in den Keller. Und sie musste also mit mir, mit dem kleinen Baby oder Kind, in den Keller runter. Und sie haben auch einen Garten gehabt, meine Eltern. Und da hat auch eine Frau von ihr immer Kartoffeln geholt. Und hat gesagt später, ,,Sie haben mir Leben gerettet mit ihren Kartoffeln".

[...]

In der Zeit vor 1933, da hatte ich eine Freundin gewonnen. Im vierten Volksschuljahr haben wir uns kennengelernt und sind heute noch befreundet. Ihre Mutter war Kriegerwitwe aus dem Ersten Weltkrieg. Sie waren fünf aus der ersten Ehe, von denen waren drei. Es waren zwei Söhne da und die waren bei der SA und der SS, vorher schon, vor '33. Jugendliche.  Und die haben den Führer gelesen, das war eine Tageszeitung, so wie die Badische Presse und so und den habe ich dann als mit nach Haus gebracht. Da bin ich noch mit dem Zug in die Schule gefahren und vor dem Bahnhof in Karlsruhe standen zwei Zeitungsverkäufer.  Der eine hat gerufen: ,, Die Rote Fahne, Sozialdemokrat! Das haben wir immer nachgemacht. Das waren die zwei Zeitungen, die er verkauft hat. Und der andere, der hat die Badische Presse gehabt und den Führer. Und den habe ich ihm dann jeden Tag abgekauft und habe ihn meinem Vater gebracht. Und er hat mit Interesse gelesen, hat sich aber, da hat man sich nicht sehr über Politik geäußert. [...]

Ich bin drei Jahre in die Dorfschule gegangen nach Forcheim und da hat schon gleich der Lehrer gesagt, wo ich eingeschult worden bin, meine Eltern müssten mich aber, wenn ich auf eine weiterführende Schule wollte, das vierte Schuljahr nach Karlsruhe schicken, sonst würde ich den Anschluss nicht kriegen. Die Dorfschule sei so primitiv und das war sie auch. Und da bin ich also im vierten Schuljahr schon Fahrschüler gewesen.  Die Schule war um 12 Uhr aus. Ein paar Mal hatten wir noch Nachmittagsschule gehabt, da habe ich dann drin gegessen.  

Roswitha Breckner:  Sie haben vorhin erzählt, dass Sie für Ihren Vater immer den Führer gekauft haben.

Becker:  Ja. Von Karlsruhe nämlich. Ja.

Breckner:  Wann haben Sie zum ersten Mal das wahrgenommen?

Becker:  Da kann ich mich nicht erinnern, aber das war wohl durch die Familie meiner Freundin. Durch deren zwei Brüder. Sie hatte noch eine ältere Schwester, die war Kindergärtnerin und einen jüngeren Bruder. Und die zwei älteren Brüder, das waren Drogisten. Wie alt werden die damals gewesen sein? Vielleicht noch keine 20 und die waren begeistert natürlich und da hat man das so mitgekriegt oder auch mal den einen, wenn er in SS-Uniform  gekommen ist oder in SA-Uniform und die haben auch schon von Schlägereien von so Straßenschlägereien erzählt, also sie selber haben nie was abgekriegt, also dass sie verwundet waren oder so. Ich glaube auch nicht, dass es so schlimme Schlägereien waren, aber dass da schon was war, dagegen. Also das war dann, wann bin ich denn in die Familie gekommen? So mit 13, 14 Jahren, das war dann also  Anfang der 30er Jahre. Wir waren dann im Turnverein, meine Freundin und ich. Und da waren die Abende, immer abends, dann habe ich bei denen geschlafen. Und dann ist sie wieder mit zu mir raus und hat bei mir geschlafen. Und ja, dann waren die Kaufhäuser Tietz und Knopf in Karlsruhe.  Wahrscheinlich ist da der Hertie draus geworden, ich weiß es nicht. Und da hat man halt auch gekauft.  Und da haben dann die gesagt, das kaufen wir nimmer.  Bei denen kaufen wir nimmer. Und dann hab ich, wie meine Eltern da draufgekommen sind, weiß ich nicht, eine  Zeit lang Gymnastikstunden gekriegt. Durch meine schlechte Haltung haben sie gedacht, ich muss irgendwas machen, und zwar war das das Fräulein Mainzer, das war eine Laban-Schülerin und da haben dann meine Eltern gesagt, ob die Emma nicht auch will, meine Freundin, und da haben die dann gesagt, ach nein, sie glauben, das ist eine Jüdin. Also da kam das dann, der Antisemitismus durch.  Mein Vater war an und für sich Antisemitist, würden wir heute sagen, durch seine ganze Erziehung. Er war Bauernsohn aus Oberschwaben, wie gesagt, hat dann studiert. Das war ja damals, da war man schon irgendwie antisemitisch eingestellt, auch durch, ich sagte ja, die Bilder von Hindenburg und Friedrich dem Großen und Bismarck. Und wenn er irgendwas gesagt hat, dann haben wir Kinder gesagt, aber Vater, du machst doch auch deine Viehgeschäfte mit dem Jud. Ich weiß nicht mehr, wie er geheißen hat. Dann hat er gesagt, Viehgeschäfte muss man mit dem Juden machen, da gibt es keinen anderen. Das ist so.

Breckner:  Und können Sie sich erinnern, was er dann sonst noch so über Juden gesagt hat?

Becker:  Nein, also geschimpft über Juden direkt hat er nicht. Ich weiß, wo der Film Ben Hur in Karlsruhe gegeben worden ist, noch ein  Schwarz-Weiß-Film, aber schon mit Bewegung, ja. Also da ist man reingegangen bei dem Hur-Film und meine Mutter auch. Und sagt also zum Vater, als wir dabei waren, also das ist ein wunderbarer Film und so. Und da hat mein Vater gesagt, ich mag nicht. Da kommt doch auch der Jesus drin vor. Da hat er gesagt, das war doch auch ein Jud.

Er war katholisch, mein Vater. Meine Mutter evangelisch. Und mein Vater  hat seine Mutter als Dreijähriger verloren und ist von einer alten Magd aufgezogen worden. Er war der Jüngste von fünf Kindern. Das Oberschwäbische, das ist katholisch. Er war nicht praktizierender Katholik. Er hat sich evangelisch trauen lassen und der Pfarrer von Forchheim, der katholische Pfarrer, hat einmal im Jahr Besuch bei uns gemacht und hat ein Glas Wein angeboten gekriegt. Die Schwestern haben sich Blumen geholt, um die Kirche zu schmücken. Und sonst ist jeder nach seiner eigenen Person selig geworden. Und wir Kinder ...er hat gesagt, die Kinder sollen den Glauben,  die Konfession annehmen wie die Mutter, denn die erzieht sie ja hauptsächlich. Und in der Volksschule in Forchheim haben die Kinder erst vom vierten Schuljahr ab evangelischen Religionsunterricht bekommen, weil es so wenig waren. In meiner Klasse war noch ein Junge evangelisch. Da habe ich also keinen Religionsunterricht gehabt bis zum im vierten Schuljahr, dann in Karlsruhe und da war ich fromm. Aber zuhause haben wir, meine Eltern und Geschwister, die sogenannte biblische Geschichte gegeben. Und sonntags hat sich, weil die evangelische Kirche  zu weit weg war , hat sich meine Mutter ans Klavier gesetzt und wir haben ein Choralbuch gehabt mit den Klaviernoten, und da haben wir ein paar Chorallieder gesungen. Das war unser Gottesdienst.  Und konfirmiert worden sind wir in Karlsruhe und auch in den Konfirmandenunterricht gegangen. [...]

Und dann hatte mein Vater einen Dutzfreund. Er hat nicht viele Dutzfreunde gehabt. Der Kronberger Dutzfreund  Er war im Ministerium in Karlsruhe, war verheiratet und hatte einen Sohn und zwei Töchter gehabt. Die waren etwas älter als meine Schwestern. Und wenn die mal zu uns zum Kaffee rausgekommen sind, das war meine Erziehung: Aber dass du auch ja einen schönen Knicks machst und sagst, ,,Guten Tag, Frau Oberregierungsrat'' und ,,Guten Tag, Herr Oberregierungsrat''. Und das Wort Oberregierungsrat, das habe ich nicht rausgebracht als Kind. Und der Sohn hat, glaube ich, eine Jüdin geheiratet und die Tochter, die zweite Tochter, die war etwas beschränkt, die war unverheiratet. Und das  war eine typische Erziehung von damals. Da hat man mit mir Kind, ich war das Kind, nicht drüber gesprochen, über Probleme oder was. Es ist stillgeschwiegen worden . Ich habe noch einmal aufgeschnappt, wie meine Mutter gesagt hat, dass der Sohn von dem Freund von meinem Vater, die seien heimgekommen und an der Sperre seien die schon so komisch behandelt worden. Weil jüdisch oder halb jüdisch. [...]

Wir haben eine halbe Stunde zu Fuß vom Dorf weg gewohnt. In  Forchheim bei Karlsruhe, wo ich meine Kindheit verlebt habe.  Und wenn Wahlen waren, ist man mit den Pferden ins Dorf gefahren und da durfte ich  mitfahren als Kind, meistens vorne auf dem [Kutsch]Bock. Und da waren ein Onkel und eine Tante von mir zu Besuch und da waren auch Wahlen. Und da hat mein Onkel gesagt, ja, was wählen wir denn eigentlich? Oder was wählt man denn? Und da hat jemand anders, vielleicht mein Vater oder sonst jemand gesagt, ja  deutschnational, wie immer. In dieser Schicht bin ich aufgewachsen. Es hat die Zentrumspartei gegeben und die Sozialdemokraten und Deutschnational. An andere Parteien kann ich  mich jetzt nicht erinnern. Kommunisten natürlich. Und dann kamen die Nationalsozialisten. Und wie gesagt,  außer den Brüdern von meiner Freundin, die eben noch jung waren,  die Generation von meinen Eltern, die waren da skeptisch gegenüber gestanden, was wird es jetzt wohl. Und haben sich aber, das habe ich in Erinnerung, durch die Erfolge beeindrucken lassen. [...]

Quelle: Zeitzeugeninterview mit Waltrudis Becker, 13. März 1999. Interviewerin: Roswitha Breckner. United States Holocaust Memorial Museum Collection, courtesy of the Jeff and Toby Herr Foundation

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