Quelle
Besuch vom Lande
Sie stehen verstört am Potsdamer Platz
und finden Berlin
zu laut.
Die Nacht glüht auf in Kilowatts,
Ein Fräulein
sagt heiser: „Komm mit, mein Schatz!“
Und zeigt entsetzlich
viel Haut.
Sie wissen vor Staunen nicht aus nicht ein.
Sie stehen und
wundern sich bloß.
Die Bahnen rasseln. Die Autos
schrein.
Sie möchten am liebsten zu Hause sein.
Und
finden Berlin zu groß.
Es klingt, als ob die Großstadt stöhnt,
weil irgendwer sie
schilt.
Die Häuser funkeln. Die U-Bahn dröhnt.
Sie sind
das alles so gar nicht gewöhnt.
Und finden Berlin zu
wild.
Sie machen vor Angst die Beine krumm
und machen alles
verkehrt.
Sie lächeln bestürzt. Und sie warten
stumm.
Und stehn auf dem Potsdamer Platz herum,
bis man
sie überfährt.
Quelle: Erich Kästner, „Besuch vom Lande“ (1930), in Potsdamer Platz, Drehscheibe der Welt, Hrsg. Günther Bellman. Berlin: Ullstein Buchverlag, 1997, S. 119–20. Zuerst in: Erich Kästner, Ein Mann gibt Auskunft. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1930.