Kurzbeschreibung

Erich Kästners satirisches Gedicht „Die Entwicklung der Menschheit“ aus dem Jahr 1932, das zu Beginn des dritten Jahres der Wirtschaftskrise in Deutschland erschien, stellt den Begriff des zivilisatorischen Fortschritts infrage, indem es suggeriert, dass moderne Stadtbewohner weit weniger von ihren primitiven Vorfahren entfernt seien, als man annehmen könnte. Das Gedicht verweist sowohl auf die bemerkenswerten wissenschaftlichen und technologischen Errungenschaften, die aus dem menschlichen Geist hervorgegangen sind, als auch auf die nutzlosen Informationen und zweifelhaften ethischen Thesen, die derselben Quelle entstammen. Kästners heutige Bekanntheit als Autor beruht vor allem auf einer Reihe lebhafter und unbeschwerter Kinderbücher wie Emil und die Detektive, doch begann er seine schriftstellerische Karriere in den 1920er Jahren mit scharfer Sozialkritik, die in einigen der einflussreichsten Zeitschriften der Weimarer Republik erschien. Kästner drückte diese Kritik auch in diesem Gedicht aus, das erstmals 1932 in seiner Gedichtsammlung Gesang zwischen den Stühlen erschien, die seine letzte Veröffentlichung vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 sein sollte. Das NS-Regime verbot Kästners Bücher umgehend, und am 10. Mai 1933 verbrannten Studenten in ganz Deutschland öffentlich unzählige Exemplare seiner Werke. Die berühmte Schauspielerin Lotte Lenya, die in der Weimarer Republik als Schauspielerin und Sängerin berühmt wurde und nach der Machtübernahme der Nazis ins amerikanische Exil ging, trägt das Gedicht auf dieser Tonaufnahme aus dem Jahr 1959 vor.

Erich Kästner, Die Entwicklung der Menschheit (1932)

Quelle

Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,
behaart und mit böser Visage.
Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt
und die Welt asphaltiert und aufgestockt,
bis zur dreißigsten Etage.

Da saßen sie nun, den Flöhen entflohn,
in zentralgeheizten Räumen.
Da sitzen sie nun am Telefon.
Und es herrscht noch genau derselbe Ton
wie seinerzeit auf den Bäumen.

Sie hören weit. Sie sehen fern.
Sie sind mit dem Weltall in Fühlung.
Sie putzen die Zähne. Sie atmen modern.
Die Erde ist ein gebildeter Stern
mit sehr viel Wasserspülung.

Sie schießen die Briefschaften durch ein Rohr.
Sie jagen und züchten Mikroben.
Sie versehn die Natur mit allem Komfort.
Sie fliegen steil in den Himmel empor
und bleiben zwei Wochen oben.

Was ihre Verdauung übrigläßt,
das verarbeiten sie zu Watte.
Sie spalten Atome. Sie heilen Inzest.
Und sie stellen durch Stiluntersuchungen fest,
daß Cäsar Plattfüße hatte.

So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
Den Fortschritt der Menschheit geschaffen.
Doch davon mal abgesehen und
bei Lichte betrachtet sind sie im Grund
noch immer die alten Affen.

Quelle: Erich Kästner, „Die Entwicklung der Menschheit“, in: Gesang zwischen den Stühlen, Stuttgart,1932. Gelesen von Lotte Lenya. Aus: Invitation to German Poetry, Dover Publications (IPG1/2), 1959. Internet Archive https://archive.org/details/lp_invitation-to-german-poetry_lotte-lenya/lp_invitation-to-german-poetry_lotte-lenya

Internet Archive

Erich Kästner, Gesang zwischen den Stühlen, Stuttgart 1932. 

Erich Kästner, Die Entwicklung der Menschheit (1932), veröffentlicht in: German History in Documents and Images, <https://germanhistorydocs.org/de/die-weimarer-republik-1918-1933/ghdi:audio-5151> [16.03.2026].