Kurzbeschreibung

Der Schriftsteller und Publizist Erich Kästner (1899-1974) erlangte vor allem durch seine Kinderbücher weltweite Bekanntheit. Er begann seine Karriere in der Weimarer Republik jedoch mit satirischen, oft gesellschaftskritischen Artikeln und Gedichten, die er bereits während seiner Studienzeit in Leipzig verfasste, um sich das Germanistikstudium zu finanzieren. Nach seiner Promotion zog Kästner 1927 nach Berlin, wo er sowohl unter eigenem Namen als auch unter mehreren Pseudonymen Artikel in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichte. Sein erstes Buch, der Gedichtband Herz auf Taille, erschien 1928. Ein Jahr später wurde sein erstes Kinderbuch, Emil und die Detektive, veröffentlicht, das zum Bestseller wurde. Kästner, der aus seinem Antimilitarismus kein Geheimnis machte und politisch der Sozialdemokratie nahestand, gehörte zu den Autoren, deren Bücher 1933 von den Nationalsozialisten als „kulturbolschewistisch“ verbrannt wurden. Anders als viele andere regimekritische Intellektuelle blieb er jedoch in Deutschland, wo er die NS-Herrschaft und den Zweiten Weltkrieg überlebte. Dieses humorvolle Gedicht aus dem Jahr 1930 beschreibt die Verwirrung ländlicher Besucher angesichts des Tempos und der Lautstärke des modernen städtischen Lebens, wie es durch den Potsdamer Platz, den Verkehrsknotenpunkt im Herzen Berlins, verkörpert wurde.

Erich Kästner, „Besuch vom Lande“ (1930)

  • Erich Kästner

Quelle

Besuch vom Lande

Sie stehen verstört am Potsdamer Platz
und finden Berlin zu laut.
Die Nacht glüht auf in Kilowatts,
Ein Fräulein sagt heiser: „Komm mit, mein Schatz!“
Und zeigt entsetzlich viel Haut.

Sie wissen vor Staunen nicht aus nicht ein.
Sie stehen und wundern sich bloß.
Die Bahnen rasseln. Die Autos schrein.
Sie möchten am liebsten zu Hause sein.
Und finden Berlin zu groß.

Es klingt, als ob die Großstadt stöhnt,
weil irgendwer sie schilt.
Die Häuser funkeln. Die U-Bahn dröhnt.
Sie sind das alles so gar nicht gewöhnt.
Und finden Berlin zu wild.

Sie machen vor Angst die Beine krumm
und machen alles verkehrt.
Sie lächeln bestürzt. Und sie warten stumm.
Und stehn auf dem Potsdamer Platz herum,
bis man sie überfährt.

Quelle: Erich Kästner, „Besuch vom Lande“ (1930), in Potsdamer Platz, Drehscheibe der Welt, Hrsg. Günther Bellman. Berlin: Ullstein Buchverlag, 1997, S. 119–20. Zuerst in: Erich Kästner, Ein Mann gibt Auskunft. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1930.