Quelle
Ich bin hoffnungsfroh wenn wir sehen, dass auch in diesem schweren Jahr die Deutsche Reichspost und die Industrie in bewundernswerter Weise die Technik des Rundfunks weiterentwickelt haben und dass der Verband der Funkindustrie sich trotz der großen Opfer entschlossen hat, durch Veranstaltung dieser Ausstellung den Rundfunkgedanken weiter zu fördern.
Auch Phonoindustrie und Tonfilm, mit dem Rundfunk technisch eng verwandt, haben größte Anstrengungen gemacht, immer Besseres zu leisten, um dem Volke Unterhaltung und Ablenkung zu bringen. Die gemeinschaftliche Ausstellung der gesamten elektroakustischen Industrie an diesem Platze soll zeigen, was deutsche Technik auf diesem Gebiet Neues geleistet hat.
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Hochverehrte Anwesende, es sei mir als Oberbürgermeister der Stadt Berlin gestattet, mit einem kleinen Loblied auf diese Stadt zu beginnen. Berlin umschließt im Grunde eine ganze Reihe von Städten mit besonderem Charakter und mit eigenem Leben. Aber das hat die Reichshauptstadt schließlich mit jeder anderen Riesenstadt gemein. Aber unter den Teilstädten Berlins gibt es zwei, wie man sie nirgends in der ganzen Welt wiederfindet. Das eine ist die Gelehrtenstadt in Dahlem, die Stadt der freien wissenschaftlichen Forschung, die Stadt der Kaiser Wilhelm-Gesellschaft, von deren Leben und Streben eine mächtige Kulturwelle über die ganze Welt ausstrahlt.
Und die zweite Stadt, das ist die Stadt, in der wir uns jetzt befinden. Die Stadt rings um den Funkturm, die Funkstadt. Sie ist vielleicht noch neuartiger und noch eigenartiger als jene Gelehrtenstadt in Dahlem. Denn hier, diese Funkstadt, sie ist ohne Beispiel in Vergangenheit und Gegenwart. Der Funkturm, die riesigen Hallen, das mächtige und schöne Gebäude des Rundfunks, sie alle sind in unglaublich kurzer Zeit auf diesem freien Gelände entstanden.
Eine physikalische Entdeckung, die schnell ein gewaltiges Werkzeug der Kultur geworden ist, und der Wille einer Stadt, dieses Kulturwerk zu fördern, sie haben hier einen ganzen Stadtteil, die Funkstadt, entstehen lassen. Berlin hat als einzige Stadt der Welt eine Akropolis des Funks. Und wenn man den Vergleich noch weiter spinnen will, dann könnte man sagen, dass die Scheinwerferstrahlen des Funkturms diese Akropolis in moderner Weise ebenso weithin verkünden, wie einst auf der athenischen Akropolis die vergoldete Lanzenspitze der Athene es getan hat.
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Sie ist als Ausstellung eines der größten Wunder unserer Zeit. Man braucht kaum heute noch über die großen Kulturaufgaben zu sprechen, die Funk, Schallplatte und Tonwellen und die ganze große Ätherwellentechnik erfüllen und noch zu erfüllen haben. Der Einfluss der durch sie ausgeübt wird auf alle Gebiete des privaten, des staatlichen, des internationalen Lebens, ist gar nicht abzuschätzen. Darum erfüllen Wissenschaft und Technik, die Sendegesellschaften, aber auch die Industrien, die an der Fortentwicklung dieses Kulturwerkzeuges arbeiten, eine außerordentlich große Kulturaufgabe.
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Meine Damen und Herren, die wirtschaftliche Not, die mit erdrückender Schwere auf dem deutschen Volke lastet, hat in den letzten Wochen bei allen produktiv Schaffenden beinahe einen Zustand der Lähmung hervorgerufen. Die Sorge, ob die Arbeit des Tages nicht durch den Strudel der wirtschaftlichen Ereignisse des Morgens vernichtet werde, ließ Hirn und Hände erschlappen.
Ist es da nicht verwunderlich, dass in einer derartigen Zeit allgemeinen Verzagens eine Industrie die Kraft und den Mut aufbrachte, durch eine große Leistungsschau der Öffentlichkeit zu beweisen, dass in ihr unbeugsame Energien wirken, dass sie in unerschütterlichem Selbstvertrauen die Ergebnisse ihrer durch die Ungunst der zeitunbeeinflussten Arbeit der Kritik der Welt unterbreitet?
Es wäre bedauerlich, wenn die Nöte der Zeit die geistige und psychische Verfassung der deutschen Wirtschaftskreise so weit beeinflusst hätten, dass an die Stelle der durch Erfolgshoffnung beflügelten Arbeitsamkeit dumpfer Pessimismus getreten wäre. Verzweiflung stört die Harmonie der tätigen Kräfte.
Nur durch die befreiende Tat, durch die produktive Leistung können die dem Erfolg entgegenwirkenden Schwierigkeiten überwunden werden. Eine derartige Auffassung gab den Antrieb dieser Ausstellung trotz der wirtschaftlichen Krise oder sagen wir besser wegen der wirtschaftlichen Not der Zeit zu veranstalten.
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Ob die aufgewandten technischen und wirtschaftlichen Bemühungen in einer Zeit, in der bei breitesten Bevölkerungsschichten des deutschen Volkes kaum die erforderlichen Mittel für die einfachste Lebenshaltung vorhanden sind, von Erfolg gekrönt sein werden, bleibt die bange Frage des Augenblicks.
Quelle: Eröffnung der 8. Deutschen Funkausstellung und Phonoschau in Berlin, 1931. Deutsches Rundfunkarchiv, K000664738