Kurzbeschreibung

In diesem Interview beschreibt Jeanette Rothschild, 1898 als Jeanette Fernbacher geboren, eine sehr glückliche Kindheit, in der sie sich an keinen einzigen Fall von Antisemitismus erinnern kann. Als Rothschild vier Jahre alt war, zog ihre Familie von Grossmannsdorf bei Würzburg in Nordbayern in die weiter südöstlich gelegene Stadt Straubing. Ihr Vater und seine drei Brüder betrieben einen Viehhandel, der Kühe und Pferde für eine Reihe von Kunden, darunter lokale Eliten und prominente Adlige, beschaffte.

Rothschild besuchte zusammen mit drei oder vier anderen jüdischen Mädchen eine katholische Schule. Sie erinnert sicht nicht an Diskriminierung durch ihre Freunde oder Lehrer, während die Schule sich ihrer jüdischen Herkunft eindeutig bewusst war. Als 16-Jährige erlebte Rothschild den Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 mit und erinnert sich an die Meldung, dass der erste junge Mann aus Straubing im Kampf gefallen war, der Sohn einer jüdischen Familie aus der Stadt. Rothschild betont im Interview, dass in keiner der damaligen Meldungen die jüdische Herkunft dieses Mannes erwähnt wurde. Sie scheint dies als Hinweis auf eine allgemeine Atmosphäre der Akzeptanz und nationalen Einheit zu interpretieren – ähnlich der Proklamation des Kaisers „Ich kenne nur noch Deutsche“ –, doch könnten solche Auslassungen auch dazu beigetragen haben, dass 1916 falsche und bösartige Gerüchte aufkamen, deutsche Juden hätten sich unverhältnismäßig stark vor dem Militärdienst gedrückt.

Das Straubing der Nachkriegszeit erschien Rothschild tatsächlich antisemitischer als die Stadt ihrer Erinnerung aus der Vorkriegszeit. Sie lebte zu dieser Zeit mit ihrem Mann in Berlin. Sie erwähnt fast beiläufig, dass sie ihren Mann 1920 im Kurort Bad Brückenau kennengelernt hatte, wo beide Familien „natürlich in jüdischen Hotels” wohnten – eine Anspielung auf die formelle und informelle Segregation, die insbesondere in Ferienorten auch während der Weimarer Republik fortbestand. Über ihr komfortables Leben in Berlin mit ihrem Mann, der eine kleine Ladenkette besaß, die Damenunterwäsche herstellte und verkaufte, berichtet Rothschild vor allem von ihrer schönen Wohnung im eleganten Westen der Stadt. Im Gegensatz zu Straubing, wo sie in der Schule regelmäßigen Kontakt zu Nichtjuden hatte und sich insbesondere an zwei enge christliche Freundinnen erinnerte, schienen Rothschild und ihr Mann in Berlin in einem eher jüdischen Milieu gelebt zu haben, ungeachtet der vielfältigen Kundschaft der Geschäfte. Eine der wichtigsten Synagogen der Stadt stand nur einen Block von ihrer Haustür entfernt, und sie bemerkte, dass ihr Berliner Freundeskreis „ausschließlich jüdisch“ war und nur einen Nichtjuden einschloss.

Ihr Mann führte das Geschäft nach 1933 weiter, doch das Paar war zunehmend Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt. Kurz nach dem Pogrom vom 9. November 1938 emigrierten Jeanette und ihr Mann zunächst nach Großbritannien und später in die USA.

Jüdisches Leben in der Weimarer Republik: Zeitzeugeninterview mit Jeanette Rothschild (Auszug, 1997)

Quelle

Auszug aus einem mündlichen Zeitzeugeninterview mit Jeanette Rothschild (JR), geführt von Jerry Freimark (JF), 24. Juli 1997, Sammlung des United States Holocaust Memorial Museum, Schenkung des Gratz College Holocaust Oral History Archive. Digitalisierte Audioaufnahme, https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn566495

Auszug aus dem Original-Transkript

Auszug beginnt bei Minute 16:20

JF: Sie haben Ihren Mann nach dem Krieg kennengelernt? Wie war sein Vorname?

JR: Richard Abbe. Richard.

JF: Musste er auch in den Krieg?

JR: Nein, er ist nicht gegangen. Sein Bruder ist gestorben und er sagte, er könne nicht gehen und so weiter. Er war ein echter Simulant. Er wollte nicht gehen.

JF: Ist sein Bruder eines natürlichen Todes gestorben?

JR: Nein, im Krieg.

JF: Oh, im Krieg. Sein Bruder ist im Krieg gestorben.

JR: Sein Bruder Ditmar. Ditmar heißt er. Er ist in Frankreich gestorben.

JF: Sie haben dann 1920 geheiratet?

JR: 1920. Ich bin nach Berlin gezogen.
JF: Warum sind Sie nach Berlin gezogen?

JR: Weil mein Mann in Berlin lebte. Er war Berliner.

JF: Ein gebürtiger Berliner?

JR: Nein.

JF: Was hat er gemacht?

JR: Als ich ihn geheiratet habe, war er zunächst Handelsvertreter für eine große Firma. Nach unserer Heirat hat er in Berlin ein Geschäft für Damenunterwäsche eröffnet. Die haben wir selbst hergestellt.

JF: Er war Hersteller und hatte ein Einzelhandelsgeschäft?

JR: Ja, mehrere [Einzelhandelsgeschäfte].

JF: Wo haben Sie in Berlin gewohnt?

JR: In der Fasanenstraße am Kurfürstendamm.

JF: In der Nähe der großen Synagoge?

JR: Ja, in der nächsten Straße. Hier ist die Synagoge in der Fasanenstraße. Hier ist der Kurfürstendamm, und wir – an der anderen Seite – wohnten an der nächsten Ecke.

JF: Das war eine sehr gute Gegend.

JR: Ja, eine der besten.

JF: Sie hatten eine Wohnung? Alle lebten in Wohnungen.

JR: Eine schöne Wohnung. Mein Neffe Peter sagte immer, wir hätten das schönste Badezimmer gehabt. Man konnte eine Treppe hinunter zum Bad gehen und so weiter. Das ist alles vergessen.

JF: Nein, das sollte nicht vergessen werden. Es ist schön, sich daran zu erinnern.

JR: Ich erinnere mich noch lebhaft daran. Wir hatten eine schöne Wohnung und alles. Es fehlte nichts.

JF: Wie war es in Berlin? Hatten Sie viele Freunde?

JR: Nicht allzu viele, aber gute Freunde.

JF: Meistens Juden, in jüdischen Kreisen?

JR: Alle Juden. Nur einer war Nichtjude. Er kam aus meiner Heimatstadt Straubing. Er war Direktor bei General Electric und hieß Habeneger.

JF: [unverständlich]

JR: Dieser Mann, der jüdische Mann, den sie ermordet haben. Das war, weil er Jude war. [Rathenau] Das war schon zu dieser Zeit [Antisemitismus]. Später. Er war Direktor dort. Noch nicht Hitler. Rathenau.

JF: War er konvertiert?

JR: Nein, er ging nicht in die Synagoge. Aber seine Schwestern kauften in unseren Geschäften ein. Das weiß ich noch.

JF: Ich hatte das Tonband nicht angestellt. Können Sie das noch einmal wiederholen? Sie sind nach Straubing gezogen.

JR: Als ich vier Jahre alt war, sind wir dorthin gezogen, nach Straubing, und dort bin ich aufgewachsen.

JF: Und Sie sagten, Sie hätten in Berlin keinen Antisemitismus bemerkt, aber als Sie nach Straubing zurückkehrten ...?

JR: Ja, nun, ich habe meine Eltern in den 1920er Jahren besucht, als es gerade anfing. In Berlin nicht, nein. In Berlin kannte dich niemand. Ich meine, es ist eine große Stadt, so wie Philadelphia. In einer kleinen Stadt, als ich dort ankam... natürlich schauten meine sogenannten Freunde zur Seite. Meine Schulfreunde waren nicht mehr so freundlich. Nur einige wenige. Nicht alle.

JF: Sie würden also sagen, etwa 1924? Sie hatten bis 1933 keine Probleme in Berlin?

JR: Nein, wir hatten keine Probleme.

JF: Und was geschah dann, als die Nazis kamen?

JR: Es war an diesem Tag, 1933, die Nazis standen vor den Geschäften und wollten niemanden hineinlassen. Ich erinnere mich, dass eine Kundin von uns in der Nähe wohnte, sie hieß Erika Glässner. Sie war Schauspielerin und damals sehr berühmt. Sie war Kundin bei uns und kam herein. Wir hatten dort Freunde. Sie sagte: Was wollt ihr, ich gehe, wohin ich will, ob Jude oder nicht.

JF: Sie konnten also Ihre Geschäfte behalten?

JR: Ja, wir behielten unsere Geschäfte und waren sehr erfolgreich, bis zu dieser Reichskristallnacht.

[ . . . ]

Ende des Auszugs.

 

Die vollständige Abschrift finden Sie im Archiv des USHMM unter „https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn566495” (Zeugenaussagen von Überlebenden des Holocaust in den USA).

 

Quelle: Auszug eines Zeitzeuginneninterviews mit Jeanette Rothschild, geführt von Jerry Freimark, 24. Juli 1997, United States Holocaust Memorial Museum Collection, Gift of the Gratz College Holocaust Oral History Archive. Digitalisierte Tonaufnahme, https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn566495

USHMM