Kurzbeschreibung

Am 9. Dezember 1924, dem ersten Jahrestag des Beginns der regelmäßigen Rundfunkübertragung in Deutschland, richtete der Reichsrundfunkkommissar Hans Bredow diese fünfminütige Weihnachtsbotschaft über das Radio an das amerikanische Volk. Darin hob Bredow die Kraft neuer Technologien hervor, die Welt immer näher zusammenbringen, verwies auf die Atlantiküberquerung eines Zeppelins im Oktober in weniger als 80 Stunden [siehe Kapitel 5] und hob anschließend die Fähigkeit des Radios hervor, Nachrichten in Bruchteilen einer Sekunde rund um die Welt zu übertragen. In schwungvollen Worten lobte Bredow die Kraft des Radios, die Welt zu einem einzigen gemeinsamen „Hörsaal” zu machen und auf egalitäre Weise Bildung und Kultur in sozial und geografisch isolierte Gemeinschaften und zu Menschen mit Behinderungen zu bringen. Bredows optimistischer Radio-Enthusiasmus spiegelte sein lebenslanges Engagement für die drahtlose Technologie wider. Er hatte vor dem Krieg an der Einrichtung transatlantischer Funkverbindungen aus den Vereinigten Staaten mitgewirkt und 1919 die Wiederaufnahme der Funkverbindungen Deutschlands mit ausländischen Sendern angeleitet. Seine Ansprache an die amerikanische Bevölkerung war ein weiterer Schritt in Bredows kontinuierlichen Bemühungen, durch Rundfunk internationale Netzwerke aufzubauen.

Hans Bredow, „Weihnachtsansprache an das amerikanische Volk“ (9. Dezember 1924)

Quelle

Unsere Generation lebt in einem Zeitalter von Erfindungen, die tief in die Gestaltung des menschlichen Lebens eingreifen.  Der uralte Menschheitskampf gegen die Schranken von Raum und Zeit ist in ein neues Stadium getreten.  Während noch vor wenigen Jahrzehnten eine Reise nach Amerika Wochen in Anspruch nahm, haben wir jetzt die überwältigende Tatsache, eine Überquerung des Ozeans in 70 Stunden durch den Zeppelin erlebt.

Aber eine noch viel gewaltigere Verschiebung der Zeitbegriffe ist im Nachrichtenverkehr vor sich gegangen, ist es doch mit Hilfe des Radios möglich geworden, Nachrichten in einem Bruchteil einer Sekunde über die ganze Erde zu verbreiten.  Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass wir heute die Welt als gemeinsamen Sprechsaal ansehen können, ganz gleich, ob wir Nachbarn sind oder Antipoden.

Und die ethischen Aufgaben des Radios krönt als Leitsatz: Das hohe Ziel schafft dem Menschengeist neue Wege.  Radio ist in Deutschland gerade in einer Zeit der tiefsten seelischen und wirtschaftlichen Not wie ein befreiendes Wunder begrüßt worden und wird hier als ein Kulturfaktor betrachtet, dessen Auswirkungen auf das kulturelle, politische und wirtschaftliche Leben nicht hoch genug angeschlagen werden können.

Zum ersten Mal seit der Erfindung der Buchdruckerkunst durch den Deutschen Gutenberg ist eine neue Möglichkeit geschaffen, geistige Güter gleichzeitig Ungezählten zu übermitteln. Und es ist verständlich, dass der nach geistiger Nahrung hungernde Teil der Menschheit sich in Massen zum Radio drängt.

Radio will in Deutschland keine Sensation sein. Nicht den schlechten Instinkten schmeicheln, sondern das Gute und Edle im Menschen wecken und seine Sehnsucht zu innerer Vervollkommnung stillen.  Als besonders wichtig wird es für die Volksbildung betrachtet. Alle diejenigen, die bisher aus sozialen Gründen oder weil sie weit ab von Kulturstätten lebten, den geistigen Dingen des Lebens ferner stammten, wird durch Vorträge auf allen Gebieten Von Kunst, Technik und Wissenschaft vorwärts geholfen.

Jedes Land wird durch Radio zu einem großen Hörsaal, in dem jeder, arm und reich, jung und alt, das hören kann, was ihm Freude macht oder Vorteil bringt. Und dann die Kranken, die Krüppel und Blinden, die vom Leben so hart angefasst sind, ihnen erschließt sich wieder neues Leben, sie stehen wieder mitten in der Welt der Geschehnisse, denen sie so lange entrückt waren. Licht und Wärme kommen wieder zu ihnen.

Ein liebes Familienmitglied ist Radio Millionen von Menschen geworden, denn es verbreitet Freude und Anregung um sich. Es wird zum Mittelpunkt neuer Interessen.  Aber weit über die Grenzen der Länder hinaus wird Radio einst Bedeutung haben. Es wird die Völker zu einer großen Gemeinde zusammenschließen und ihnen durch tägliches gemeinsames Erleben die Erkenntnis vermitteln, dass sie alle Glieder einer einzigen großen geistigen Gemeinschaft sind.

So kann Radio einst zum gegenseitigen Verstehen der Nationen beitragen und vielleicht dem Frieden dienen, den die Menschheit sucht. In diesem Sinne senden die deutschen Radiohörer allen Amerikanern herzlichste Weihnachtsgrüße.

ARD