Quelle
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Der Versuch, der in diesem Buche gemacht wurde, war nur von einem Standpunkte aus möglich, der keiner Partei verschrieben ist, vielmehr die ganze Spanne der Probleme einbezieht, die durch die Politik unserer Zeit gehen, von der äußersten Linken bis zur äußersten Rechten: nur von einem dritten Standpunkte aus, der jeden anderen einschließt, den Parteideutsche haben können — von dem Standpunkte einer dritten Partei aus, die es bereits gibt. Nur ein solcher Versuch konnte sich, indem er die Parteien angriff, über sie hinaus an die Nation wenden. Nur ein solcher Versuch konnte die deutsche Zerrüttung und Zwieschaft aufzeigen, die aus langen Verhängnissen von den Parteien her, und durch sie, in unser politisches Leben getragen worden sind. Nur ein solcher Versuch konnte wieder die geistige Ebene politischer Anschauung feststellen, die von der Parteipolitik verlassen worden ist und die gleichwohl um der Nation willen gehalten, konservativ behauptet, revolutionär erstürmt werden muß.
Wir setzen an die Stelle der Parteibevormundung den Gedanken des dritten Reiches. Er ist ein alter und großer deutscher Gedanke. Er kam auf mit dem Verfalle unseres ersten Reiches. Er wurde früh mit der Erwartung eines tausendjährigen Reiches verquickt. Aber immer lebt in ihm noch ein politischer Gedanke, der sich wohl auf die Zukunft, doch nicht so sehr auf das Ende der Zeiten, als auf den Anbruch eines deutschen Zeitalters bezog, in dem das deutsche Volk erst seine Bestimmung auf der Erde erfüllen werde.
Wir haben in den Jahren, die auf den Zusammenbruch unseres zweiten Reiches folgten, unsere Erfahrung mit Deutschen gemacht. Wir haben in diesen Jahren zum anderen Male erlebt, daß die Nation ihren Feind in sich selbst hat, in ihrer Vertrauensseligkeit, in ihrer Unbekümmertheit, in ihrer Gutgläubigkeit und, wenn wir diese seelischen Eigentümlichkeiten auf eine weltanschauliche Formel bringen wollen, in einem angeborenen, einem überaus verhängnisvollen und, wie es scheint, durch nichts zu erschütternden Optimismus. Kaum war das deutsche Volk niedergeschlagen, wie noch nie ein geschichtliches Volk niedergeschlagen worden ist, als in seinen Menschen eine Stimmung aufkam: wir werden schon wieder hochkommen! Wir hörten die deutschen Toren versichern: um Deutschland ist uns nicht bange! Und wir sahen den deutschen Träumer dazu nicken: mir kann nichts geschehen.
Wenn wir zu diesem Volke von einem dritten Reiche sprechen, dann müssen wir uns eine klare und kalte Rechenschaft darüber geben, daß auch nicht die geringste Gewißheit darüber besteht, die mit ihm verbunden wäre. Der Gedanke des dritten Reiches ist ein Weltanschauungsgedanke, der über die Wirklichkeit hinaushebt. Nicht zufällig sind die Vorstellungen, die schon bei dem Begriffe sich einstellen, bei dem Namen des dritten Reiches, und ebenso bei einem Buche, das von ihm den Titel empfängt, von vornherein ideologisch bloßgestellt, sind seltsam wolkig, sind gefühlvoll und entschwebend und ganz und gar jenseitig. Das deutsche Volk ist nur zu geneigt, sich Selbsttäuschungen hinzugeben. Der Gedanke des dritten Reiches könnte die größte aller Selbsttäuschungen werden, die es sich je gemacht hat. Sehr deutsch würde sein, wenn es sich auf ihn verließe, und wenn es sich bei ihm beruhigte. Es könnte an ihm zugrunde gehen.
Dies muß hier gesagt sein. Der Gedanke des dritten Reiches, von dem wir, als unserem höchsten und letzten Weltanschauungsgedanken, nicht lassen können, kann fruchtbar nur als ein Wirklichkeitsgedanke werden: wenn es gelingt, ihn dem Illusionistischen zu entrücken und ganz in das Politische einzubeziehen — so realistisch, wie die Bedingungen unseres staatlichen und nationalen Lebens sind, unter denen wir als europäisches Volk leben sollen, und so skeptisch und pessimistisch, wie es uns im Angesichte dieser Gegenwart zukommt.
Es gibt Deutsche, die von dem neuen Reiche versichern, das in Trümmern aus den Vorgängen des neunten November entstand, es sei bereits das dritte Reich, demokratisch und republikanisch und damit logisch-vollendet. Es sind unsere Opportunisten und Eudämonisten. Es gibt andere Deutsche, die ihre Enttäuschung nicht leugnen, aber auch jetzt noch der Vernunft der Geschichte vertrauen. Es sind Rationalisten und Pazifisten. Sie alle ziehen die Schlußfolgerungen ihrer, je nachdem, parteipolitischen oder utopistischen Wünsche, aber nicht diejenigen der Wirklichkeit, die uns umgibt, und möchten nicht wahrhaben, daß wir eine gebundene und mißhandelte Nation sind, die vielleicht dicht, ganz nahe und unmittelbar vor ihrer Auflösung steht. Aber unsere Wirklichkeit heißt. Triumph aller Völker der Welt über die deutsche Nation. Unsere Wirklichkeit heißt: Überbietung des Parlamentarismus in unserem Lande nach dem Vorbilde des Westens. Unsere Wirklichkeit heißt: Herrschaft der Parteien. Das dritte Reich, wenn es je sein wird, schwebt nicht in Wohlgefallen hernieder. Das dritte Reich, das den Unfrieden endet, wird nicht in einem Frieden erstehen, der sich weltanschaulich verwirklicht. Das dritte Reich wird ein Reich der Zusammenfassung sein, die in den europäischen Erschütterungen uns politisch gelingen muß.
Das ist ein Ausblick auf Zukunft, den die Deutschen des neunten November nicht in ihre parteipolitische Rechnung eingestellt haben. Erst die Vorgänge, die zum Ruhreinbruch führten, und die, welche sich daranschlossen, bewirkten eine Wandlung, nicht in den Parteien, aber in den Menschen. Erst jetzt wurde die Nation stutzig. Es gab Deutsche, die an dem Gleichmute irre wurden, mit dem sie bis dahin alle Schläge hingenommen hatten. Und es gab wieder Deutsche, die sich zur Wehr setzten. Deshalb hätte der Ruhrkampf eine Wende werden können. Er eröffnete noch einmal eine Aussicht auf Befreiung der betrogenen Nation. Er schien eine Erfüllungspolitik enden zu wollen, die mit dem Anscheine von Außenpolitik ganz Parteipolitik gewesen war. Er überantwortete uns wieder der eigenen Entschlußkraft. Und er gab uns den Willen zurück. Die alten Parteien freilich waren am wenigsten der Erregungen teilhaftig, die seit diesem Tage durch die aufgerüttelte Nation gingen. Immer ruht auf ihnen der Verdacht, daß sie abermals versagen könnten, wie sie stets versagt haben. Der Parlamentarismus ist zu einer Einrichtung des öffentlichen Lebens geworden, die als ihre besondere Aufgabe empfangen zu haben scheint, im Namen des Volkes alle politischen Forderungen und nationalen Leidenschaften nach Möglichkeit abzuschwächen. Und ihm trauen wir zu, daß er eine nächste Gelegenheit ergreifen und seine schlechtesten Hände zu einer Verständigung bieten könnte, die uns immer wieder um unsere Möglichkeiten betrügt.
Als die Revolution den Krieg überstürzte, als sie alle Hoffnungen begrub, und jeden Ausblick zu verschütten schien, da fragten wir uns nach dem Sinn der Begebenheiten. Und wir fanden ihn, mitten im Unsinn, in dem Gedanken an die Politisierung deutscher Nation, auf die es nunmehr, und nachträglich, ankommen werde.
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Man nennt diesen Willen heute nicht konservativ. Man nennt ihn nationalistisch.
Aber er will die Erhaltung von allem, was in Deutschland erhaltenswert ist. Er will Deutschland um Deutschlands willen erhalten. Und er weiß, was er will.
Der Nationalismus sagt nicht, wie der Patriotismus dies tut, daß das Deutsche erhaltenswert sei, weil es deutsch ist. Die Nation ist für den Nationalisten kein Selbstzweck, der von der Vergangenheit her klar und sichtbar und bereits erfüllt vor uns liegt.
Der Nationalismus ist durchaus auf die Zukunft der Nation gerichtet. Er ist konservativ, weil er weiß, daß es keine Zukunft ohne Wurzelung in der Vergangenheit gibt. Und er ist politisch, weil er weiß, daß er der Vergangenheit wie der Zukunft nur sicher sein kann, wofern er die Nation in der Gegenwart sichert.
Aber geistig ist er über diese Gegenwart hinaus gerichtet. Wenn wir die deutsche Geschichte nur auf die Vergangenheit hin ansehen würden, dann läge die Vorstellung sogar sehr nahe, daß sie nunmehr abgeschlossen ist. Es steht nirgendwo geschrieben, daß ein Volk ein ewiges Lebensrecht hat, auf das es sich um einer elenden Gegenwart willen berufen kann, an der es noch seinen Teil haben möchte. Für alle Völker kommt die Stunde, in der sie durch Mord oder Selbstmord sterben, und kein großartigeres Ende ließe sich für ein großes Volk denken, als der Untergang in einem Weltkriege, der die ganze Erde aufbieten mußte, um ein einziges Land zu bewältigen.
Der Nationalismus versteht die Nationen aus ihren Bestimmungen. Er versteht sie aus den Gegensätzen der Völker und gibt einem jeden Volke seine eigentümliche Sendung. Der deutsche Nationalismus ist auf seine Weise ein Ausdruck des deutschen Universalismus und durchaus auf das europäische Ganze gerichtet, aber nicht, wie der mittlere Goethe sich ausdrückte, um ins „Allgemeine zu verschweben“, sondern um die Nation als ein Besonderes zu behaupten. Er ist Ausdruck eines deutschen Selbsterhaltungswillens und eher von dem Erlebnis durchdrungen, das der alte Goethe bekannt hat, als er davon sprach, daß Kunst und Wissenschaft doch nur „ein leidiger Trost“ seien und „das stolze Bewußtsein“ nicht zu ersetzen vermöchten, „einem starken, geachteten und gefürchteten Volke anzugehören“. Der romanische Nationalismus denkt nur an sich selbst. Der deutsche Nationalismus denkt in Zusammenhängen. Er denkt in Schwerpunktverschiebungen der Geschichte. Er will das Deutsche nicht erhalten, weil es deutsch ist, was sehr leicht bedeuten könnte, wie wir sahen, ein Gewesenes erhalten zu wollen. Er will das Deutsche vielmehr im Werdenden, im um uns Entstehenden, in den revolutionären Umschichtungsvorgängen des heraufsteigenden Zeitalters erhalten. Er will Deutschland erhalten, weil es Mitte ist, weil nur von ihr aus Europa sich im Gleichgewicht halten läßt — und von hier aus, nicht vom Westen aus, wohin Pannwitz rückschauend die schöpferische Mitte unseres Erdteiles verlegte, und nicht vom Osten aus, dem Spengler vorgreifend die Erbschaft gab. Er will das Deutschtum erhalten, nicht um es aufzugeben, wie die Schwächlinge von der zwischenstaatlichen Partei empfehlen, die Entartungserscheinungen am Rande der Rasse sind: nicht um es gegen die „übernationale Bildung“ einzutauschen, von der Fr. W. Foerster, in dem sich die Entartung des deutschen Idealismus vollzog, die vertrauensselige Erwartung eines geschwächten Gehirnes hat, daß sie aus „dem Lande der europäischen Mitte“ „wieder ein Zentrum der Menschlichkeit“ machen werde, die der Abtrünnige immer noch bei den Franzosen aufgehoben sieht — sondern um der Nation das Bewußtsein zu geben, daß sie von diesem Deutschen aus noch eine Aufgabe hat, die ihr kein anderes Volk abnehmen kann. […]
Quelle: Arthur Moeller van der Bruck, Das Dritte Reich. Berlin: Der Ring, 1923, S. ii-iv, 245–46.