Kurzbeschreibung

Dieser Text stammt aus der sozialdemokratischen Zeitschrift Kulturwille, die von 1924 bis zu ihrem Verbot 1933 erschien und sich mit Themen sozialdemokratischer Kulturarbeit beschäftigte. Der Verfasser, der sozialdemokratische Sportfunktionär Fritz Wildung (1872-1954), war seit 1924 Generalsekretär der Zentralkommission für Sport und Körperpflege in Berlin. Wildung, der aus einfachen Verhältnissen stammte, hatte sich zuvor sowohl in Turnvereinen als auch in Gewerkschaften engagiert und setzte sich besonders für die Förderung des Arbeitersports ein. Die Verbindung von Sport und Politik in Deutschland geht auf das 19. Jahrhundert zurück und zeigte sich auch in der Weimarer Republik anhand der Einordnung der Sportvereine in politische Lager. Wildungs Hervorhebung der körperlichen Betätigung als Mittel zu politischer Selbstbestimmung und menschlicher Würde spiegelt zudem die Körperkultur der Ära wider.

Fritz Wildung, „Sport ist Kulturwille“ (1926)

  • Fritz Wildung

Quelle

Sport ist Kulturwille

Es ist mehrfach, aber bisher vergeblich versucht worden, für den Begriff „Sport“ eine klare Definition zu geben. Der bürgerliche Sportführer Karl Diem hat das Schlagwort geprägt: „Sport ist Kampf!“ Aber diese Formulierung ist sehr einseitig und trifft nur auf den eigentlichen Wettkampf zu. Der Wettkampf ist indessen nur eine Methode des Sports, bestimmt aber nicht seine Wesensart. Der Sport ist in Deutschland übrigens noch so jung und mit dem deutschen Volkscharakter noch viel zu wenig verwurzelt, um eine aus dem deutschen Volksleben herausgewachsene Begriffsbestimmung haben zu können. Jedenfalls ist die auch von Diem vertretene Meinung, daß eine Leibesübung nur dann als Sport bezeichnet werden könne, wenn sie als Kampf- oder Leistungsübung betrieben werde, als überholt zu betrachten. Das Volk spricht heute jede ernsthaft betriebene Leibesübung als Sport an, und dieser Entscheidung hat sich auch der Fachmann zu unterwerfen.

Uns will scheinen, als ob man dem Wesen des Sports viel näher kommt, wenn man ihn aus dem natürlichen Spieltrieb des Menschen ableitet. Wir kennen den Spieltrieb des Kindes, der sich in den mannigfachsten Formen äußert, aber immer eine Betätigung des ganzen werdenden Menschen ist. Spiele nur körperlicher oder nur geistig-sinnlicher Art kennen wir beim Kinde nicht, denn dem Kinde ist das Spiel zugleich körperliche, geistige und seelische Beschäftigung: Arbeit. Dieser Spieltrieb geht dem Menschen nie verloren; er wandelt sich nur in den Ausdrucksformen mit dem Wachstum der körperlichen und geistigen Kräfte und der Differenzierung des Seelenlebens. Beim heranwachsenden jungen Manne äußert er sich in der Lust zum Kampfe, während er beim reifen Manne in Schaffenslust, also Arbeit, übergeht. Darum ist dem Jüngling auch im Sport der Wettkampf in Athletik und Spiel das Liebste, während der reifere Mann sich mehr den beschaulichen Formen zuwendet. Die Frau neigt in allen Altersstufen weit mehr als der Mann den rhythmischen Übungen zu. Die Ausdrucksformen des Spieltriebes werden außerdem bestimmend beeinflußt durch die Rolle des jugendlichen und erwachsenen Menschen im Produktionsprozeß. Normalerweise ist die Arbeit des Menschen dazu bestimmt, seinen Spieltrieb auf höchster Entwicklungsstufe zu befriedigen. In der Arbeit findet der Mensch seinen Daseinszweck erfüllt; sie ist ihm Ausdrucksmittel seiner schöpferischen Gestaltungskraft und Übungsfeld für alle seine Anlagen und Begabungen. Darum ist sie ihm aber auch gleichzeitig Spiel im höheren Sinne, und er schöpft aus ihr den seelischen Frieden, der seinem Leben die Harmonie gibt. So sollte es sein. Wie himmelweit entfernt ist doch die heutige Lohnarbeit der Hand- und Kopfarbeiter von diesem Ideal! Nur ganz wenige Menschen können ihre Berufsarbeit nach ihrem Wunsche, nach Neigung und Begabung wählen. Wie selten entscheiden Wunsch und Neigung bei der Wahl einer Lehrstelle. Meist bestimmt der Zufall oder der Wunsch nach baldigem Verdienst den zu erlernenden Beruf, und der davon Betroffene schleppt durch ein ganzes Leben einen verfehlten Beruf mit sich. Von dem großen, mit der fortschreitenden Teilung der Arbeit täglich wachsenden Heer der Berufslosen sei hier gar nicht die Rede.

Je mehr indessen die eben erwähnte Arbeitsteilung fortschreitet, um so eintöniger, undifferenzierter und seelenloser wird der Arbeitsprozeß für die Gesamtheit der schaffenden Menschen. Dem schöpferischen Drange bietet er kaum noch einen Spielraum, und der Körper wird zum Automaten, dem die Bewegung von dem Arbeitszweck streng vorgezeichnet wird. Von einer Befriedigung des natürlichen Spieltriebes kann kaum noch die Rede sein, denn der körperliche und seelische Ablauf des Arbeitsprozesses ist zwangsläufig und macht ein individuelles Sichausleben des Arbeiters unmöglich. Zu alledem gesellt sich die schlechte Entlohnung des Arbeiters, der ununterbrochene Kampf um die Löhne, die niedrige, mit dem geistigen Hochstande des heutigen Arbeiters in so schreiendem Widerspruch stehende Lebenshaltung. Aus diesem, hier nur kurz skizzierten Zusammentreffen körperlicher und seelischer Not des größten Teils aller heutigen Menschen entspringt das ungeheure Maß von Unzufriedenheit und Zerrissenheit, das unser kapitalistisches Zeitalter kennzeichnet. Wird diese Entwicklung nicht aufgehalten, dann führt sie unzweifelhaft zum Untergang der Zivilisation.

In welcher Beziehung steht nun der Sport zu diesen Verfallserscheinungen der kapitalistischen Gesellschaft? Bedeutet er eine Flucht aus der trostlosen Wirklichkeit in eine Scheinwelt, oder ist er ein Zeichen des Sichaufbäumens gegen den drohenden Untergang des Geschlechts. Er ist beides und mehr. Kein Zweifel: „Panem et Circenses“ (Brot und Spiele) gilt auch für unsre Zeit. Aber der moderne Proletarier ist nicht vergleichbar dem Lumpenproletarier des alten Roms. Ihm ist die Kraft des verstehenden Rebellen eigen, der sich nicht in sein Schicksal ergibt. Den Ring, der ihn einzwängt, sprengt er und sucht einen Weg ins Freie. Sport ist eine Rebellion gegen den drohenden Verfall, ein Willensausdruck zum Leben. Das junge Leben will nicht zermalmt werden in der Tretmühle des Wirtschaftsprozesses, sondern aufsteigen zu höheren Formen. Darum sucht es die lebensnotwendige Bewegung und das seelische Gleichgewicht in einer Arbeit, die ihm zugleich Kampf und Spiel und dazu ein Quell der Freude und des Wohlbefindens ist. So gesehen, ist der Sport eine Spielform der Arbeit und damit ein notwendiges Korrelat (Ergänzung) des heutigen Produktionsprozesses. In geistiger, körperlicher und seelischer Beziehung vermittelt er dem jungen Menschen das, was ihm die heutige Arbeit dank ihrer Entartung zur modernen Sklavenarbeit nicht mehr geben kann: lebensnotwendige Bewegung! Das ist der tiefste Sinn des Sports.

Aber, so fragen besorgte Leute, liegt in ihm auch nicht die Gefahr der Abkehr vom Geistigen und der Idee des Sozialismus? Ja und nein! Es kommt darauf an, den Sport dem Sozialismus dienstbar zu machen, indem wir den jungen Menschen zu der Erkenntnis bringen, daß der Sport an sich unschöpferisch ist, wenn nicht Hand in Hand mit ihm geht der soziale Kampf um die Besserung der Verhältnisse, gegen die er einen Protest bedeutet. Sport muß erliegen, wenn dem Menschen Zeit und Nahrung in einem Maße fehlen, das seine Ausübung unmöglich macht. Ein krankes Geschlecht kann keinen Sport pflegen; es muß sich in der Sorge um die Heilung seiner Schwären erschöpfen. Wir müssen dem jungen Geschlecht die Wahrheit einhämmern, daß es in der Entwicklung der Produktion keine Umkehr zu altväterlichen Methoden gibt, sondern die Arbeitsteilung weiter entwickelt werden muß, wenn eine starke Steigerung der Produktion, die eine Voraussetzung des Sozialismus ist, erreicht werden soll. Aus dieser Erkenntnis ergibt sich dann von selbst die Nutzanwendung, daß nur eine weitgehende Verkürzung der notwendig seelenlosen Berufsarbeit und damit die Gewinnung von genügender Freizeit für die lebensnotwendige Betätigung auf allen Lebensgebieten die Rettung bringen kann. So beeinflußt, kann der Sport zu einem mächtigen Faktor für den Sozialismus werden, zumal er Schichten aufrüttelt, an die wir mit dem rein geistigen Rüstzeug nur schwer herankommen.

Ich darf diese Abhandlung schließen mit der Feststellung, daß Sport im besten und stärksten Sinne Kulturwille ist. Sorgen wir dafür, daß aus diesem Willen die befreiende Tat wird.

Quelle: Fritz Wildung, „Sport ist Kulturwille“, Kulturwille 5 (1926), S. 85.