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Die Ehe als psychologisches Problem
Wenn man die diesjährige Tagung für Sexualreform mit der Arbeit für Sexualreform vor zwanzig, fünfundzwanzig Jahren vergleicht, so darf man immerhin einige Fortschritte konstatieren. Als wir vor fünfundzwanzig Jahren in Deutschland die Bewegung für Mutterschutz und Sexualreform geschaffen hatten und 1911 den I. Internationalen Kongreß für Sexualreform in Dresden einberiefen, da mußten wir nach außen zwei Kongresse organisieren, einen für Sexualreform im engeren Sinne — während die Fragen der Geburtenregelung für sich abgesondert betrachtet werden mußten.
Heute ist es wenigstens allen klar geworden, daß diese Probleme innig zusammenhängen. Aber noch sind die meisten dieser Probleme ungelöst. Und es bedarf aller unserer Energie und geistigen Klarheit, all unseres Willens zur Höherentwicklung der menschlichen Kultur, um sie zur Lösung zu bringen.
II. Eine ungestörte Aufrechterhaltung der alten, aus der früheren absoluten Sexualherrschaft des Mannes stammenden Verhältnisse ist unter den so veränderten politischen, geistigen und wirtschaftlichen Bedingungen — die auch unser Wesen vielfach verwandelten — nicht zu erwarten. Gegen die besonderen Leiden und Konflikte dieser Umwandlungszeit sucht man nun in neuen Formen der Ehe einen Ausweg. Da kommt einer mit der „Probeehe“ — ein anderer mit der „Kameradschaftsehe“, wieder ein anderer mit der „Ehe zu Dritt“, ein vierter gar mit der „Ehe zu Vieren“, ein fünfter mit der „Jugendehe“, ein sechster mit der „Zeitehe“. Ein siebenter möchte die ganze Welt liebend an sein Herz drücken — z. B. der Deutschamerikaner Ruedebusch — er kommt zu der Idee einer erotischen Verbindung mit unbegrenzt Vielen — und jenseits aller dieser Reformvorschläge sehen wir die in sich sehr verschiedenen Gruppen, denen aus Überzeugung oder Wesensart jede Scheidung eine Zerstörung des wahren Eheideals bedeutet.
Ich wage die Ketzerei, in diesem Kreise zu fragen: Sind all die Vorschläge, die Formen der Ehe zu ändern oder bessere Scheidungsgesetze zu erkämpfen — so lehrreich oder nützlich sie sein mögen — sind sie nicht doch im letzten unwesentlich?
Wie ist der Mensch selbst beschaffen, der die Ehe führt? Das ist immer die Frage. Wie sucht er die Eheaufgabe an seinem Teil in der Welt zu lösen?
Denn welche Reformen und Änderungen man auch ersinnen mag: irgendwo kommt immer und in jedem Fall die Stelle, wo man um der oder des anderen willen dem eigenen Verlangen Halt gebieten muß. Und ist es da nicht besser, diese Rücksichtnahme geschieht, ehe wir unser Leben allen tieferen, ethischen Wertes, aller verantwortlichen Sittlichkeit entkleidet haben?
Keine „Reform“ der Ehe — welcher Art auch immer — wird je fühlende Herzen, liebende Menschen darüber trösten, auf den innigsten Kontakt, diese Welt für sich: die Einheit zu Zweien, mit dem geliebten Menschen verzichten zu müssen. Eine „Ehe zu dreien“ z. B. ist vielleicht als Ausnahmezustand unter Ausnahmemenschen für eine Weile als eine ethisch tragbare Erscheinung denkbar — Goethes „Stella“ wagt eine solche Darstellung — aber wenn Ehe zugleich Liebe, innigste seelisch-sinnliche Gemeinschaft sein soll — dann scheint mir auf diesem Weg einer „Reform“ für die Erhöhung menschlichen Wesens und die Vermehrung menschlicher Lebensfreude nicht allzuviel zu hoffen.
Wo man nach „Vielehe“ verlangt — wie bei der „Ehe zu Dritt“ z. B., oder der Ruedebusch-Idee einer sexuellen Allliebe — da sind wir wohl im Bereich eines wechselbedürftigen geschlechtlichen Verlangens — aber von Eros und Ehe in höherem Sinne weit entfernt.
Das Buch des Franzosen Georges Anquetil „Ehe zu Dritt“ beruht auf einer psychologisch kurzsichtigen, vorsintflutlichen Vorstellung. Es ist grotesk, daß man eben im Orient, im asiatischen Rußland, in der Türkei die Vielehe als „überlebt“ aufhebt. Und nun glauben „Westeuropäer“ von der anderen Seite sie wieder einführen zu können?! In was für verschiedenen Zeitaltern ethisch-psychologischer Kultur leben wir doch — wir Menschen im selben Lande zu gleicher Zeit!
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Die Entwicklung zu einem restlosen Verständnis zwischen Mann und Frau vollzieht sich auch deshalb nur so allmählich, weil die geistig produktive Teilnahme der Frau selbst an der Aufhellung der Geschlechtsprobleme erst so jungen Datums ist.
Glücklicherweise kann auch der Blindeste nicht leugnen, daß ein gewaltiger Wechsel der Macht- und Herrschaftsverhältnisse zur Zeit zwischen den Geschlechtern vor sich geht. Und wenn in Literatur und Wissenschaft viele Männer die Schranken des Geschlechtes in sich noch nicht überwinden können, die äußerlich — im politischen Leben wie im Alltag — zum Teil schon gefallen sind, so haben andere dafür auf Grund der wissenschaftlichen Forschung längst erkannt, daß in uns allen „Mann“ und „Weib“ nur gemischt existiert — daß es den „Mann“, das „Weib“ an sich — von dem sie theoretisieren — im Leben gar nicht gibt.
So wollen wir also die neuen Erkenntnisse moderner Biologie und Soziologie mit einer vertieften, objektiveren Geschlechterpsychologie, einer geklärten Seelenkunde, mit dem hohen Ethos schöpferischer Gestaltung unseres Lebens verbinden, um aus dem flüchtigen, vergänglichen Rausch der Sinne, aus dem Pathos der Leidenschaft eine fruchtbare Lebensgemeinschaft von Mann und Frau zu schaffen. Wir wollen über die bloße Natur zur Kultur hin, zu einer Dauergemeinschaft, wo sich alle Kräfte des Menschen, die sinnlichen, geistigen, seelischen zu einer höchsten Synthese einen.
V. Ein — für das Eheglück außerordentlich bedeutungsvoller — Punkt wird, wie mir scheint, auch oft übersehen. Je nach dem Lebensalter sind auch die Eheprobleme verschiedener Art. Die Ehediskussion des letzten Jahrzehntes erweckte oft den Eindruck, als handle es sich bei der Lösung des Sexualproblems nur um junge Menschen — um die Kämpfe der Pubertät. Es ist ein erfreulicher, entscheidender Schritt vorwärts zu menschlicher Reife und Einsicht, daß man endlich der Jugend gibt, was man ihrer gesunden sexuellen Entwicklung schuldig ist. Die Jugend wird sich die errungene Klärung gewiß nicht wieder entreißen lassen. Aber zu den Revolutionen, die wir im letzten Menschenalter erlebten: der der Jugend, der Frau, des Arbeiters, brauchen wir — gerade für die Erhöhung des menschlichen Glückes wie der menschlichen Leistungsfähigkeit — noch eine andere Revolution: die des reiferen Alters. Eine Revolution gegen eine schauerliche Konvention: die der Auferlegung des frühen sexuellen Todes, die die Menschen genau so töricht — geduldig leider zum Teil noch hinnehmen, wie sie die Auferlegung der völlig unverdienten, sinnlosen Todesstrafe — durch den Krieg z. B. — häufig noch gedankenlos sich gefallen lassen. Es gilt gegen jene der doppelten Moral verbundene Konvention zu kämpfen, die den lebendigen Menschen, besonders wenn er Frau ist, oft schon mitten im Leben für tot, für nicht mehr lebenswürdig, nicht mehr liebenswürdig erklärt. Ist wohl je versucht worden, einmal festzustellen, wieviel Lebenskraft, wieviel Lebensfreude auf diese Weise gemordet, zerstört, unmöglich gemacht — wieviel Schaffensfähigkeit durch diese Suggestion einfach zerbrochen worden ist? — Wieviel freiwillige Tode, wieviel zu frühes Hinsiechen sonst wertvoller Menschen diesem barbarischen Aberglauben zu danken ist?!
Und doch ist das Eheproblem des jungen Menschen — verhältnismäßig — einfach, leicht zu lösen. Die Jugend hat sich selbst — durch Praxis und Sitte schon fast, durch die moderne Sexualforschung, durch Kämpfer, wie Richter Lindsey, Alexandra Kollentay, und viele andere, aus unserem Arbeitskreis hier unterstützt, die „Kameradschaftsehe“, eine Art „Vorehe“ sozusagen geschaffen.
Vor dem jungen Menschen liegt das ganze Leben ausgespannt: die Lösung eines Liebes- oder Ehebandes läßt sich naturgemäß da eher ertragen als in Situationen, wo nur noch die Wanderung zum Tode vor dem Menschen liegt. Die Warnung französischer Philosophen, die Jahre der Liebe nicht ungenützt vergehen zu lassen, wird glücklicherweise schon zu einem guten Teil befolgt. Aber wir müssen die Konsequenzen der psychoanalytischen Erkenntnis noch vorurteilsloser ziehen lernen: jene epochemachende Entdeckung der Psychoanalyse, die im Grunde eine Selbstverständlichkeit ist: daß den Menschen Liebessehnsucht und Liebesfähigkeit — die ja ein Teil seines Lebensgefühls selbst sind — von der Wiege bis zum Grabe sozusagen begleiten und der Erfüllung bedürfen zum harmonischen Ausgleich seines Wesens.
Wie wir versuchen, der Jugend gerecht zu werden, so müssen wir es auch dem reiferen Menschen gegenüber. Schon haben sich viel beachtete erfreuliche Wandlungen vollzogen: nicht nur das Lebensalter, auch das Liebesalter hat sich bedeutend verlängert. Diese Entwicklung wird und muß sich weiter vollziehen in dem Grade, wie Körperpflege, Befriedigung im selbstgewählten Beruf, Zunahme der geistigen und wirtschaftlichen Unabhängigkeit auch die Frau zu einer Persönlichkeit machen, die ihr Zentrum in sich trägt, die Freude und Anziehung um sich zu verbreiten weiß wie der schöpferische Mann. Diese Entwicklung hängt auch ab von dem Grade, in dem der Mann die Gesamtpersönlichkeit der Frau — nicht nur ihr Geschlecht — lieben lernt.
[…]
Wir haben auch heute schon rings um uns Ehen, Dauerverbindungen von Mann und Frau, in denen trotz Schmerz, Enttäuschungen und vorübergehender Trübungen, wie sie sich überall einstellen mögen, doch die Liebe, von der die geschlechtliche Umarmung ein Ausdruck ist, keineswegs an eine bestimmte Altersgrenze geknüpft ist, am wenigsten an eine solche, die in der Mitte des Lebens liegt.
Überall, wo der Geist lebendig bleibt, wo die Seele mitlebt in der Liebe, wo noch Entwicklung des Wesens ist, braucht es kein Ende der Liebe zu geben, keinen Tod. Veränderungen der äußeren Formen vielleicht, Veränderungen dem Grade, nicht der Art nach: so in den späteren Jahren ein allmähliches Zurückebben der wildesten Leidenschaft, während die Zärtlichkeit, die seelische Innigkeit wächst. So wird, wo irgend Echtheit und Stärke der Liebesfähigkeit vorhanden ist, erst der Tod die Gatten scheiden. Die Erkenntnis von der naturgesetzlichen Allgegenwärtigkeit der Liebe, die wir wie das Atmen nicht aus dem Leben hinwegdenken können, — ihrer innigen unablöslichen Verbundenheit mit unserem gesamten Leben, vom ersten bis zum letzten Tage, immer stärker und zwingender in das Bewußtsein der Menschen zu tragen, das ist ein wesentlicher Teil unserer schönen Aufgabe: der Sexualreform und ihrer wissenschaftlichen Begründung. Jeder, der dabei in irgendeiner Weise mithilft, ein dankbar bewillkommneter Gefährte. Diese beglückende Erkenntnis vor allem auch zugunsten der Frau sich auswirken zu lassen, ist vielleicht noch notwendiger als dem Manne gegenüber, dem seine bisherige größere Machtstellung in der Welt das siegreiche Bewußtsein dauernder Liebesfähigkeit und Liebesbereitschaft zum großen Teil bereits gegeben hat.
Durch die auf einer primitiveren Sexualität beruhend-Suggestion, der ein großer Teil der Männer noch unterliegt, daß nur die Jugend liebenswert sei, wird heute noch manches Eheglück zerstört — manche Hölle der Einsamkeit geschaffen. „Viele Ehefrauen sind eingemauerte Nonnen“, sagt Gerhart Hauptmann einmal.
Viele Verbitterung, Verzweiflung und Disharmonie könnte vermieden, viel Lebenskraft und Freude erhalten, manche Ehe gerettet werden, wenn stärker als die bloß sexuelle jene kultiviertere Auffassung der Liebe würde, welche die menschliche Liebesfähigkeit überhaupt zu steigern, die Liebe zum immer vollendeteren Ausdruck der ganzen Persönlichkeit zu machen bemüht ist. Das „Stirb und Werde“ gilt für beide — für Mann und Frau. Wo aber dieses ewige Werden, Sich-Entwickeln ist, wie bei jedem geistigeren Menschen, da ist auch die „ewige Jugend“, die Schleiermacher lehrte, die liebesfähig und liebenswürdig erhält. — —
Seit dem Ausbruch des Krieges stehen viele unter uns unter dem tief erschütternden Eindruck, der steten Frage: wie es denn möglich ist, daß sogenannte Kulturvölker noch so sinnlos Leben und Glück der Menschen vergeuden, einander soviel Grausames zufügen können? Diesen tief beschämenden Tiefstand bekämpfen, ausrotten zu helfen, scheint uns seit jenem Moment eine der dringlichsten Aufgaben.
Auf die Zusammenhänge zwischen verdrängter Sexualität und Grausamkeit einzugehen, ist hier nicht mehr die Zeit. Nur soviel darf ich noch sagen: wenn wir unsere Kraft zugleich mit dem Kampf gegen den Krieg — der Bewegung für Sexualreform auch heute noch — wie seit einem Vierteljahrhundert — widmen, so geschieht es aus der Erkenntnis heraus, die unser großer Lehrer Nietzsche einmal so wundervoll formuliert hat:
„Seit es Menschen gibt, hat sich der Mensch zu wenig gefreut — das — o meine Brüder — ist unsere Erbsünde! Und lernen wir besser, uns zu freuen, so verlernen wir am besten, Wehe zu tun und Wehes auszudenken!“
Es ist unsere Aufgabe, es ist die Aufgabe der Sexualreform, der Sexualwissenschaft, zu lehren, wie man sich besser des Lebens freut.
Quelle: Helene Stöcker, „Die Ehe als psychologisches Problem“, Die Neue Generation 25, Nr. 10, 1929, S. 271–82.