Quelle
Der Expressionismus ist ursprünglich kein Formproblem. Das Primäre ist die Wandlung des Geistes, die Änderung in jenem Urverhältnis, das bezeichnet ist mit der Beziehung von Ich zu Welt.
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Maschinen, vom Menschen geschaffen zur Hilfe dem Menschen, Kanonen, Automobile, Eisenbahn, Luftschiffe, Telegraph — zu Nutzen dem Menschen, zu seiner Erhöhung — sie standen auf, erhoben sich über den Schöpfer — erschlugen ihn. Sein Wille zerbrach. Sein Bewußtsein schwand. Die Zeit stand auf.
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Der Mensch verging an der Materie. Wir starben an dem Ungeist: Krieg.
Und wir erwachten neu zu neuem Sein.
Der Weltkrieg ist die letzte Konsequenz einer Epoche, die das Ich vergessen hatte, einer Epoche, die sich vergangen hatte am Geist, einer Epoche, die sich darum selbst vernichten mußte.
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Wir haben von neuem die Seele erobert, den Geist.
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Und so gelangen wir zu dem, was die Zeit vor uns vergessen hatte — dem Menschentum.
Wir stellen es aus uns heraus. Wir schaffen es neu. Wir bauen an ihm, wir bilden und formen, um es mehr zu erheben, um es größer zu gestalten — um gewaltiger, leuchtender, lodernder zu machen das Eine, das in uns ringt, das Eine, das uns beschäftigt, das Eine, das uns erfüllt: der Mensch.
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Im Sozialismus erwacht der Mensch zu seinem Recht. Der Mensch, der vorher geknechtet, ausgebeutet, gedrückt, in Qualen sah, wie ihn die Welt zerstörte. Der Mensch, der langsam zermahlen wurde vom Kapital, der Mensch, der langsam zugrunde ging am Liberalismus und seiner Vertrustung.
Die Materie hat uns vernichtet. Die Materie hat uns zermalmt. Die freudlose Arbeit, die der Mensch erfand, die Steigerung des Kapitals, die der Mensch erschuf — die Maschine — hat sich erhoben gegen den Menschen — hat ihn erschlagen.
Gott war getötet.
Aber Gott läßt sich nicht töten.
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1910 begann die Revolution der Kunst. 1910 malte Picasso, 1910 Kandinsky, 1910 erschien die „Aktion“.
Die Kunst geht ihrer Zeit vorauf.
Gleichwie die Philosophie.
Husserl, Bergson, Eucken, Simmel — jeder Name ein Wiederfinden des Geistes, ein Wiederfinden des Menschen.
Aber noch war die Zeit nicht gekommen.
Die Materie mußte noch ihren letzten Schlag vollführen, die Explosion, den Untergang — dann war auch für die Politik der Weg ganz frei für den Glauben an den Menschen — Sozialismus.
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Der Expressionismus ist — wie der Sozialismus — der gleiche Aufschrei gegen die Materie, gegen den Ungeist, gegen Maschine, gegen Zentralisation für den Geist, für Gott, für den Menschen im Menschen.
Es ist dieselbe Geisteshaltung, dieselbe Einstellung zur Welt, die nur nach den verschiedenen Erscheinungsgebieten verschiedene Namen hat. Es gibt keinen Expressionismus ohne Sozialismus.
Es ist nicht zufällig, daß sich die neue Kunst so stark der Politik öffnet, es ist nicht zufällig, daß es Zeitschriften gibt für Politik (Sozialdemokratie) und Expressionismus.
Es ist nicht zufällig, daß sich die neue Kunst ebenso gegen den Krieg, gegen Militarismus erhebt, wie es die Besten der Sozialdemokratie taten.
Wir wollen Menschlichkeit, Einheit des Geistes, Freiheit, Brudertum des reinen Menschen, und wir verachten Grenzpfahlwahnsinn, Chauvinismus, Nationalismus.
Wie Tolstoi ist uns der Patriotismus die widerwärtigste Form der Gemeinheit, der Kleinheit, der Lüge. Aus diesem künstlichen Gezücht erwächst die Niedrigkeit der Gesinnung. Notwendig.
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Wir grüßen euch, ihr französischen Brüder, Genossen, Vereinte — dich, Barbusse, und dich, Romain Rolland, dich, J. P. Jouve, und André Gide, Henri Guilbeaux und Martinet, Duchamp und alle die anderen.
Wir grüßen euch, ihr Italiener, ihr Tschechen, Polen, Russen, Finnen, Engländer und euch, ihr Inder.
Die Künstler gehen ihrer Zeit vorauf, sie bereiten den Boden, sie graben die Herzen, sie streuen die Saat.
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Wir wollen eine neue Welt. Eine bessere Welt.
Wir wollen den Menschen!
Quelle: Herbert Kühn, „Expressionismus und Sozialismus“, in Neue Blätter für Kunst und Dichtung 2, Nr. 2, Mai 1919, S. 28–30.