Kurzbeschreibung

Hjalmar Schacht (1877-1970) hatte im Kaiserreich bereits eine beachtliche Karriere als Bankier gemacht, die sich zunächst auch in der Weimarer Republik fortsetzte. 1923 war er als Reichswährungskommissar maßgeblich an der Einführung der Rentenmark beteiligt gewesen, wodurch die Hyperinflation in Deutschland beendet wurde. Im selben Jahr wurde er zum Reichsbankpräsidenten ernannt. 1929 leitete der die deutsche Delegation bei den Verhandlungen über den Young-Plan, der die Reparationszahlungen neu regeln sollte. Schacht lehnte den Plan als unerfüllbar ab, musste ihm jedoch auf Anweisung des Reichskanzlers Hermann Müller (SPD) zustimmen. Nach weiteren Meinungsverschiedenheiten über Reparationszahlungen und Finanzpolitik trat Schacht im März 1930 als Reichsbankpräsident zurück. In den folgenden Jahren zog er sich zunächst auf sein Landgut in Brandenburg zurück und näherte sich politisch dem Nationalsozialismus an. Im Jahr 1918 hatte er noch zu den Gründern der liberalen Deutschen Demokratischen Volkspartei (DDP) gehört, aus der er jedoch 1926 ausgetreten war. Ab 1932 unterstützte Schacht offen die NSDAP und gehörte zu den Unterzeichnern der sogenannten „Industrielleneingabe“, in der Reichspräsident Hindenburg nach der Reichstagswahl vom November 1932 aufgefordert wurde, Hitler zum Reichskanzler zu ernennen. Hitler ernannte Schacht kurz nach seiner Machtübernahme erneut zum Reichsbankpräsidenten.

Dieser Auszug aus seinem 1931 veröffentlichten Buch Das Ende der Reparationen gibt Schachts Sicht zum Kolonialismus wieder, den er als lebensnotwendig für die deutsche Wirtschaft erklärt. Er verwendet in diesem Zusammenhang den von der völkischen Bewegung im Kaiserreich geprägten Begriff „Lebensraum“, den er im Gegensatz zu Hitler jedoch nicht rassenbiologisch auf Osteuropa anwendet, sondern hier als wirtschafts- und bevölkerungspolitisches Argument für die Kolonialisierung „menschenleerer, unerschlossener Gebiete“, womit er in erster Linie Afrika meint.

Hjalmar Schacht, „Die Koloniale Frage“ (1931)

  • Hjalmar Schacht

Quelle

DIE KOLONIALE FRAGE

Eine deutsche Jugendorganisation, die sich mit der Ausbildung junger Leute für den Beruf befaßt, hat kürzlich eine Rundfrage erlassen, die jeden Leser erschüttern mußte. Sie klagte darüber, daß es ihr nicht mehr möglich sei, die von ihr betreuten jungen Leute in eine berufliche Tätigkeit zu bringen, weil alle Berufszweige überfüllt seien und nirgends Raum für eine Tätigkeit dieser arbeitswilligen, fleißigen und moralisch wohlqualifizierten Jugend vorhanden sei. So rief diese Organisation aus: „Wo ist Lebensraum für die deutsche Jugend zu finden, wo sind in den nächsten Jahren zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen für Hunderttausende tüchtiger und strebsamer junger deutscher Menschen, die das gleiche Ideal des Pflichtgefühls und der Arbeitstreue in sich verkörpern wie die vergangenen Generationen?“ Gebt Lebensraum dieser deutschen Jugend, wenn ihr Friede und Wohlfahrt der Welt bewahren wollt. Das ist die große Forderung, an der die Welt nicht vorbeigehen kann, ohne selber Schaden zu nehmen. Dabei wird dieses Problem möglicherweise gar nicht auf die deutsche Jugend beschränkt sein. Ähnlich liegen die Dinge heute schon in Italien, ähnlich mögen sich die Dinge für andere Länder gestalten.

Wenn es keine menschenleeren, unerschlossenen Gebiete in der Welt mehr gäbe, so würde das Problem sehr viel anders aussehen und andere Konsequenzen haben. Heute aber und noch auf lange Zeit gibt es keine einfachere Lösung für die überfüllten alten staatlichen Räume als die Erschließung neuer Gebiete. In der Frage einer solchen Kolonialpolitik werden wir uns wie in vielen anderen Dingen von den hergebrachten Tendenzen frei machen müssen. Koloniale Herrschaft ist bisher entstanden aus heldischen Eroberergedanken heraus. Heute ist es bittere wirtschaftliche Not, die uns zu kolonialer Politik treibt.

Die nachstehende Übersicht zeigt für die europäischen Länder sowie für die Vereinigten Staaten, wieviel Lebensraum jedem Einwohner zu Gebote steht, wenn man das koloniale

Gebiet und seine Bevölkerung dem Mutterlande zurechnet:

Gebiet in Millionen Quadratkilometern:

Bevölkerung in Millionen:

Einwohnerzahl auf den Quadratkilometer:

Europa:

Deutschland

0,47

63,18

134

Österreich

0,08

6,53

82

Belgien

2,47

21,38

8,7

Großbritannien

39,67

461,05

12

Frankreich

11,46

99,86

8,7

Griechenland

0,13

6,18

48

Italien

2,57

42,61

16

Jugoslawien

0,25

11,98

48

Niederlande

2,08

59,71

29

Norwegen

0,39

2,80

7,2

Polen

0,39

27,18

70

Portugal

2,52

15,48

6,1

Rußland

21,34

143,13

6,7

Schweden

0,45

5,90

13

Schweiz

0,04

3,88

97

Spanien

0,85

23,29

27

Tschechoslowakei

0,14

13,61

97

Amerika:

Vereinigte Staaten (ohne Kolonien)

7,84

120

15

Auch wenn man sich durchaus bewußt ist, daß die verschiedene Beschaffenheit des Grund und Bodens keine gleichmäßige Bewertung des bloßen Raumes zuläßt, so ergibt die Übersicht doch ganz klar, daß von allen Kulturvölkern das deutsche über den geringsten Lebensraum verfügt, obgleich es zu den größten und in zivilisatorischer Hinsicht zu den höchstentwickelten Völkern gehört. Hätten die Siegermächte Deutschland seinen alten kolonialen Besitz gelassen, den keiner von ihnen irgendwie nötig hatte, so würden die ganz außerordentlichen sozialen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten, denen das eingeengte Deutschland heute gegenübersteht, sich wesentlich vermindern und ihren bedrohlichen Charakter für den Frieden und die Wohlfahrt der Welt verlieren.

Um den Raub der deutschen Kolonien zu bemänteln, erfanden die Väter des Versailler Vertrages die sogenannte „koloniale Schuldlüge“. Mit schamloser Heuchelei wurde Deutschland vorgeworfen, daß es zur Kolonisation moralisch unfähig sei und daß es seine Kolonien zu militärischen Stützpunkten für seine angeblich imperialistische Politik mißbraucht habe. Das unterschrieben Mächte, die sich vor noch gar nicht langer Zeit seitens der ganzen zivilisierten Welt den Vorwurf der Kongogreuel zuzogen, die in diesem selben Weltkrieg Hunderttausende farbiger Soldaten aus ihren afrikanischen und asiatischen Kolonien gegen die Deutschen geführt haben und noch heute farbiges Soldatenmaterial aus Afrika rekrutieren. Man könnte viele Seiten damit füllen, gegen diese dreiste Lüge englische, amerikanische und selbst französische Urteile anzuführen, die der deutschen Kolonialpolitik ein geradezu glänzendes Zeugnis ausstellen.

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Quelle: Hjalmar Schacht, Das Ende der Reparationen. Oldenburg: Gerhard Stalling, 1931, S. 229–32.