Quelle
1. „Kriegsteilnehmer, Republikaner!“ (1924)
Männer, die im Zusammenbruch des kaiserlichen Deutschland die Nerven nicht verloren, haben auf republikanischer Grundlage das Deutsche Reich errichtet, geleitet und befreit von dem einen Gedanken: Trotz verlornen Krieges darf das Reich nicht untergehen, staatliche Einheit ist die erste Voraussetzung zum nationalen Wiederaufstieg!
Das schwere Werk ist gelungen. In Weimar gab sich unser Volk eine neue Verfassung; aber noch bevor der Bau aus den Grundmauern geführt war, wurde er bestürmt, um seine Vollendung zu hindern. Die Brandfackel des Bürgerkriegs ist mehr denn einmal gegen das Gebäude geschleudert worden; die Baumeister wurden mit Mord bedroht, Erzberger, Rathenau und andre fielen von Mörderhand.
Unter dem Vorgeben, nationale Ziele zu verfolgen, vaterländische Gesinnung zu pflegen, haben sich Organisationen gebildet, die das deutsche Volk in zwei Lager spalten, die auf die Entfesselung des Bürgerkriegs hinarbeiten. In ihren Reihen stehen Männer, die hohe und höchste Aemter in der Republik annahmen, ihr den Treuschwur leisteten und jetzt zugeben, daß ihr ganzes Sinnen und Trachten Heimtücke und Verrat gewesen ist, Verrat an der Republik, Verrat am deutschen Volke, dessen staatliche Einheit zu zerreißen ihr Wille ist.
Tausende junger Männer sind zu bewaffneten Sturmhaufen formiert, unter Führern, die sich rühmen, die Verfassung von Weimar, welche sie mit Feuer und Schwert bekämpfen, nie gelesen zu haben. Ein Ringen um geistige Probleme ist ihnen fremd, des Gebrauchs geistiger Waffen sind sie ungewohnt; sie sind Opfer wüster Demagogen, die schamlosen Mißbrauch mit den Begriffen Vaterland und Nation treiben, ihre eigne Schuld und heimlichen Ziele hinter schmachvoller Judenhetze verstecken.
Wir Republikaner werden nie vergessen, daß Schulter an Schulter mit Katholiken, Protestanten und Freidenkern jüdische Soldaten gekämpft und geblutet haben. Die Zahl der toten und schwerverwundeten Juden beweist dies. Dieser blöde Antisemitismus, der sogar die Seele der Kinder vergiftet, macht Deutschland nicht nur in der Welt lächerlich, sondern ist innerpolitisch wie außenpolitisch eine Gefahr.
Kriegsteilnehmer, Republikaner! Noch ist der Kampf um das Dasein des deutschen Volkes als staatlich geschlossene Nation nicht beendet. Fremde Heere stehen am Rhein und an der Ruhr, riesengroß ist die Gefahr des Verlustes auch dieser Gebiete. Aus Kleinmütigkeit, deutschem Stammesdünkel, dynastischen Interessen und der erblichen Belastung der Kleinstaaterei ist der Gedanke geboren, durch Preisgabe der Staatlichen Einheit wirtschaftliche Vorteile für einzelne Gebiete oder Duldung der Rückkehr einzelner Monarchen von den Siegern im Weltkrieg zu erkaufen.
Groß ist die Gefahr, daß die von deutschen Nationalisten entfesselten Kämpfe um die Staatsform den Nationalisten jenseits der deutschen Grenze willkommenen Anlaß bieten, in Deutschland einzumarschieren und das Deutsche Reisch aus der Liste der Staaten zu streichen. Das darf nicht geschehen! Deutschland darf nicht untergehen! Es kann sich aber nur erhalten und wieder erstarken als Republik.
In dem Willen, der deutschen Republik zu dienen, ihr in allen Fällen der Not beizustehen, haben sich örtlich oder bezirksweise in mehr oder minder straffer Form republikanische Kriegsteilnehmer schon vor mehr als Jahresfrist zusammengeschlossen. Die Erfahrungen haben gelehrt, daß die lose Verbindung, die untereinander bestand, ungenügend war. Deshalb haben sich die Verbände der republikanischen Kriegsteilnehmer am 22. Februar 1924 in Magdeburg zur Reichsorganisation Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold Bund der republikanischen Kriegsteilnehmer zusammenschlossen.
Der Bund wird keine eignen politischen und wirtschaftlichen Ziele verfolgen. Die Lösung dieser Aufgaben sei den dazu berufenen republikanischen Parteien und wirtschaftlichen Verbänden überlassen. In seine Reihen nimmt der Bund jeden Kriegsteilnehmer auf, der mit Herz und Hand für die deutsche Republik einzutreten gewillt ist. Kommunisten und Monarchisten haben im Reichsbanner Schwarzrotgold keine Stätte. Dem nationalistischen und bolschewistischen Demagogentum wird der Bund mit den Mitteln der Aufklärung und Werbung für den republikanischen Gedanken entgegentreten. Bei allen gewaltsamen Angriffen auf die republikanische Verfassung wird der Bund die republikanischen Behörden in der Abwehr unterstützen und die Gegner der Republik niederkämpfen mit denselben Mitteln, mit denen sie die Republik angreifen.
In der Erkenntnis, daß die Republik nur durch Republikaner zu Macht und Ansehen gebracht werden kann, verlangt der Bund die Besetzung aller wichtigen Aemter insbesondere in Verwaltung, Schule, Justiz, Wehrmacht und Polizei mit Republikanern.
Kriegsteilnehmer, Kameraden, die ihr als Republikaner ins Feld gezogen oder als solche zurückgekehrt seid, waffentüchtige Männer und schließlich alle, die ihr bereit seid, die Ziele unsers Bundes zu unterstützen: Hinein in unsern Bund!
Das Banner der deutschen Republik mit den alten deutschen Farben Schwarzrotgold ist unser Zeichen.
Die Republik den Republikanern! –
Hoch die Republik! – Hoch das deutsche Volk!
Reichsbanner
Schwarz-Rot-Gold
Bund der republikanischen
Kriegsteilnehmer e.V., Sitz Magdeburg.
Quelle: „Kriegsteilnehmer, Republikaner!“ Das Reichsbanner, Nr. 1. April 15, 1924, S. 1.
2. Rede von Ludwig Haas (1925)
[…]
Dann trat der Demokrat Reichstagsabgeordneter Haas ans
Rednerpult. Die deutsche Republik ist in Not, und die Republikaner
stehen im schweren Kampfe. Und doch, trotz aller unsrer Sorgen
dürfen wir diesen Reichsbannertag als Ehrentag der Republikaner
und der Republik begehen. Und unser Kamerad Hörsing hat das Recht,
ihn als eignen Ehrentag zu betrachten. Wir sagen ihm Dank für
mancherlei. Wir gedenken seines schweren Kampfes um die deutsche
Sache in Oberschlesien. Wir sagen ihm besondern Dank, daß er uns
Republikaner aufgerufen hat zum Kampfe für die Verteidigung der
Republik. Er hat ausgesprochen, was in den Herzen von
hunderttausenden Republikanern lebt. Mögen die andern uns
bekämpfen und verleumden,
wir sind stark genug, um die
Republik zu schützen.
Aber wir haben jetzt alle Ursache, zu fragen, ist es für die Reaktionäre wirklich noch zweckmäßig, die Republik zu stürzen? Werden sie nicht lieber die Republik so umgestalten wollen, daß sie keine Republik des Volkes, sondern der alten privilegierten Klassen des monarchischen Obrigkeitsstaates ist? Wenn Ihnen das gelänge, dann wären sie sicherlich auch mit der Republik zufrieden. Doch selbst dann würden sie noch etwas brauchen, nämlich den Lakaiengeist, wie er selbst in Arbeiterkreisen noch heute, durch die jahrhundertelange Kleinstaaterei gezüchtet, fortlebt. Wer diesen Lakaiengeist noch hat, kann die Republik nicht begreifen und ihr nicht dienen. Da haben wir als Reichsbanner die große Aufgabe, dem deutschen Volke jene Demokratie des Herzens zu verschaffen, die den Staat mit innerm demokratischen Leben, mit wahrem republikanischen Geist erfüllt. Nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit dem Herzen muß jeder begreifen, daß es keinen Unterschied des Standes und der Geburt gibt, daß jede ehrliche Arbeit Achtung verdient. Leider wird diese Selbstverständlichkeit auch in manchen Arbeiterkreisen nicht begriffen. Wie oft muß man feststellen, daß jene Kreise, die einen aus ihrer Mitte selber zum Führer berufen haben, ihm dann nicht die nötige Achtung entgegenbringen und seine Autorität nicht anerkennen. Das stärkt die Reaktion im Kampf um die Beseitigung der Republikaner.
Die rechtsradikalen Verbände haben auch die Lüge ins Volk
getragen, als ob sie allein Vaterlandsliebe und echtes nationales
Gefühl haben. Wie arm und klein wäre Deutschland, wenn nur jene
das Vaterland lieben würden. Wir Republikaner lieben unser
Vaterland mindestens ebenso. Uns ist Vaterlandsliebe Sache des
Herzens, ja noch mehr, sie legt uns die Absicht auf, alles
daranzusetzen, daß unser Volk gerettet wird. Wir wissen, daß es
eine deutsche Zukunft nur gibt auf dem Boden der Republik. Weil
wir unser Vaterland lieben, deswegen sind wir Republikaner. Stolz
sprechen wir es aus: das Vaterland ist die Republik!
Und noch
eins: den Glauben kann uns niemand rauben, daß einst Deutschland
und Österreich eins werden unter den Farben schwarzrotgold.
[…]
Quelle: Rede von Ludwig Haas, abgedruckt in „Trommelschlag und Hörnerklang,“ Das Reichsbanner, Nr. 5, 1. März 1925, 2. Beilage, S. 10–11.
3. „Gewaltiger Aufmarsch des Reichsbanners“ (1929)
Ehrung der Toten – Die Entschlossenheit des Reichbanners
Berlins Prachtstraße Unter den Linden hat sich an diesem Sonntag wieder einmal in vollstem Glanze gezeigt. Alles, was im letzten Jahrzehnt an Aufzügen und Massen über diese Straße zog, verblaßt vollkommen gegen den Aufmarsch, mit dem das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold diesmal aufwarten konnte. Wenn je, dann hat sich mit diesem Aufmarsch das Reichsbanner Berlin und die Berliner erobert.
Schon in der zehnten Vormittagsstunde waren Linden und Lustgarten stark belebt. Die Schupo hatte viel zu tun. Nicht mit der Regelung des Verkehrs, sondern mit den Vorbereitungen für die nächsten Stunden. Die Schupobeamten zogen dicke Taue von Baum zu Baum die ganze Länge der Linden entlang, so daß die Absperrung der Fahrdämme für den Vorbeimarsch der erwarteten Riesenmassen leichter freigehalten werden konnte. Trotz des großen Andranges der Massen, die von den Tauen bis zu den Häusern in dichten Reihen die Straßen füllten, ist es nirgendwo zu einem schärferen Eingreifen gekommen: das Publikum verhielt sich tadellos, war freudig und glücklich, daß ihm ein solch farbenfreudiges Schauspiel mit Musik geboten wurde, und das halbe Dutzend Schreier, das sich in der Nähe der Russischen Botschaft aufgestellt hatte, konnte die Freude nicht stören.
Unter den Linden war erfreulich viel Flaggenschmuck zu sehen.
Alle großen Hotels hatten Flaggenschmuck gesetzt: auf der
Französischen Botschaft war die Trikolore aufgezogen, der Union
Jack grüßte in der Wilhelmstraße von der Britischen Botschaft
herüber und die Russische Botschaft hatte das Sowjet-Banner mit
Hammer und Sichel aufgezogen. Die Reisebüros hatten die Fahnen
ihres Heimatlandes herausgesteckt. Das ernste Mal am Pariser Platz
präsentierte sich gewaltig mit seinen drei in den Reichsfarben
gehaltenen Türmen. Das Opernhaus hatte seine Front mit Flaggen
dekoriert, die Estrade war mit blauen Hortensien geschmückt, und
an den Geländern hoben sich grüne Festons, umwunden von farbigen
Bändern bis zu schönen Blumenstücken auf den Ecksäulen. Die große
Tribüne, umrahmt von Flaggen, wies drei große Inschriften auf:
EINHEIT, FREIHEIT, VATERLAND.
Im Lustgarten erschienen schon
gegen halb 11 Uhr die Spitzen der Reichsbanner-Kameradschaften.
Hier war eine Tribüne auf der Schloßterrasse, hinter der Gruppe
der Urania, aufgestellt, von der aus Leitungen nach verschiedenen
Lautsprechern in den weiten Raum des Lustgartens führten. Von halb
11 bis 11 Uhr versammelten sich die ersten Tausende der
Reichsbannerleute. Die ersten waren die Jugendgruppen, die aus der
Feier im dichtgefüllten Zirkus Busch anmarschierten. Während ihrer
Formierung kamen mehrere hundert Mitglieder des Reichsverbandes
republikanischer Motorradfahrer auf ihrer Demonstrationsfahrt die
Linden herab. Auf der Terrasse sammelte sich der Bundesvorstand,
vor der Terrasse nahmen die Deputationen der Reichsbannergruppen
aus den besetzten Gebieten aus der Pfalz, von der Saar, ferner aus
Danzig und von den österreichischen Gästen Aufstellung. Zwei
Banner, die gegenüber dem Redner standen, waren noch verhüllt.
Ihnen wurde heute, an diesem bedeutungsvollen Tage, die Weihe
gegeben.
Die Rednertribüne wurde flankiert von dem Banner des Bundesvorstandes und von dem Banner des Gaues Berlin-Brandenburg. Als der Bundesvorsitzende Hörsing die Tribüne betrat und die ersten Worte sprach, wurde es auf dem weiten Raume des Lustgartens ganz still. Ueberallhin tönte die Stimme des Führers, der im Auftrage des Bundesvorstandes alle Kameraden, besonders, die aus Wien und Deutsch-Österreich, willkommen hieß. „Wer kann sich“, so führte Präsident Hörsing aus, überhaupt einen großen Aufmarsch des Reichsbanners ohne unsere Freunde aus Wien denken. Hoffen wir, daß die Einladungen und Besuche bald aufhören, daß die Grenze zwischen Deutschland und Österreich bald verschwindet und wir ein gemeinsames Deutsches Reich werden.
Heute, am zehnten Jahrestage der Republik, gedenken wir mehr als je aller derer, die mit uns gekämpft und gestritten, aller unserer Kameraden, die mit uns ins Feld zogen und nicht widerkehrten, die im Kampfe fielen oder in der Gefangenschaft starben. Ungeheuer groß ist die Zahl der Opfer, die im Kampf um den Bestand der Republik gefallen sind. Verweilen wir im Angedenken einen Augenblick an den Gräbern von Ebert, Erzberger und Rathenau (alle Häupter der Anwesenden entblößen sich, die Fahnen senken sich zum Gruß der Toten) und all den vielen Gräbern unserer Kameraden, die im Kampf für die Republik fielen, meist durch feigen Mord derer von rechts und links.
Viel ist in den zehn Jahren des Bestehens der Republik erreicht worden. Haben schon die Republikaner im allgemeinen Ursache, den heutigen Tag festlich zu begehen, mehr noch als alle anderen hat das Reichsbanner Ursache, diesen Tag in des Wortes wahrster Bedeutung zu feiern. Daß der Tag überhaupt gefeiert werden kann, ist unserer Arbeit zu danken, ist unser Verdienst, das anerkannt wird und das wir uns auch von niemand abstreiten lassen. Und so feiern wir heute den zehnten Jahrestag der deutschen Republik und ihrer Verfassung und zum fünftenmal den Tag, an dem wir zum ersten Male öffentlich für die Republik, für die Verfassung, für ihre Farben in Erscheinung traten und den erfolgreichen Kampf aufnahmen.
Die Republik kann es sich nicht länger gefallen lassen, daß die Nationalsozialisten und Kommunisten alles, was nicht ihrer Meinung ist, brutal niederschlagen. Die politische Atmosphäre Deutschlands im Innern muß sofort gereinigt werden. Wir können deshalb der Regierung nicht dringend genug raten, das Ansehen Deutschlands dadurch sichtbar zu heben, daß man dem Rowdytum der Nationalsozialisten und Kommunisten ein Ende macht. Wenn die Nationalsozialisten und die anderen Reichsverderber ihren Wahnsinnskampf nicht bald einstellen, so kann es ihnen passieren, daß wir in der Abwehr sie mit derselben Methode und denselben Mitteln niederkämpfen werden, mit denen sie glauben, uns angreifen und bekämpfen zu dürfen. Ich sage das mit vollem Bewußtsein, denn wir wollen niemand in Zweifel lassen, daß wir das Wahnsinnstreiben derer von rechts und von links ein für allemal satthaben.
Die Republik steht fest, solange das Reichsbanner fest und unerschütterlich dasteht, und die Republik wird sehr schnell ins Wanken kommen, wenn das Reichsbanner in seinem Kampfe nachläßt oder etwa gar zu bestehen aufhören sollte. Die Republik zum vollkommenen sozialen Volksstaat zu entwickeln, ist und bleibt unser Ziel. Von neuem geht es an die Arbeit. Wir schreiten ins zweite Jahrzehnt der deutschen Republik hinein. Auch dieses wird uns im Kampfe der Republik gegen die Feinde an der Spitze sehen! Wir werden nicht nachlassen zu agitieren, zu organisieren, unsere Reihen zu stärken und zu disziplinieren und alles zu tun, damit wir bereit und stets gerüstet find. Es bleibt, wie es war. Wir sind nicht Selbstzweck, unsere Aufgabe ist nach wie vor, neben den republikanischen Behörden die republikanischen Parteien und die Gewerkschaften zu unterstützen. Denn ihr Kampf ist unser Kampf — und unser Kampf ist ihr Kampf!“ Der Redner schloß: „Unser Vaterland, unser Volk, die deutsche Republik, sie leben hoch!“
Das Hoch wurde aufgenommen von den Zehntausenden, die im Lustgarten versammelt waren, und pflanzte sich fort bis weit in die [unleserlich]. Ueberall werden sie gegrüßt.
Das Viereck des Lustgartens hatte sich inzwischen bis ins letzte Eckchen gefüllt. Ein unbeschreiblich buntes Bild war hier zu sehen, wie es noch niemals bei einer Massendemonstration erlebt worden ist. Die Reichsbannerjugend, die Sportler aller Arten in ihrem Dreß, in bunten Jacken und Hemden, Matrosen und Pfadfinder in gelben, braunen und blauen Hemden und dann die vielen Nuancen der deutschen und österreichischen Uniformen und über allen Tausende von Bannern und Fahnen mit blitzenden Fahnenknöpfen und malerisch die Farben Schwarz-Rot-Gold und als Hintergrund das Grün der Blätter und der Rasen. Und darüber wölbte sich ein blauer Himmel, belebt durch kunstvolle Staffeln der Sturmvogel-Flieger, die über der Innenstadt kreisten.
Kaum war Hörsings Rede zu Ende, so löste sich aus einem dieser Flugzeuge eine Rauchbombe, das Zeichen für die Verfassungsstaffel, die von der Sportjugend des Reichsbanners die Linden hinauf und herunter gelaufen wurde. Das war ein hübscher Auftakt. Es gab gleich Stimmung, denn die frischen Jungen holten aus sich heraus, was sie nur konnten, um als erste an der Tribüne der Festgäste anzulangen.
Inzwischen hatte sich im Lustgarten der Zug formiert. Musik an der Spitze, dann das Bundesbanner und dahinter der Bundesvorstand, an der Spitze Hörsing. Hinter dem Vorstand gab es gleich die erste Ueberraschung: eine Gruppe junger Leute, die an der Spitze eine amerikanische Flagge tragen. Es ist eine Deputation der Reichsbannergruppen New York und Chicago. Ueberall werden sie gegrüßt.
Der Zug ging vom Lustgarten aus über die Schloßbrücke, vorbei am dichten Spalier von vielen tausenden frohgesinnter Menschen, die in dem Erscheinen des Reichsbanners und in dem imposanten Aufmarsch ein Erlebnis gehabt haben werden. Hinauf geht es in die Linden bis zum Pariser Platz. Kurz vor dem Platz schweigt die Musik, die forschen Schritte verlangsamen sich, in ernstem Zuge geht es vorbei am eindrucksvollen Gedächtnismal – ein paar Minuten stillen Gedenkens widmet jeder dem Namen derer, die für Freiheit und Recht fallen mußten. Dann nachdem wieder, und zwar diesmal in die Südseite der Linden eingebogen wird, setzt die Marschmusik wieder ein, und flott geht es weiter nach der Tribüne am Opernplatz. Vor der Tribüne war noch ein kleines Tribünchen für die leitenden Herren eingerichtet worden, die von dort aus den Vorbeimarsch vornahmen: Hörsing, Scheidemann, General von Deimling, und später, als die Österreicher kamen, Reichstagspräsident Löbe, dem man aus den Reihen der Gäste lebhaft zujubelte.
Jetzt von der Tribüne aus war überhaupt erst einigermaßen zu erfassen, welch gewaltige Massen das Reichsbanner in Berlin zusammengebracht hat. Schon die Sportgruppen, die Marineleute, die Leichtathleten, Tennisspieler, Skiläufer (ohne Ski, aber mit ihren Stöcken in der Hand), die Ruderer, mit geschulterten Riemen, die Motorradler und Autler, brauchten geraume Zeit zum Vorbeimarsch. Dann erst kamen die aktiven Mitglieder des Reichsbanners. Da wurden begrüßt die Truppen aus der Pfalz, die das alte Banner vom Hambacher Fest mitgebracht hatten, dann die Kameraden, die von der Saar kamen, dann das starke Aufgebot der Ostpreußen.
Und weiter, um nur aus dem unendlichen Zuge einige zu nennen, die Pfadfinder und die Arbeiterjugend in ihren blauen Blusen. Sehr bemerkt wurden die alten Fahnen von 1848, die die Ostpreußen mit sich führten und ebenso die alten Demokraten-Fahnen, die im Besitze der Westfalen waren. Aber die älteste der Fahnen hatte eine Thüringer Gruppe aus Groß-Breitenbach: sie wies die Jahreszahl 1813 auf und hat damals einer Bürgerwehr als Sinnbild gedient. Unabläßlich zogen die Gruppen vorbei: Duzende von Musikkapellen, von Trommler- und Pfeiferkorps, von Schalmeientrupps waren schon an der Tribüne vorüber.
Da tönte von weither von den Linden aus ununterbrochener, gewaltiger Jubel, Heil- und Hurra-Rufe wälzten sich die Straße entlang, Tücherschwenken und Händewinken, soweit man nur sehen könnte: die Österreicher kamen. Man muß es ihnen lassen, sie verstehen es, sich gut zu präsentieren. Schon der Vormarsch der beiden frischen Burschen, die in ihren blauen Jacken ganz malerisch aussahen, und die die riesigen Fahnen trugen, das deutsche Banner und das des Bruderlandes weiß-rot-weiß. Und dann kam der Deutschösterreichische Schutzbund unter Vorantritt einer Musikkapelle, und zwar einer, die die Märsche spielt, wie man sie in Wien spielte und noch spielt. Und dann forsch und flott die Mitglieder des Schutzbundes und dann wieder Kapelle und die Eisenbahner und noch Kapellen und noch Kapellen und mehr als ein halbes Duzend. Und überall die Fahnen und überall der Jubel – es war ein großes Fest, und der Vorbeimarsch der Österreicher war der Höhepunkt!
Quelle: „Gewaltiger Aufmarsch des Reichsbanners,“ Berliner Montagspost, Nr. 30. August 12, 1929, 1. Beiblatt, S. 1.