Quelle
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Keine Rettung bringt der Staatsbankerott; denn Staatsbankerott ist heute Volksbankerott im Inneren und nimmt Deutschland im Ausland jeden Kredit. Deutschland aber braucht Kredit, viel Kredit, um leben und sich entwickeln zu können. Die in manchen Kreisen leicht verfänglichen Ratschläge auf Annullierung der Kriegsanleihe oder Verkündung des allgemeinen Bankerotts mache ich nicht mit. Der Zinsendienst für unsere Kriegsanleihe als ausgesprochene Volksanleihe muß gesichert sein. Die deutsche Kriegsanleihe ist von den breitesten Volksschichten aufgebracht worden. 39,1 Millionen Zeichner zeichneten insgesamt 98,2 Milliarden Mark. Von den 39,1 Millionen Gesamtzeichnungen entfallen nicht weniger als 34,3 Millionen auf Zeichnungen unter 5000 Mark, das sind 90 Prozent der gesamten Zeichner. Diese 90 Prozent ergaben 25 Milliarden Mark, also rund ein Viertel der Gesamtzeichnungen. Rechnet man die Zeichnungen bis zu 50 000 Mark zu den mittleren Zeichnungen, so ist fast die Hälfte der Gesamtzeichnungen von mittleren, kleineren und kleinsten Zeichnern aufgebracht worden. Außer den 25 Milliarden, welche die kleinen Zeichner aufgebracht haben, haben die Sparkassen, Kreditgenossenschaften und Versicherungsgesellschaften insgesamt 21,5 Milliarden gezeichnet. Hinter dieser Summe stehen in der Hauptsache Arbeiter, Angestellte, Dienstpersonal, Beamte, Handwerker, kleine Landwirte, die die Sparkassen als die sicherste Stelle für ihre Ersparnisse betrachten. Über diese Verteilung der deutschen Kriegsanleihe muß man sich vollkommen klar sein, wenn man von der Einstellung oder gewaltsamen Verkürzung der Zinszahlungen für die Kriegsanleihe spricht. Eine solche Maßnahme würde vor allem diejenigen schädigen, die dem Vaterland in der höchsten Not geholfen haben. Die Schieber und Kriegsgewinnler, die ihr Geld nicht in Kriegsanleihe angelegt haben, würden doppelten Vorteil haben; einmal würden sie große Einnahmen gehabt haben, und zweitens würden sie von der Annullierung nicht getroffen werden. Ein Reichsbankerott wäre ein wahrer Volksbankerott, wie die Weltgeschichte hierfür keinen Vorgang kennt. Eherne Pflicht der Reichsfinanzverwaltung ist es, die ganzen Kräfte dafür einzusetzen, daß der Zinsendienst der Kriegsanleihe geleistet werden kann. Steuerliche Begünstigungen kann ich allerdings für die Kriegsanleihe nicht in Aussicht stellen, wohl aber wird dieselbe auch künftig bevorzugt werden bei Zahlung gewisser Steuern und beim Kauf von Heeresgut; das gilt aber nur für Zeichner der Anleihen, nicht für Spekulationskäufe.
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Quelle: Matthias Erzberger, „Einführungsrede und Übersicht der durch die neuen Vorlagen gekennzeichneten Budget- und Steuergestaltung“, Nationalversammlungs-Drucksachen, 50. Sitzung; abgedruckt in Reden zur Neuordnung des deutschen Finanzwesens, Reichsminister der Finanzen, Matthias Erzberger. Berlin: Verlag von Reimar Hobbing, 1919, S. 4-5.