Quelle
Über seinen Vater:
Er ist ein kleiner, feingliedriger Mann. Wer es nicht weiß, kommt nicht auf die Idee, dass er Sinto ist. Seine Haut ist hell, nicht viel anders als die der sonstigen Landbevölkerung.
Zunächst einmal ist er der Haupternährer der Familie. Das ist seine Rolle. Und er übernimmt auch den spürbarsten Teil unserer Erziehung. Wenn wir Kinder etwas angestellt haben, setzt es durchaus mal eine Tracht Prügel. Er hat schon eine ziemlich lose Hand. Der gibt Ohrfeigen, da glüht dir hinterher das Gesicht. Das ist aber nichts Besonderes zu der Zeit. Es ist ja keine Misshandlung, sondern einfach ein übliches Mittel der Kindererziehung. Keiner denkt sich etwas Schlimmes dabei. Das ist in Ordnung. Sogar für uns selbst. Vater ist streng, aber er ist auch gut, gut und großzügig. Das hängt ganz von dir selbst ab. Wenn du keinen Unsinn anstellst, dann ist er gut zu dir. Verhälst du dich gut, hast du etwas Besonderes geschafft, würdigt er das auch mal mit Geld. Dann bekommst du einen Groschen von ihm. Ein Groschen, das ist schon was.
Über seine Mutter, Florentine, die “Frana” genannt wurde:
Sie fällt überall auf, so dunkel ist ihre Haut.
Und meine Mutter… Wenn mein Vater auf Reisen ist, ist sie mit uns Kindern allein. Sie stammt aus Reckeitschen [a town near Insterburg], wo sie am 10. März 1894 als Tochter einer alteingesessenen ostpreußischen Sintifamilie zur Welt kam. Im Grunde ist sie eine Frau wie jede Frau. Nicht so hart wie mein Vater. Sie ist für den zärtlichen Teil der Erziehung zuständig. Sie hält die Familie zusammen, bildet das Zentrum unseres Zuhauses. Was die Kinder betrifft, ist die Mutter immer besser als der Vater. Zumindest ist das bei uns so. Traditionell ist die Frau bei den Sinti dafür zuständig, dass immer etwas zu essen auf den Tisch kommt, dass das alltägliche Überleben gewährleistet ist. Viele Sintifrauen sind deswegen als wandernde Händlerinnen unterwegs. Das Einkommen der Männer ist meist nicht kontinuierlich, ein paar Mal im Jahr erzielen sie einen größeren Betrag [via a horse trade, usually], der aber zum Teil gleich wieder investiert oder für die laufenden Kosten verwendet wird. Dann kann es auch sein, dass sie längere Zeit nichts verdienen. Wie gesagt, uns geht es sehr gut, wir leiden keine Not. Es gibt aber auch richtig arme Sinti. Deren Frauen haben gar nicht die Mittel, einen Wanderhandel zu betreiben. Die können die Waren nicht bezahlen, die sie für den Weiterverkauf benötigen. Die sind gezwungen, zu betteln, damit ihre Familie irgendwie über die Runden kommen.
Zum Zeitpunkt meiner Geburt, ihres fünften Kindes, steht ihr 29. Geburtstag kurz bevor. Als Wanderhändlerin verdient sie eigenes Geld, daneben ist sie natürlich für den Haushalt und die Versorgung der Kinder zuständig. Auch sie geht zu Fuß zu den Höfen und Gütern der umliegenden Dörfer, wo sie Kurzwaren zum Verkauf anbietet. Die meisten Bauersfrauen kennen sie. Zum Transport der Waren benutzt sie eine Kiepe—einen geflochtenen Korb, der auf dem Rücken getragen wird. Oft hat sie ihr jüngstes Kind bei sich. Dadurch ist der Umkreis ihrer Verkaufsgänge auf wenige Kilometer begrenzt. Außerdem arbeiten meine Eltern für den Bauern, auf dessen Gehöft sie leben. Die Miete wird durch Arbeit abgegolten. (S. 15)
Über seine Geschwister:
Die beiden ältesten, Selma, die ganz Große, und Emma, die vier Jahre älter ist als ich, leben bei uns. Von den beiden nachfolgenden, Hilde und Erna, die zwischen 1919 und 1922 geboren sein müssen, erfahre ich—eher zufällig—erst, als ich sechs oder sieben Jahre alt bin. Sie leben in einem Waisenhaus in Königsberg. In Karalene [a town to which they moved in 1923] gibt es eine Krankenschwester. Außer ihr haben wir kein medizinisches Personal in der Nähe, zum Arzt muss man nach Insterburg. Um 1930 wechselt sie als Kinderkrankenschwester an ein Königsberger Waisenhaus, ab und zu kommt sie jedoch auch noch nach Karalene. Eines Tages erzählt sie uns, dass sie die beiden Mädchen dort gefunden habe. Danach erhalten wir gelegentlich Post von ihnen. Irgendwann bricht den Kontakt jedoch wieder ab. Ich weiß weder, warum sie in einem Kinderheim lebten—ob meine Eltern nach ihrer Geburt nicht für sie sorgen konnten und sie freiwillig hergaben oder ob die Behörden sie ihnen wegnahmen—noch, was während des Krieges mit ihnen geschah.
1923, kurz nach Florians Geburt, zog die Familie in das Dorf Karalene, wo sie durch eine Art Teilpacht-System überleben konnten:
In dem Haus, in das wir einziehen, wohnen bereits mehrere andere Sintifamilien. Es gehört einem Bauern. Das Gebäude ist nichts Besonderes, alt und einfach. Geld haben die meisten Bewohner nicht. Sie arbeiten die Miete bei dem Bauern ab. Der ist übrigens in der Gegend der einzige, der einen ‘Zigeuner’ überhaupt auf den Hof und für sich arbeiten lässt. Die anderen Bauern machen das nicht. Die wollen lieber ‘arische’ Mieter und ‘arische’ Arbeitskräfte. Davon gibt es doch mehr als genug, bei der hohen Arbeitslosigkeit. Da muss es nicht unbedingt ein ‘Zigeuner’ sein. (p. 10)
Über die Trennung seiner Eltern:
Meine Eltern trennen sich schließlich. Das ist bald nach unserem Umzug nach Karalene. Mein Vater findet rasch eine neue Frau, Anna Ernst, meine Stiefmutter. Sie stammt aus Kelpin, wo sie am 13. Oktober 1903 zur Welt kam. Wie die Florians und Habedanks ist auch die Familie Ernst eine bekannte Sintifamilie. Mitglieder der Familie Ernst leben in Ost- und Westpreußen. Aus der Verbindung mit Anna Ernst, die Vater offiziell heiratet, bekomme ich noch zehn Halbgeschwister. Zwei Mädchen, der Rest Jungs, wie ich seit kurzem weiß.
Der älteste von ihnen ist mein Bruder Bruno, der im Jahr 1926 geboren wird. 1928 folgt ein weiterer Junge, den wir Schönemann nennen, weil er ein auffallend hübsches Kerlchen ist. Mit bürgerlichem Namen heißt er genauso wie ich und unser Vater—Reinhard. Später, bis 1943, folgen noch acht weitere Kinder, deren Geburtsjahre und Namen ich aber nicht mehr alle weiß. Insgesamt habe ich also 14 Geschwister, die vier Mädchen aus der Verbindung meines Vaters mit meiner Mutter und die zehn Kinder, die Vater danach mit seiner zweiten Frau hatte. Sie alle, außer meinem Bruder Bruno, werden von den Nationalsozialisten oder deren Helfern ermordet, ebenso meine Mutter und meine Stiefmutter. Wann und wo sie zu Tode kommen, weiß ich jahrzentelang nicht. Das letzte mal sehe ich sie im Jahr 1937. Nach der Trennung meiner Eltern lebe ich die meiste Zeit bei meinem Vater und dessen neuer Familie. Mutter, die keinen neuen Mann hat, zieht zu ihrem Bruder Samuel Florian nach Stettin.
Florian beschreibt die Kultur des Pferdehandels in Ostpreußen, in dem sein Vater bis 1937 tätig war, als ihn die zunehmende Verfolgung der Sinti durch das NS-Regime zur Aufgabe des Berufs zwang. Sein Vater besaß bis zu 20 Pferde auf einmal und machte einen Großteil seiner Geschäfte auf dem Pferdemarkt in Wehlau, einem der größten in Europa. Das Feilschen zwischen Bauer und Händler dauerte Stunden, aber es endete immer mit:
„Und Magrietsch!” “Einverstanden!” Ein Handschlag besiegelt das Geschäft. Der Handschlag ist auf dem Pferdemarkt genauso viel wert wie anderswo ein Kaufvertrag. “Magrietsch” — so nennt man einen gemeinsamen Schnaps auf Kosten des Käufers im Anschluss an die Einigung. Der Schnaps macht den Handel gewissermaßen rechtsgültig.
[…]
Bei den Pferden handelt es sich vor allem um Tiere, die in der Landwirtschaft einsetzbar sind. Reit- und Kutschpferde Trakehner Abstammung sind hier wenig gefragt, Arbeitspferde dagegen umso mehr. Besonderes Interesse finden vielfach die zähen, kleinen Ackergäule, Bauernpferde ohne Stammbaum, die sich ausgezeichnet als Zugpferde eignen. Daher besuchen meist Kunden aus der Mittelklasse den Markt. Teure Luxus-Pferde kauft man normalerweise in Königsberg.
[…]
Viele Besitzer haben ihre älteste, noch unverheiratete Tochter dabei. Während der Markttage bieten sich gute Heiratschancen. Unter den Händlern gibt es etliche Juden. Dazu die ‘Zigeuner,’ die aus allen Himmelsrichtungen zusammengeströmt sind. Manche haben ihre Frauen bei sich, die als Wahrsagerinnen tätig sind. Viele Marktgänger finden es aufregend, sich von so einer exotischen Schönen aus der Hand lesen zu lassen.
Haupthandelsgut der ‘Zigeuner’ sind die nicht besonders wertvollen Nutzpferde. In der Regel kauft mein Vater Tiere, die als nicht mehr recht zu gebrauchen gelten und pflegt sie. Manchmal bleibt so ein Pferd bis zu einem Jahr bei uns. Es wird gefüttert—gut gefüttert—und mit viel Liebe gepflegt, also rundum aufgepäppelt. Danach ist es kugelrund, gut beisammen und zufrieden und ohne weiteres auch wieder auf dem Feld einsetzbar. Solche schwachen, nervösen Pferde sind von den Voreigentümern meist billig zu haben. Diese Dummköpfe haben keine Ahnung von Pferden. Sie betrachten sie, als wären es Maschinen. Viele misshandeln ihre Tiere, wenn sie einmal schlapp machen. Unter Sinti wäre das undenkbar. Wie erwähnt, gelten uns die Pferde als heilige Tiere. Wenn man ausreichend Liebe, Zeit und Geduld in so ein Tier investiert, kann man auf dem Markt noch einen guten Preis erzielen. Mit etwas Glück sind sogar beträchtliche Gewinne möglich. Manche füttern die Pferde, die sie zum Verkauf anbieten, aber nicht richtig. Sie sind allein auf das schnelle Geld aus. Diese Tiere machen zwar auf den ersten Blick einen ganz guten Eindruck, doch später stellt sich heraus, dass sie nicht viel taugen. So etwas bringt die “Zigeuner” insgesamt als Gauner oder Betrüger in Verruf. Ein dummes Pauschalurteil, denn unter den Nichtzigeunern gibt es ebenso unehrliche Leute.
Florian beschreibt seine Erscheinung als Kind als “ein kleiner Ostpreuße, doch mit einem schwarzen Gesicht” und erinnert sich an seine Schulzeit während der Weimarer Republik:
Meine Erinnerung setzt um die Zeit meiner Einschulung im Jahr 1929 ein. Daran erinnere ich mich noch gut. Ich ging in Karalene zur Schule. Die Schule war als Lehrerseminar von Königin Luise gestiftet worden. Das Seminar bestand aber seit 1924 nicht mehr. Wir waren etwa zehn, 15 “Zigeuner” in der Schule. Zu dieser Zeit schien die Welt noch in Ordnung für uns. Wir hatten keine besonderen Schwierigkeiten. Das war unter den Regierungen zu Hindenburgs Zeiten. Im Großen und Ganzen wurde niemand von uns benachteiligt. Wir wurden behandelt wie alle Deutschen. Zumindest war es noch nicht so schlimm, in gewisser Weise hat man uns schon zurückgesetzt. Nach der Machterlangung der Nationalsozialisten war es dann bereits nicht mehr so wie noch unter Hindenburg. In den ersten Jahren nach 1933, als Hitler an die Regierung gekommen war, ging es noch, aber etwa zwei Jahre später begannen dann die Verfolgungsakte, zuerst noch im kleinen Stil.
Quelle: Ich wollte nach Hause, nach Ostpreussen! Das Überleben eines deutschen Sinto, Reinhard Florian, hg. Jana Mechelhoff-Herezi und Uwe Neumärker. Berlin: Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, 2013, S. 10-17.