Kurzbeschreibung

Im Vorfeld der Reichstagswahlen vom 31. Juli 1932 kam es an zahlreichen Orten zu gewalttätigen Unruhen, häufig mit Waffengewalt. Mitte Juni hatte die Regierung Papen das Verbot der SA und SS aufgehoben, das nur wenige Monate zuvor vom damaligen Reichskanzler Brüning verhängt worden war. Dies führte zu massiven Straßenkämpfen und Saalschlachten vor allem zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten, doch auch republiktreue Verbände wie das Reichsbanner und die Eiserne Front waren involviert. Es war der blutigste Wahlkampf, den die Weimarer Republik je erlebt hatte, allein am Wahltag starben 12 Menschen. Dennoch war die Wahlbeteiligung mit über 84% höher als bei jeder vorherigen Reichstagswahl. Aus den Reichstagswahlen ging die NSDAP erstmals als stärkste Partei im Reichstag hervor, sie erlangte jedoch keine absolute Mehrheit. Die NSDAP und die KPD hatten nun zusammengerechnet mehr als die Hälfte der Sitze im Reichstag inne, was die Bildung einer gemäßigten Regierung, wie sie zu Zeiten der „Weimarer Koalition“ bestanden hatte, unmöglich machte. Am 2. August 1932 veröffentlichte die konservative Deutsche Allgemeine Zeitung diesen Artikel, in dem die Folgen der gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der NSDAP und der Kommunisten sowie der Republik nach der Wahl beschrieben wurden. Der Artikel liefert einen Beleg für die Allgegenwärtigkeit politischer Gewalt in der Weimarer Republik, in der Wahlkampfveranstaltungen besonders seit Ende der 1920er Jahre oft in gewalttätige Einschüchterung und tödliche Straßenkämpfe ausarteten. Die Waffengewalt, die von den radikalen Gruppierungen angewandt wurde, weist zudem darauf hin, dass zahlreiche ehemalige Frontsoldaten ihre Waffen nach Kriegsende illegal behalten hatten.

„Blutiger Ausklang der Wahlschlacht“ (2. August 1932)

Quelle

Schwere Zusammenstöße in der Nacht zum Sonntag und Montag

Elf Tote und zahlreiche Schwerverletzte

Nachdem die Wahl selbst also im allgemeinen ruhig verlaufen ist, hat politisches Rowdytum es zustandegebracht, daß in der Nacht zum Montag weitere furchtbare Todesopfer auf der rechten wie auf der linken Seite zu beklagen sind. Hier handelt es sich nicht um zufälliges spontanes Zusammengeraten erhitzter Gemüter, sondern in fast allen Fällen um wohldurchdachte Pläne. Diese Taten fordern schärfste Sühne. Das deutsche Volk in seiner Gesamtheit hat sich nach den aufregenden Zeiten dauernder Wahlkämpfe nicht nur ein Recht auf Ruhe erworben, sondern hat auch die Pflicht, sein Haus nunmehr in Ruhe und Ordnung zu halten. Der Aufruf Dr. Brachts wird in den weitesten Kreisen daher mit vollster Zustimmung begrüßt werden.

Im Norden Berlins, Ecke Anklamer- und Zionskirchstraße, wurde in der Nacht vom Sonntag zum Montag der Kommunist Artur Ziegalski von einem Polizeibeamten in der Notwehr erschossen.

Dr. Bracht greift ein

Königsberg, 1.8.

Auf Anordnung des mit der Wahrnehmung der Geschäfte des preußischen Ministers des Innern beauftragten Vertreters des Reichskommissars für Preußen, Dr. Bracht, hat der Oberpräsident mit Rücksicht auf die heutigen Vorfälle in Könisgberg die Polizeischule in Sensburg für den Einsatz in Königsberg zur Verfügung gestellt.

5000 Mark Belohnung für Ergreifung der Täter

Der kommissarische Regierungspräsident in Königsberg hat auf Antrag des Polizeipräsidenten auf die Ergreifung der Täter 5000 Mark Belohnung ausgesetzt.

Im Verlaufe des Vormittags wurden in dem Einheitspreis-Warenhaus „Epa“ sämtliche Schaufensterscheiben eingeschlagen.

Norddeutschland

Hamburg, 1.8. (Eigenbericht)

Während der Wahltag selbst in Hamburg und in ganz Norddeutschland ruhig verlief, haben sich in den Nächten zum Sonntag und zum Montag eine Reihe von Bluttaten in verschiedenen Städten Norddeutschlands ereignet, die bisher vier Todesopfer gefordert haben. In Itzehoe versuchten Sozialdemokraten und Kommunisten von einem Hause eine Hakenkreuzfahne herunterzuholen, sie wurden jedoch durch SA-Leute daran gehindert.

Als sich kurze Zeit später drei SA-Leute zu ihrem Gruppenführer begaben, um über diesen Vorfall Meldung zu erstatten, wurden sie unter Feuer genommen. Ein SA-Mann brach tödlich getroffen zusammen. Die polizeilichen Ermittlungen führten noch in der Nacht zu mehreren Verhaftungen.

In derselben Nacht fiel in Lübeck der Nationalsozialist Benno Meinen einem überfall von Angehörigen der „Eisernen Front“ zum Opfer. In einer Wirtschaft wurde dem Nationalsozialisten von zwei Reichsbannerleuten sein Parteiabzeichen abgerissen. Als er sich daraufhin aus der Wirtschaft entfernte, folgten ihm die beiden Reichsbannerleute und stellten ihn auf der Straße.

Als der Verfolgte flüchten wollte, wurde er von einem Trupp entgegenkommender Arbeitersportler angehalten, zu Boden geschlagen und mit Messern bearbeitet. Ein Messerstich durchschnitt die Halsschlagader, so daß Meinen sofort tot war. Von den Tätern konnte bisher keiner ergriffen werden.

Zu schweren Unruhen kam es im Hamburger Gängeviertel in der Nacht zum Montag. Eine aus zwei Polizeibeamten bestehende Radfahrstreife wurde in das Gängeviertel gelockt und dort aus den Häusern und von der Straße aus beschossen. Durch einen Bauchschuß brach der eine Beamte schwerverletzt zusammen, während der andere einen Fußschuß erhielt. Als andere Beamte ihre verwundeten Kameraden aus dem Gängeviertel fortschaffen wollten, prasselten neue Salven auf sie herab. Die Polizei erwiderte das Feuer. Einer der Angreifer wurde durch einen Halsschuß sofort getötet, ein zweiter starb im Laufe des Montag im Hafenkrankenhaus an den Folgen eines Lungenschusses. Drei weitere Personen wurden schwer verletzt. Um die Ruhe wiederherzustellen, mußten größere Polizeikräfte mit Stahlhelmen ausgerüstet das Gängeviertel säubern.

Westdeutschland

pl. Essen, 1.8. (Eigenbericht)

Am Sonntag früh kam es in Essen-West zwischen einer nationalsozialistischen und einer kommunistischen Propagandakolonne zu einer größeren Schießerei, in der auf beiden Seiten je ein Mann schwere Schußverletzungen erlitt. Als zwei Schupoleute eingriffen, wurden auch sie beschossen. Einer von ihnen wurde durch einen Streifschuß getroffen. Die Beamten erwiderten das Feuer, wobei ein achtzehnjähriger Nationalsozialist durch Kopfschuß getötet wurde.

Sachsen

Leipzig, 1.8.

Eine Gruppe von 10 Nationalsozialisten wurde im „Tiergarten“ von ungefähr 100 Kommunisten und etwa 40 Reichsbannerleuten überfallen. Die Gruppe erhielt später Verstärkung durch Parteigenossen. Bei dem Überfall wurden zahlreiche Schüsse abgegeben. Ein Nationalsozialist erhielt einen Steckschuß in den Kopf, ein anderer erhielt einen Armschuß, einem dritten wurde das Nasenbein zerschlagen. Ein Kommunist wurde erschossen aufgefunden, doch soll dieser tödliche Schuß möglicherweise von einem eigenen Parteigenossen, der bei dem Durcheinander den Kommunisten als einen Gegner angesehen hat, herrühren.

Quelle: „Blutiger Ausklang der Wahlschlacht“, in Deutsche Allgemeine Zeitung, 2. August 1932.