Quelle
Ach, die Zeiten sind nicht heiter,
immer schlechter wird die
Welt.
Jeder denkt: „Wie komm' ich weiter
und wie rette ich
mein Geld?“
Auch ich hatt' die gleiche Plage
und mein Schädel
tat mir weh,
denn ich kam fast alle Tage
auf 'ne andere
Idee.
Jawohl – die ganze Welt, die hat 'nen Koller –
der Kopf wird
einem immer voller –
's wird immer doller mit dem Dollar –
und
wenn er wirklich auch mal fällt –
er gilt viel mehr als unser Geld.
–
Und so geht's mit allen anderen Papieren –
drum will alle
Welt jetzt spekulieren –
keiner will sein Geld verlieren – jeder
macht in anderen Papieren.
Und so ging's auch mir samt meiner
Familie –
meine älteste Tochter, die blonde Ottilie –
die
machte in Franken mit fiebernder Miene –
eine zweite Tochter, die
süße Rosine,
die spekulierte in holländ'schen Gulden
meine
dritte, die Hulda, die hatte Schulden
die wollte an englischen
Pfunden gesunden.
Mit einer vierten, mit Kunigunden,
da hatte
ich meine besondere Last,
die hatte poln'sche Papiere
gefasst
die ging mal rauf und mal gingen sie unter
nun war sie
mal traurig und mal war sie munter
meine Schwiegermutter, Gott,
soll sie schonen
die kaufte 'nen Zentner öst'reichische
Kronen
die will nun, sie kann die Bürde nicht fassen
die
Stuben damit tapezieren lassen.
Ich kaufte Dollars samt meiner
Alten
aber wir hab'n die nicht lange genug
behalten.
Überhaupt, die ganzen Papiere sind nicht mehr
vorhanden
wir hab'n sie verkauft, die sie unten standen
nun
stand'n wir auch unten, im Beutel ein Loch
und bloß die
öst'reichischen Kronen, die hatten wir noch
die ganze Familie war
verkracht
wir alle hab'n in Papieren gemacht.
Bloß unsre
Kleinste war schlauer als wir
die macht auch, aber ohne Papier –
–
Da wird man doch bös, sehr bös, sehr bös,
die heutige Zeit, die
macht uns nervös.
Als den Schreck wir überwunden
und von neuem Geld
erspart,
habe ich herausgefunden
eine Rettung and'rer
Art.
„Kinder“, sprach ich, „jeder freue
sich mit mir und ruf'
Juchee,
denn ich habe eine neue,
eine bessere Idee.“
„Jawohl“, rief ich. „Juchee! – Ich hab 'ne Idee.
Mit dem
Spekulieren
kann man nur Geld verlieren.
Das beste wird sein:
wir brauchen kein Geld, bedecken uns ein.
's wird alles noch teurer
jeden Falles
wenn der jetzt kaufen, haben wir später
alles.
Nun haben wir alles ausgegeben
und uns eingedeckt fürs
ganze Leben.
Unsre Wohnung ist jetzt ein Warenlager:
10
Zentner Schinken, halbfett, halb mager
5 Zentner Tee,10 Zentner
Kaffee
20 Säcke mit Mehl hab'n wir hingestellt
wir sind
vermehlt bis zum Ende der Welt
1000 Flaschen mit ihr, die löschen
den Durst
3000 Meter Knoblauchwurst
10 Büchsen mit Senf, da
schmecken sie netter
wir haben 10 Zentner Lorbeerblätter
nun
werden sie ungefähr wohl wissen,
wie viel Heringe wir da haben
müssen.
20 Säcke Nudeln, ein riesiger Haufen
da brauchen wir
keine Kartoffeln zu kaufen
wir wollten auch Harzer Käse
kaufen
aber der wäre uns später doch weggelaufen
wir haben 100
Sack Zucker, Gott sei Dank
bist der alle ist, sind wir
zuckerkrank.
Wir schafften Liköre und Eier her
und Eier-Likör
und sonst noch mehr.
Wir kauften Pfeffer und Salz wie
toll
Konserven,10000 Büchsen voll
wir können schlecken, wir
können Schmatzen
wir können fressen, bis dass wir platzen.
Wir
kauften auch sonst alles mögliche ein:
10000 Zahnstocher, spitz und
fein.
Bis die alle sind, fehl'n uns die Zähne gewiss
wir
kauften für jeden ein falsches Gebiss
für jeden eins
wir
vergaßen keins
Für die Frau nicht, die hat schon eins.
Ich
kaufte Bilder, die werden ja nicht schlechter
ich kaufte Betten für
Frau und Töchter
ich hab ihnen neue Möbel gegeben
ich hab sie
vermöbelt fürs ganze Leben
ich kaufte sogar noch 'nen
Kinderwagen
vielleicht kommt der Storch noch, wer kann das
sagen
ich habe sogar 'nen Zweisitzer genommen
denn es wäre ja
möglich, dass Zwillinge kommen
ich kaufte Klaviere mit weißen und
schwarzen Tasten
zwei Grammophone, 'nen Leierkasten
ich kaufte
Damen- und Herren-Gard'roben
und Wäsche, 's wird alles
aufgehoben.
Auch unsre Hemden heben wir auf
im Schrank
natürlich – mit Kampfer drauf
ich hab 100 Fuhren Kohlen im
Keller
ich kauft' für die Küche Schüsseln und Teller
hab 100
Töpfe nachhause gebracht
für den Tag, für den Abend und für die
Nacht.
10 Dutzend Kämme liegen am Platze
bis die alles sind,
hab'n wir alle 'ne Glatze.
Wir hab'n Odol, für die Zähne das
rechte
auch Lysol, wenn sich einer vergiften
möchte
Toiletten-Papiere,10000 Rollen
wir können laufen,
soviel wir wollen.
Ich kauft' 1000 Zeitungen, um zu lesen
die
sind zwar alle vom gleichen Tag gewesen
aber ich kauft' sie noch
billig, drum nahm ich sie hin
es steht ja doch alle Tage dasselbe
drin
ich kauft' 1000 Briefmarken, Stück für'n Groschen
der
Preis ist heute noch nicht erloschen
man braucht bloß ein paar
Dutzend mehr als früh'r
sie sehen, an alles dachten wir.
Wir
haben uns das Leben bequem gemacht
wir haben sogar schon ans Ende
gedacht.
Wir kauften Särge, 'nen ganzen Posten
man weiß ja
nicht, was die später kosten.
Wir hab'n sie noch billig, bequem und
schön
wir können getrost in die Zukunft seh'n
und spür'n wir:
nun wird's zu Ende sein
dann gehen wir rin und legen uns
rein
wir werden von den andern hübsch zugedeckt
dann hab'n wir
uns richtig eingedeckt
wir liegen darin wie eingeweckt
und am
jüngsten Tag werden wir aufgeweckt...
Das ist doch famos, famos, famos –
das heutige Leid – wir wurden
es los!
Quelle: „Wir hab‘n uns eingedeckt“, geschrieben und gesungen von Otto Reutter, 1922. Vocalion (B 10023). Zugang über Internet Archive https://archive.org/details/78_wir-haben-uns-eingedeckt_otto-reutter-reutter_gbia0430692b