Quelle
30. Dezember 1922
Das Jahr endigt bedrückt. Deutschlands
Zustand ist schlecht, von außen eingeklemmt und gebunden, innen
faulig, zerrissen, zerfahren. Der geistige Mittelstand wird
aufgerieben, kulturelle Verarmung. Der Simplicissimus bringt
folgendes Kinder-Weihnachtsverschen:
„Stille Nacht, heilige Nacht –
Aus Brotkorn wird das Bier
gemacht.
Der Vater sauft die Sorgen fort,
Das Kindlein
hungert und verdorrt.
Der Bauer streikt, der Händler schiebt
…
Gottlob, daß es noch Quäker gibt!“
Ja Gottlob!
[…]
22. Oktober 1923
Heut vor 9 Jahren fiel Peter. Ich bin
zerstreut und so weit weg von einem ruhigen Gedenken an ihn.
Die Rheinische Republik ist ausgerufen[1], der Dollar steht auf 40 Milliarden, für morgen ist der Generalstreik angekündigt, Hunger und Ratlosigkeit überall. Mir ist fürchterlich schwer und bedrückt zumut.
[…]
[November 1923][2]
[…]
Das Peterchen[3] fragt neulich seine Mutter [Otty]: “Wie ist der Dollar?”
Frau Kohlrausch fährt mit ihrem 6jährigen Kinde in der Bahn, draußen sieht das Kind die Telegraphendrähte auf- und absteigen.
Da fragt es: “Mutter, ist das der Dollar?”
[…]
[Ende] November 1923
Alles verschärft sich. Hier
Plünderungen und versuchte Pogrome, Bayern im Kriegszustand gegen
Norddeutschland. Hunger! Ein Brot 140
Milliarden! Dann wieder runtergesetzt auf 80 Milliarden.
Hans Prengel [Kollwitz’s cousin] ohne Arbeit, Alexander [family friend] aus seiner Stellung entlassen!
Hunger, Hunger überall.
Auf den Straßen schwärmen die Arbeitslosen.
[…]
Hans und Ottilie sprachen vom Auswandern[4] Ottilie sagte: Man wird hier seines Lebens nicht froh.[5]
[…]
Anmerkungen
Quelle: Käthe Kollwitz, Die Tagebücher, herausgegeben von Jutta Bohnke-Kollwitz. Ost-Berlin: Wolf Jobst Siedler Verlag, 1989, S. 543–44, 561–63.