Kurzbeschreibung

Die deutsche Finanzkrise der Nachkriegszeit gipfelte im Herbst 1923 in der schlimmsten Hyperinflation, welche die Welt bis dahin erlebt hatte. Nur wenige Deutsche konnten verstehen, was in diesem Jahr um sie herum geschah, doch das Währungschaos, das ihr Leben bestimmte, hatte seine Wurzeln tatsächlich neun Jahre zuvor, zu Beginn des Krieges, als die Reichsregierung beschloss, einen großen Teil ihres explodierenden Militärbudgets durch die Ausgabe von mehr Geld zu finanzieren. Auch nach dem Krieg wurde mehr Geld gedruckt, da die Öffentlichkeit nun Forderungen an die Regierung stellte, Kriegswitwen, Waisen und Kriegsversehrte zu unterstützen. Im Januar 1923 veranlassten neue Kosten die Regierung, die Druckerpressen auf Hochtouren laufen zu lassen, was auch die Inflation eskalieren ließ. In diesem Monat nämlich besetzten französische und belgische Truppen das industrielle Kernland Westdeutschlands, um die Zahlung von Kriegsreparationen zu erzwingen. Die deutsche Regierung reagierte stattdessen, indem sie ihre Bürger in dieser Region zum passiven Widerstand aufrief – im Wesentlichen dazu, die Arbeit einzustellen – und versprach, sie dafür zu bezahlen. Die Inflation schoss in die Höhe und erreichte im November ihren Höhepunkt, als die Preise oft mehrmals an einem einzigen Tag stiegen und einige Orte aus Verzweiflung zum Tauschhandel oder zu alternativen Währungen übergingen.

Die Künstlerin Käthe Kollwitz (1867–1945) erwähnte die explodierenden Preise nur ein paar Mal in ihren Tagebucheinträgen für 1923. Sie war jedoch Zeugin der verheerenden Auswirkungen, welche die Finanzkrise auf die Familien in ihrer Umgebung hatte. Kollwitz lebte mit ihrem Ehemann Karl, der als Arzt für Menschen mit geringem Einkommen arbeitete, in einem Arbeiterviertel in Berlin. Diese wenigen, kurzen Passagen zeigen, wie Kollwitz mit einer Hyperinflation konfrontiert wurde, deren schiere Unbegreiflichkeit sich jeder Beschreibung zu entziehen scheint. Deshalb greift sie oft auf Kursivschrift, Ausrufezeichen und die Auflistung von Kategorien des Leids zurück, das die Wirtschaftskatastrophe auslöste. Sie berichtete auch einige Anekdoten, die veranschaulichten, wie die allgegenwärtige Diskussion der Erwachsenen über den Wert der Reichsmark gegenüber dem Dollar bereits die Vorstellungskraft der Kinder geprägt hatte. Inmitten all dessen gedachte Kollwitz auch dem Todestag ihres jüngsten Sohns Peter, der im Oktober 1914 im Krieg gefallen war.

Käthe Kollwitz über die Hyperinflation (1922/23)

Quelle

30. Dezember 1922
Das Jahr endigt bedrückt. Deutschlands Zustand ist schlecht, von außen eingeklemmt und gebunden, innen faulig, zerrissen, zerfahren. Der geistige Mittelstand wird aufgerieben, kulturelle Verarmung. Der Simplicissimus bringt folgendes Kinder-Weihnachtsverschen:

„Stille Nacht, heilige Nacht –
Aus Brotkorn wird das Bier gemacht.
Der Vater sauft die Sorgen fort,
Das Kindlein hungert und verdorrt.
Der Bauer streikt, der Händler schiebt …
Gottlob, daß es noch Quäker gibt!“

Ja Gottlob!

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22. Oktober 1923
Heut vor 9 Jahren fiel Peter. Ich bin zerstreut und so weit weg von einem ruhigen Gedenken an ihn.

Die Rheinische Republik ist ausgerufen[1], der Dollar steht auf 40 Milliarden, für morgen ist der Generalstreik angekündigt, Hunger und Ratlosigkeit überall. Mir ist fürchterlich schwer und bedrückt zumut.

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[November 1923][2]

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Das Peterchen[3] fragt neulich seine Mutter [Otty]: “Wie ist der Dollar?”

Frau Kohlrausch fährt mit ihrem 6jährigen Kinde in der Bahn, draußen sieht das Kind die Telegraphendrähte auf- und absteigen.

Da fragt es: “Mutter, ist das der Dollar?”

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[Ende] November 1923
Alles verschärft sich. Hier Plünderungen und versuchte Pogrome, Bayern im Kriegszustand gegen Norddeutschland. Hunger! Ein Brot 140 Milliarden! Dann wieder runtergesetzt auf 80 Milliarden.

Hans Prengel [Kollwitz’s cousin] ohne Arbeit, Alexander [family friend] aus seiner Stellung entlassen!

Hunger, Hunger überall.

Auf den Straßen schwärmen die Arbeitslosen.

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Hans und Ottilie sprachen vom Auswandern[4] Ottilie sagte: Man wird hier seines Lebens nicht froh.[5]

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Anmerkungen

[1] Eine kleine Sezessionsbewegung, die von den französischen Besatzungstruppen stark unterstützt wurde, rief die kurzlebige unabhängige Rheinische Republik in Westdeutschland aus, stieß jedoch bei den meisten ihrer eigenen Bürger auf feindselige Ablehnung und bestand effektiv kaum einen Monat lang.
[2] Auf dem Höhepunkt der Hyperinflation in Deutschland fügte Kollwitz ihren Einträgen ein paar kleine Anekdoten hinzu – Hg.
[3] Kollwitz’s Enkel, geboren am 10. Juli 1921—Hg.
[4] Kollwitz’ Sohn und Schwiegertochter.
[5] Die Reichsregierung führte am 15. November 1923 mit der Rentenmark eine neue Währung ein, doch sollte der Prozess der wirtschaftlichen Stabilisierung über ein Jahr dauern – Hg.

Quelle: Käthe Kollwitz, Die Tagebücher, herausgegeben von Jutta Bohnke-Kollwitz. Ost-Berlin: Wolf Jobst Siedler Verlag, 1989, S. 543–44, 561–63.