Kurzbeschreibung

In den Jahren nach der bolschewistischen Revolution von 1917 diente Deutschland Hunderttausenden von Russen als vorübergehende oder dauerhafte Zwischenstation. Einige waren russische Juden, die vor den antisemitischen Pogromen flohen, welche durch die politischen Unruhen ausgelöst worden waren; andere waren wohlhabende Eliten, welche die Aussichten auf ein Leben unter dem Kommunismus verabscheuten; und wieder andere brauchten einfach einen Ort, an dem sie im Namen der „weißen“ Armeen der Konterrevolution, die versuchten, die Rote Armee der Bolschewiki in dem brutalen Bürgerkrieg zu besiegen, der 1918 einen Großteil Russlands verschlungen hatte, Strategien entwickeln und Geld sammeln konnten. Berlin zog den größten Teil dieser Flüchtlinge, Exilanten und Konterrevolutionäre an, und dieser Artikel aus dem Jahr 1927 wirft einen kritischen Blick darauf, wie diese russischen Emigranten das Leben in der deutschen Hauptstadt beeinflussten.

Der Journalist Werner Richter räumt ein, dass die Russen einige lebendige kulturelle Beiträge zum Nachkriegsberlin geleistet hatten, darunter drei russische Kabaretts und vier oder fünf Zeitungen, aber ansonsten charakterisierte er den Einfluss dieser Bevölkerungsgruppe durch Unruhen, Gewalt und die Kriminalität, die sie angeblich ausgelöst hatten. In sehr groben Zügen beschreibt er den anfänglichen dekadenten Reichtum der russischen Emigranten, die Nöte, mit denen sie konfrontiert waren, nachdem sie den letzten Rest ihres Vermögens verkauft hatten, und ihren angeblichen Rückgriff auf Betrügereien, Bestechung und inflationsbedingte Geschäftemacherei verschiedener Art. Insbesondere macht Richter auf die angeblich ruchlosen Finanzgeschäfte der „Ostjuden“ aufmerksam, Juden aus Russland und anderen osteuropäischen Ländern, von denen sich viele im zentral gelegenen Berliner Scheunenviertel angesiedelt hatten.

Nach Richters Darstellung entdeckten russische Juden zuerst den Weg zu riesigen Gewinnen auf dem chaotischen Aktienmarkt des inflationären Deutschlands und zogen später andere russische Opportunisten mit sich. Er nannte die Namen mehrerer russischer Juden, die in berüchtigte Finanzskandale verwickelt waren, die erst Ende 1924 ans Licht kamen – Julius und Henry Barmat, Michael Holzmann und Iwan Baruch Kutisker. Der Historiker Michael Geyer weist darauf hin, wie die Gegner der Weimarer Republik, insbesondere die Parteien der extremen Rechten, aber auch die Kommunisten, diese Skandale nutzten, um die SPD als korrupt darzustellen und antisemitische Stereotypen über jüdische Geschäftemacherei aufrechtzuerhalten. Die Feindseligkeit gegenüber „Ostjuden“ hatte allerdings schon lange vor diesen Skandalen existiert. Am 5. November 1923 waren Tausende von arbeitslosen Berlinern durch das Scheunenviertel gezogen, hatten Eigentum verwüstet und Anwohner verprügelt, nachdem Aufwiegler das Gerücht verbreitet hatten, dass Juden alle verfügbaren Arbeitslosengelder abgezweigt hätten.

Richters Stück griff andere Momente auf, die sich in der Erinnerung der Berliner an den russischen Zustrom der Nachkriegszeit verankert hatten, darunter die Anwesenheit von zaristischen Militäruniformen auf den Straßen einiger Stadtteile während der Offensive der Weißen Armee von Nikolai Judenitsch bei Petrograd im Jahr 1919. Er erinnerte auch an das Attentat auf Pawel Miljukow im Jahr 1922, dem Wladimir Dmitrijewitsch Nabokow, der Vater des berühmten russisch-amerikanischen Schriftstellers Vladimir Nabokow, zum Opfer fiel. Nabokow hatte den Verfassungsdemokraten Miljukow eingeladen, auf einem Kongress russischer Exilanten in der Berliner Philharmonie zu sprechen, wo er in die Schusslinie sprang, um ein Attentat eines Exil-Monarchisten auf Miljukow zu verhindern. Zum Schluss lobte Richter jedoch den Erfolg zweier „assimilierter“ russischer Frauen, die zum deutschen Leben beigetragen hätten: die Opernsängerin Zinaïda Jurjewskaja, die im August 1925 unter mysteriösen Umständen starb, und Sonja Jovanowitsch, die im Dezember 1925 von der Berliner Modeindustrie zur ersten „Modekönigin“ gekrönt worden war.

Werner Richter schrieb in der Weimarer Republik für eine Reihe von Zeitschriften und Tageszeitungen und veröffentlichte mehrere Bücher zu historischen Themen. Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift Das Leben, die sich im Januar 1926 neu erfunden hatte, um mehr Frauen anzusprechen, und deren Titelseiten fast immer das Bild einer „Neuen Frau“ zeigten, die oft Motorrad fuhr, Sport trieb, tanzte oder den neuesten Look vorführte.

Werner Richter, „Russen in Berlin“ (Februar 1927)

Quelle

Russen in Berlin

Von Werner Richter
Mit zwei Photographien

Schon gleich nachdem der große Krieg für Rußland zu Ende war, gleich nach dem Brest-Litowsker Frieden begann die russische Invasion nach Berlin: schon im Frühjahr 1918 konnten sich unter den Linden elegante Attachés der Sowjetbotschaft, gut genährte ukrainische Getreideagenten von den Berlinern bewundern und beneiden lassen. Eine kurze Unterbrechung gab es im Oktober 1918, als Botschafter Joffes Kurierkoffer, von einem als Gepäckträger maskierten deutschen Oberstleutnant aufs Pflaster geschleudert, platzten und weithin kommunistische Flugblätter spien — worauf Herr Joffe samt Gefolge ausgewiesen wurde. Nach wenigen Wochen aber schon war die deutsche Revolution da und damit dann ein Hiereinfluten des Russenstromes aus zwei unerschöpflichen Reservoiren: einmal aus den sich auflösenden Gefangenenlagern, zweitens über die mangelhaft oder gar nicht bewachten deutschen Ostgrenzen hinweg.

Die mächtigste Konzentrationskraft auf sie alle äußerte natürlich Berlin; und ein paar Monate nur dauerte es, bis die vor den Sowjets fliehende russische Bourgeoisie sich samt ihrem ganzen Lebensapparat hier installiert hatte. Man sah nun den einstigen Petersburger Großbürger, den hohen Beamten, jene typische, soignierte Erscheinung mit sorgsam gestutztem Spitzbart, schwermütig-brutalen Augen und ganz leise betontem Embonpoint, in immer neuen Exemplaren über den Berliner Asphalt wandeln; ihre Frauen in schwerem Pelz bis an die weiß gepuderten Nasen, den Duft ungewohnt scharfer Parfüme ausströmend, trippelten spitzfüßig nebenher. Längst verrauschte Petersburger Nächte erlebten nun in Berlin einen neuen (wenn auch abgeschwächten) Aufguß. Zeitweise gab es hier nicht weniger als drei russische Kleinkunstbühnen, aus denen ein paar ernstlich gute Ballett-Truppen hervorgingen; ein bunter Schwarm russischer Restaurants und Likörstuben breitete sich aus, mit straff einexerzierten Balaleika-Orchestern, trillernden und stampfenden Zigeunerchören und Menukarten in kyrillischen Lettern; vier, fünf russische Zeitungen erschienen täglich und — stritten wütend miteinander.

Denn ebenso wie ihre Freuden und Genüsse hatten die Fremdlinge auch ihre Gefühle, Wünsche und Meinungen mitgebracht: die zaristische und die demokratische Front innerhalb der gemeinsam von den Sowjets vertriebenen Bourgeoisie war sehr bald wiederhergestellt. Die Zaristen insbesondere organisierten unter durchsichtigen Verhüllungen wie „Flüchtlingsfürsorge“ oder „Arbeitsnachweis“ ein wahres Etappensystem, mit dem sie den jeweils favorisierten in Rußland kämpfenden „weißen“ Generalen Mannschafts- und Materialersatz zuführten. Von Zeit zu Zeit konnte man dann auch diesen unermüdlichen Kriegern selbst begegnen: etwa dem General Awaloff-Bermondt, einer brünetten Operettenschönheit in malerischer Tscherkessentracht, oder seinem Berliner Etappenkommandanten, General Biskupski, einer Athletenfigur in elegantem westeuropäischen Zivil. Besonders in der Zeit der Judenitsch Offensive gegen Petersburg sahen manche westliche Viertel von Berlin aus, als lägen sie unmittelbar hinter der Front: derart wimmelten sie plötzlich von Offizieren und Soldaten in deutschem Feldgrau, die aber an der Mütze die große ovale Kokarde des russischen Kaisertums trugen.

Sehr viel stiller, aber keineswegs weniger intensiv war inzwischen die Arbeit der russischen Demokraten. Unter der Führung des höchst gewandten Miljukow, beherbergt vor allem in den Salons der Fürstin Bariatinski, bildete sich hier ein Zirkel von bedeutender Wirkungskraft; man suchte und fand Anlehnung an englische Offiziere der Kontrollkommissionen, schließlich auch Verbindung zu amerikanischen Finanziers. Auch General Skoropadski, einst von Deutschlands Gnaden Hetman der Ukraine, gesellte sich hinzu, von einer demokratischen Kosakenrepublik Südrußland träumend. Man hielt in diesen Kreisen nichts von militärischen Angriffen gegen die Sowjets und vertraute vielmehr darauf, daß die Zeit, vielleicht mit Hilfe wirtschaftlicher Blockade-Maßnahmen, das neue Regime in Rußland schon zermürben würde. Die Folge davon war eine immer stärkere Spannung zwischen den beiden Emigrantenlagern, waren schließlich jene Schüsse in der Philharmonie, die, auf Miljukow gezielt, den aufopfernd vorspringenden Nabakow niederstreckten. Der Täter war ein junger Petersburger Gardeoffizier. []

Inzwischen aber hatte sich die Sowjetmacht immer unangreifbarer gefestigt, während gleichzeitig in Deutschland die Inflation immer weiter vorgeschritten war. Und damit änderte sich nun auch der Charakter der russischen Invasion in Berlin. Die Subsidien des interventionslüsternen Auslandes wurden immer spärlicher; und auch all der „Familienschmuck“, von dem man angeblich gelebt hatte, hatte sich langsam verflüchtigt. Jetzt wurde für nicht wenige dieser Emigranten das Exil zur Tragödie. Jetzt begannen jene romantischen Verwandlungen, die zu so trauriger Berühmtheit gelangt sind: jetzt verdingten sich Fürsten, Offiziere, Staatsräte als Kellner, Portiers, Cafégeiger und Kolporteure, ihre Frauen als Tanzlehrerinnen, Verkäuferinnen, Friseusinnen — wohingegen die schwächeren Charaktere haltlos ins Kriminelle, zu den Hochstaplern, Taschendieben und Einbrechern der Weltstadt hinabglitten.

Vor allem aber kam gleichzeitig damit eine ganz andere Schicht der einstigen Zaren- Untertanen an die Oberfläche Berlins: das Ghetto, das jüdische Proletariat. Still und anfangs ganz unbeachtet waren diese Familien, zumeist von Pogrom-Angst getrieben, eingewandert, und hatten sich in den billigsten, ärmlichsten Quartieren Berlins, im alten Scheunenviertel eingemietet. Politisch indifferent, nur darauf bedacht, das Leben zu fristen, hatten sie nun hier die engen Gassen durchwimmelt: zitterige Greise im heimatlichen Kaftan, gedrehte Löckchen vor den Ohren. Männer mit gebeugtem Rücken und schiefem, furchtsamem Blick, asthmatisch keuchende Matronen, schöne Mädchen mit tiefschwarzem Scheitel, gewandt überall hindurchhüpfende blasse Knaben — ein Wirrsal von Stimmen, Staub, Gerüchen, ein ewiger aufgeregter Kampf um Trödelware und Heeresgut, um Lebensmittel in ganzen Waggons, um Einfuhrscheine und Aufenthaltsbewilligungen.

Aber der fortschreitende Ruin der deutschen Währung ließ alle diese hier getätigten, oft höchst zweifelhaften Geschäfte ungeahnt große Gewinne bringen. Und immer zahlreicher wurden damit die unmittelbaren Umzüge aus düsteren Winkeln der Grenadierstraße oder der Schendelgasse in zehnzimmerige Wohnungen des Westens. Haushalte, die mit einem wackeligen Bett und ein paar gesprungenen Tellern in irgendeiner Dachkammer begonnen hatten, weiteten sich in ein, zwei Jahren zu Villen in Wannsee und Dahlem.

Der russischen Emigrantenbourgeoisie blieb dieser Ansturm aus der Tiefe natürlich nicht verborgen und da die mörderischen Papiergeldfluten immer höher stiegen, die Geschäfte mit ihnen immer höheren Ertrag bringen mußten, überließen auch Zaristen und Demokraten entschlossen die Politik sich selbst und sprangen mit beiden Füßen in den Hexensabbat hinein, der damals „wirtschaftliches Leben“ hieß. Und damit erst erreichte die Russifizierung Berlins ihren Gipfel. Schulter an Schulter, Ellenbogen an Ellenbogen drängten ehemaliger Moskauer General und ehemaliger Minsker Trödler vorwärts. An der Börse, wo vollkommen imaginäre Werte von Hand zu Hand flogen, war Russisch nahezu schon offizielle Geschäftssprache geworden. Deutsche Häuser, Fabriken, Landgüter wurden von Russen gehamstert, die sie nie gesehen hatten und auch niemals sehen wollten. Wahre russische Hofhaltungen entstanden in den Vororten mit Autopark und Silberschatz, oft auch mit wundervollsten Bibliotheken, mit Innenausstattungen von hinterindischem Prunk – in heimatlicher, weiträumiger Gastfreundschaft jedermann jederzeit geöffnet und darum auch von deutschen und ausländischen Schmarotzern reichlich bevölkert. Das von hier aus dann auch altrussische Methoden auf das deutsche Beamtenkorps überzugreifen begannen, ist ja leider bekannt genug. So ging es bis zur großen Reinigungskrise der Stabilisierung. Und da allerdings schlug der Blitz am krachendsten in die Firmen, die russisch-jüdische Namen trugen: Barmat, Holzmann, Kutisker. []

Heute ist das Gros der russischen Emigration aus Berlin verschwunden. Der kalte Schrecken am Fall der Großen, das teure Leben in Deutschland hat sie davongefegt — nach Frankreich, nach Italien. Was hier zurückgeblieben ist, ist kaum noch zu bemerken, weil es diejenigen Russen sind, die sich still assimiliert, die sich nicht mehr nur verdienend, sondern auch dienend dem deutschen Leben eingefügt haben. Es ist bezeichnend, daß die russischen Namen, die als letzte hier ins öffentliche Interesse rückten, die Namen von zwei Frauen sind, die mutig, geschickt und fleißig genug waren, sich im Exil durch redliche Arbeit eine eigene Existenz zu schaffen. Die eine, Zinaida Jurjewskaja, zwar hat ein heute noch dunkles tragisches Geschick aus einer Laufbahn seitab geführt, die voll Schimmer und Hoffnung begonnen hatte. Die andere, Sonja Jovanowitsch aber wurde im halb heiteren, halb ernsten Kampf Berliner Modefirmen zur Schönheitskönigin gekrönt — eine Krönung, die, wenn man will, nicht nur der jugendlichen Anmut, sondern auch der Tapferkeit gegolten haben mag, mit der dieses junge Mädchen aus bester Petersburger Bürgerfamilie sich nicht gescheut hat, ganz von unten als Mannequin anzufangen. []

Quelle: Werner Richter, „Russen in Berlin“, Das Leben, Bd. 4, H. 8, Februar 1927, S. XI. Online verfügbar unter: https://www.arthistoricum.net/werkansicht/dlf/81706/112/0/