Quelle
Martin Luther an seine Mutter Margarethe verw. Luther.
[Wittenberg,] 20. Mai 1531.
Gnad und Friede in Christo Jesu, unserm Herrn und Heiland, Amen.
Mein herzliebe Mutter! Ich hab die Schrift meines Bruders Jacobs von Euer Krankheit empfangen, und ist mir ja herzlich leid, sonderlich daß ich nicht kann leiblich bei Euch sein, wie ich wohl gerne wäre; aber doch erscheine ich hie mit dieser Schrift leiblich, und will ja nicht von Euch sein geistlich, sampt allen den Unsern.
Wiewohl ich aber hoffe, daß Euer Herz ohn das längest und reichlich gnug unterricht, und (Gott Lob) sein tröstlich Wort wohl innen habt, dazu mit Predigern und Tröstern allenthalben versorget seid, so will ich doch das Meine auch tun und meiner Pflicht nach mich Euer Kind und Euch für meine Mutter erkennen, wie unser beider Gott und Schöpfer uns gemacht und gegen einander verpflicht hat, damit ich zugleich den Haufen Euer Tröster vermehre.
Erstlich, liebe Mutter, wisset Ihr von Gottes Gnaden nu wohl, daß Euer Krankheit seine väterliche gnädige Rute ist, und gar ein geringe Rute gegen die, so er uber die Gottlosen, ja auch oft uber seine eigene liebe Kinder schickt, da einer geköpft, der ander verbrannt, der dritte ertränkt wird, und so fortan, daß wir allesampt müssen singen: Wir werden um deinen willen täglich getötet und sind gleich wie die Schlachtschafe. Darumb Euch solche Krankheit nicht soll betrüben noch bekümmern, sondern sollet sie mit Dank annehmen, als von seiner Gnaden zugeschickt, angesehen, wie gar ein geringes Leiden es ist, wenn es gleich zum Tode oder Sterben sollt, gegen das Leiden seines eigen lieben Sohns, unsers Herrn Jesu Christi, welches er nicht für sich selbs, wie wir, leiden müssen, sondern für uns und unser Sünde erlitten hat.
Zum andern wisset Ihr, liebe Mutter, auch das rechte Häuptstück und Grund Euer Seligkeit, worauf Ihr Euren Trost setzen sollt in dieser und allen Nöten, nämlich den Eckstein, Jesum Christum, der uns nicht wanken noch feilen wird, auch uns nicht sinken noch untergehen lassen kann. Denn er ist der Heiland und heißt der Heiland aller armen Sünder und aller, die in Not und Tod stecken, so auf ihn sich verlassen und seinen Namen anrufen.
Er spricht: Seid getrost, ich hab die Welt uberwunden. Hat er die Welt uberwunden, so hat er auch gewißlich den Fürsten der Welt mit aller seiner Macht uberwunden. Was ist aber seine Macht anders denn der Tod, damit er uns unter sich geworfen, umb unser Sünde willen gefangen hatte? Aber nu der Tod und Sünde uberwunden ist, mügen wir fröhlich und tröstlich das süße Wort hören: Seid getrost, ich hab die Welt uberwunden. Und sollen ja nicht zweifeln, es sei gewißlich wahr, und nicht allein das, sondern uns wird auch geboten, daß wir sollen mit Freuden uns solches Trosts annehmen und mit aller Danksagung. Und wer sich solche Wort nicht wollt trösten lassen, der tät dem lieben Tröster Unrecht und die größte Unehre, gleich als wäre es nicht wahr, daß er uns heißt getrost sein, oder als wäre es nicht wahr, daß er die Welt hätte uberwunden, damit wir den uberwunden Teufel, Sünde und Tod uns selbs wieder zum Tyrannen stärken wider den lieben Heiland, da uns Gott fur behüte.
Derhalben mügen wir nu mit aller Sicherheit und Freudigkeit uns freuen, und wo uns will etwa ein Gedanken von der Sünde oder Tod erschrecken, wir dagegen unser Herz erheben und sagen: Siehe, liebe Seele, wie tust du? Lieber Tod, liebe Sünde, wie lebest du und schreckest mich? Weißt du nicht, daß du uberwunden, und du, Tod, gar tot bist? Kennest du nicht einen, der von dir sagt: Ich hab die Welt uberwunden? Mir gebührt nicht dein Schrecken zu hören, noch anzunehmen, sondern die Trostwort meines Heilands: Seid getrost, seid getrost, ich hab die Welt uberwunden.
Das ist der Siegmann, der rechte Held, der mir hiemit seinen Sieg gibt und zueigent: Seid getrost! Bei dem bleib ich, des Worts und Trosts halte ich mich, darauf bleibe ich hie, oder fahre dorthin, er leuget mir nicht. Dein falsches Schrecken wollt mich gerne betriegen und mit Lügengedanken von solchem Siegmann und Heiland reißen, und ist doch erlogen, so wahr es ist, daß er dich uberwunden, und uns getrost zu sein geboten hat.
Also rühmet St. Paulus auch, und trotzet wider des Todes Schrecken: Der Tod ist verschlungen im Sieg: Tod, wo ist dein Sieg? Hölle, wo ist dein Stachel? Schrecken und reizen kannst du, wie ein hülzern Todesbilde, aber Gewalt hast du nicht zu würgen. Denn dein Sieg, Stachel und Kraft ist im Sieg Christi verschlungen; die Zähne magst du blecken, aber fressen kannst du nicht. Denn Gott hat uns den Sieg wider dich gegeben, durch Jesum Christum, unsern Herrn, dem sei Lob und Dank gesagt, Amen.
Mit solchen Worten und Gedanken, liebe Mutter, lasset sich Euer Herz bekümmern, und sonst mit nichte, und seid ja dankbar, daß Euch Gott zu solchem Erkenntnis bracht hat und nicht lassen stecken in dem päpstischen Irrtum, da man uns gelehrt hat, auf unser Werk und der Mönchen Heiligkeit bauen und diesen einigen Trost, unsern Heiland, nicht für einen Tröster, sondern für einen grausamen Richter und Tyrannen halten, daß wir von ihm zu Maria und den Heiligen haben müssen fliehen und uns keiner Gnaden noch Trost zu ihm haben versehen können.
Aber nu wissen wir’s anders von der grundlosen Güte und Barmherzigkeit unsers himmlischen Vaters, daß Jesus Christus unser Mittler und Gnadenstuhl ist und unser Bischof im Himmel fur Gott, der uns täglich vertritt und versühnet, alle, die nur an ihn gläuben und ihn anrufen, und nicht ein Richter ist noch grausam, ohn allein uber die, so ihm nicht gläuben noch seinen Trost und Gnad annehmen wollen. Es ist nicht der Mann, der uns verklagt noch dräuet, sondern der uns versühnet und vertritt durch seinen eigenen Tod und Blut, für uns vergossen, daß wir uns nicht fur ihm fürchten, sondern mit aller Sicherheit zu ihm treten und ihn nennen sollen: Lieber Heiland, du süßer Tröster, du treuer Bischof unser Seelen etc.
Zu solchem Erkenntnis (sage ich) hat Euch Gott gnädiglich berufen, des habt Ihr sein Siegel und Briefe, nämlich das Evangelium, die Taufe und das Sacrament, so Ihr höret predigen, also, daß kein Fahr noch Not mit Euch haben soll. Seid nur getrost und danket mit Freuden solcher großer Gnaden! Denn der es in Euch angefangen hat, wird es auch gnädiglich vollenden. Denn wir können uns selbs in solchen Sachen nicht helfen, wir mügen der Sünden, Tod und Teufel nichts abgewinnen mit unsern Werken, darumb ist da an unser Statt und für uns ein ander, der es baß kann und uns seinen Sieg gibt und befiehlet, daß wir’s annehmen, und nicht dran zweifeln sollen, und spricht: Seid getrost, ich hab die Welt uberwunden; und abermal: Ich lebe, und ihr sollet auch leben, und euer Freude soll niemand von euch nehmen.
Der Vater und Gott alles Trostes verleihe Euch durch sein heiliges Wort und Geist einen festen, fröhlichen und dankbaren Glauben, damit Ihr diese und alle Not müget seliglich uberwinden, und endlich schmecken und erfahren, daß es die Wahrheit sei, da er selbs spricht: Seid getrost, ich hab die Welt uberwunden. Und befehle hiemit Euer Leib und Seele in seine Barmherzigkeit, Amen.
Es bitten für Euch alle Eure Kinder und meine Käte. Etliche weinen, etliche essen und sagen: Die Großmutter ist sehr krank. Gottes Gnade sei mit uns allen, Amen.
Am Sonnabend nach Ascensionis Domini, MDXXXI.
Euer lieber Sohn
Mart. Luther.
Quelle: „Luther an seine Mutter Margarethe verw. Luther. [Wittenberg,] 20. Mai 1531“. In D. Martin Luthers Werke. Weimarer Ausgabe (Sonderedition). Abteilung 3: Briefwechsel. Band 6, S. 103–06. © 2002 Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger Weimar GmbH & Co in Stuttgart/Weimar. Online verfügbar unter: Carl Alfred Hase (Hrsg.), 275 Luther-Briefe: in Auswahl und Übersetzung (Leipzig: Breitkopf und Härtel, 1878), 244–247, https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=nnc1.1002649683.