Quelle
1. Martin Luther an seinen Sohn Johannes [Hänschen].
[Veste Coburg,] 19. Juni 1530.
Meinem hertzlieben Son Hensichen Luther zw Wittemberg
G. vnd f. in Christo! Mein hertzlieber Son, Ich sehe gern, das du wol lernest vnd vleissig bettest. Thue also, mein Son, vnd fhare fort. Wenn ich heim kome, so wil ich dir ein schon Jarmarckt mit bringen. Ich weis ein hubschen, schonen lustigen Garten. Da gehen viel Kinder innen, haben guldene Rocklin an vnd lesen schone Öpffel vnter den Beumen vnd Birnen, Kirsschen, spilling vnd pflaumen, singen, springen vnd sind frolich. Haben auch schone kleine Pferdlin mit gulden zeumen und silbern Setteln Da fragt ich den Man, des der Garten ist, Wes die Kinder weren? Da sprach er: Es sind die Kinder, die gern beten, lernen vnd from sein. Da sprach ich: Lieber Man, Ich hab auch einen Son, heisst Hensichen Luther, Mocht er nicht auch in den Garten komen, das er auch solche schone Opffel vnd Birne essen mochte vnd solche feine Pferdlin reiten vnd mit diesen Kindern spielen? Da sprach der Man: Wenn Er gerne bettet, lernet vnd from ist, So sol er auch in den Garten komen. Lippus vnd Jost auch. Vnd wenn sie allzusamen komen, so werden sie auch pfeiffen, Paucken, lauten vnd allerley andere Seitespiel haben, auch tantzen vnd mit kleinen Armbrüsten schiessen. Vnd er zeigt mir dort eine feine wiesen im Garten, zu tantzen zugericht, da hiengen eitel guldene pfeiffen vnd Paucken vnd feine silberne Armbruste. Aber es war noch frue, das die Kinder noch nicht gessen hatten, darumb kundte ich des Tantzes nicht erharren, vnd sprach zu dem Man: Ah, lieber Herr, Ich wil flux hingehen vnd das alles meinem lieben Son Hensichen schreiben, das er ia vleissig lerne, wol bete vnd from sey, auff das Er auch in diesen Garten kome. Aber er hat eine Müme Lene, die mus er mit bringen. Da sprach der Man: Es sol ia sein, Gehe hin vnd schreibs im also.
Darumb, lieber Son Hensichen, lerne vnd bete ia getrost vnd sage es Lippus vnd Justen auch, das sie auch lernen und beten, So werdet ir mit ein ander in den Garten komen. Hie mit bis dem lieben Gott befolhen vnd grusse Mume Lenen vnd gib ir einen Bus von meinet wegen.
Dein lieber Vater
Martinus Luther.
Quelle: „Luther an seinen Sohn Hänschen. [Veste Coburg,] 19. Juni 1530“. In D. Martin Luthers Werke. Weimarer Ausgabe (Sonderedition). Abteilung 3: Briefwechsel. Band 5, S. 377–78. © 2002 Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger Weimar GmbH & Co in Stuttgart/Weimar. Online verfügbar unter: Carl Alfred Hase (Hrsg.), 275 Luther-Briefe: in Auswahl und Übersetzung (Leipzig: Breitkopf und Härtel, 1878), 224–25, https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=nnc1.1002649683.
2. Martin Luther an seinen Sohn Johannes.
27. Januar 1537 (?).
Gnade und Frieden im Herrn. Bisher haben mir, mein liebster Sohn, Deine Studien und die Briefe, die Du mir geschrieben hast, gefallen. Wenn Du so fortfährst, machst Du nicht nur mir als Deinem Vater, der Dich liebhat, eine Freude, sondern es wird auch vor allem Dir selbst nützen, daß Du nicht den Anschein erweckst, aus der Art geschlagen zu sein. Deshalb sorge dafür, daß Du, was Du begonnen hast, fleißig fortführst. Denn Gott, der geboten hat, daß die Kinder ihren Eltern gehorsam sein sollen, hat den gehorsamen Kindern auch seinen Segen verheißen. Siehe zu, daß Du auf diesen Segen allein Deinen Blick richtest und Dich nicht etwa durch schlechte Vorbilder davon abbringen läßt. Denn derselbe Gott hat auch den ungehorsamen Kindern den Fluch angedroht. Fürchte also Gott, den segnenden und den fluchenden, der, wenn er auch seine Verheißungen und Drohungen zum Verderben der Bösen aufschiebt, sie doch ganz schnell erfüllt zum Heil der Guten. Fürchte also Gott und höre auf Deine Eltern, die gewiß nur das Beste für Dich wollen, und fliehe schändliche und unehrenhafte Gesellschaft. Deine Mutter grüßt Dich von Herzen, desgleichen Muhme Lehne, ebenso Deine Schwestern und Brüder, die auch alle einen guten Fortgang und ein glückliches Ende Deiner Studien wünschen. Die Mutter läßt Dir sagen, Du sollest Deinen Lehrer und seine Frau grüßen. Außerdem, wenn sie mit Dir hier sein wollten zur Fastnacht, d.h. in den fröhlichen Tagen, so könnte es gerne sein, weil ich ja dann nicht da bin. Muhme Lehne bittet sehr darum. Leb wohl, mein Sohn, und lerne und höre auf die Ermahnungen guter Leute. Der Herr sei mit Dir. Gegeben am Samstag nach Pauli Bekehrung 1537.
Martinus Luther,
Dein leiblicher und geistlicher Vater.
Quelle der deutschen Übersetzung: „An seinen Sohn Johannes. 27. Januar 1537 (?)“. In Martin Luther, Ausgewählte Schriften, Band 6, S. 180–81. © Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig 1995.
Quelle des lateinischen Originals: „Luther an seinen Sohn Johannes. [Wittenberg,] 27. Januar 1537 (?)“. In D. Martin Luthers Werke. Weimarer Ausgabe (Sonderedition). Abteilung 3: Briefwechsel. Band 8, S. 18–20.