Kurzbeschreibung

Dieser Spiegel-Artikel thematisiert den Widerstand gegen und die Ernüchterung über den Feminismus sowohl in den Vereinigten Staaten wie in Westdeutschland. Die Autoren des Artikels rufen die Anfänge der feministischen Bewegung in Erinnerung und setzen sich mit den Gründen für den Einstellungswandel auseinander. Vor allem aber fordern sie differenziertere Bewertungen der Stellung der Frau in der Gesellschaft: Die Erfahrung einer Frau ist nicht gleich der einer anderen. Vielmehr seien die Erfahrungen und Interessen von Frauen vielfältig und divergierend.

Feminismus trifft auf Widerstand (1975)

Quelle

Frau ’75: „Grosse Erotische Mutter“

Ist die Befreiung der Frauen von traditionellen Fesseln und Vorurteilen an ihr Ende gekommen? Hat der Wind sich gedreht, gibt es auch hier eine Tendenzwende? Sind traditionelle Werte, ist Mutterschaft wieder gefragt? Wollen Frauen lieber feminin als feministisch sein? Beobachtungen in den USA und in der Bundesrepublik zeigen: Ein Trend zurück zur Weiblichkeit ist unverkennbar, aber die Emanzipation kriecht unaufhaltsam voran.

Das Düsseldorfer „Kom(m)ödchen“ brachte das Thema der Saison aufs Kababrett. Hunderttausende von Fernsehzuschauern waren, mitten im Jahr der Frau, Zeugen folgender Szene: Sklavinnen, in Ketten geschlagen, rühren im Rumpf einer Galeere die Ruder – bis sie jäh entdecken, daß ihre Fesseln nicht verschlossen sind. Kurzes Palaver, dann beugt die Frauenschaft aufs neue den Rücken. „Wir“, sagt eine, „sind ja so daran gewöhnt.“

Was sich heute kämpferisch als Bewegung der Frauen versteht, begann, wie zuvor schon in den USA, fast gleichzeitig mit den Protesten aufsässiger Studenten. Es war ein Protest im Protest. Die Frauen vom SDS in Berlin waren es leid, in der Küche immer nur Stullen zu schmieren, während sich ihre Genossen draußen als die großen Polit-Zampanos wichtig taten.

Auf dem SDS-Kongreß in Hannover, November 1968, besetzten 15 SDSlerinnen das Mikrophon und verteilten Flugblätter. Auf ihnen war eine Nackte mit Hackebeil abgebildet, auf einem Sofa liegend, über ihr sechs männliche Glieder prominenter, namentlich ausgeschilderter Genossen, wie Hirschgeweihe in einem Jägerwinkel an der Wand aufgereiht. Dazu die Parole: „Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen.“

An der Frankfurter Universität bewarfen Apo-Mädchen ihre autoritären Genossen mit Tomaten. Seitdem, zusätzlich politisiert durch jahrelangen Kampf um die Reform des Paragraphen 218 („Mein Bauch gehört mir“), gibt es auch in der Bundesrepublik eine feministische Bewegung.

Die Zahl ihrer Mitglieder, verteilt auf Gruppen, Grüppchen, Zirkel, Vereine und Poren, wird mittlerweile auf etwa 20 000 geschätzt. Jede tausendste der rund 20 Millionen Republikanerinnen zwischen 17 und 70 geriert oder empfindet sich als aktive Feministin.

Ginge es nur um die Zahl, man könnte sich mit einer Reportage über eine sektiererische Bewegung, wie über Maoten und Chaoten, begnügen. Gemeinsam sind der Bewegung nicht so sehr Organisationsformen wie Endziele: Aufhebung der geschlechtsspezifischen Rollenverteilung und Abschaffung des Patriarchats, der Männerherrschaft in Gesellschaft und Politik.

Jene beiden Frauengruppen in der Bundesrepublik, die sich am ehesten benachteiligt fühlen könnten, die Arbeiterinnen am Fließband und die kinderreichen Frauen, haben mit dem Feminismus am wenigsten im Sinn. Aber auch das ist weder neu noch verwunderlich, daß nicht die Unterdrückten selbst den Protest gegen ihre eigene Unterdrücktheit anführen, sondern wortmächtige Privilegierte. Alice Schwarzer etwa, die derzeit bekannteste westdeutsche Feministin, ist nicht gerade das, als was sie Deutschlands Frauen sieht: „Sklavinnen in einer Männergesellschaft“.

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Schließlich meinen, laut SPIEGEL-Umfrage, 53 Prozent der westdeutschen Frauen, ihre Gleichberechtigung stehe, „noch auf dem Papier“.

Desto verwunderter registrieren führende Feministinnen Anno 1975, im ominösen Jahr der Frau, eine Art Tendenzwende: weg vom Leitbild der auch vom Ehemann selbständigen, hin zur weiblichen Frau, die ihre Rolle akzeptiert. Nicht nur Ernüchterung ist aufgekommen, sondern schlicht Gegenwind. Oder, um mit Gloria Steinern [sic] diesem Urbild einer attraktiven Feministin, zu reden: „Es hat eine Menge Rückschläge gegeben.“ Dazu Rita Mac Brown von der amerikanischen „Women‘s Lib“-Bewegung: Hier handele es sich nicht um Rückschläge, sondern um eine veritable „Gegenoffensive“. Ihr sekundiert Alice Schwarzer: „Die Konterrevolte marschiert.“

Verblüfft konstatiert die Schwarzer, sogar Kritik an der Doppelbelastung berufstätiger Mütter – dies gewiß kein „schickes“ Thema bisheriger Frauenbewegung – wirke neuerdings „mehr einschläfernd als alarmierend“. Das Heimchen-am-Herd-Leitbild früherer Jahre scheine wieder im Kommen, wieder „en vogue“.

Keine Feministin, sondern die Schwarzer-Beschimpferin Esther Vilar, Ärztin und Mutter, hat in Deutschland hohe Auflagen, die den Mann „in einseitiger Abhängigkeit von Frauen“ sieht,

Kaum denkbar wäre vor drei Jahren noch ein Roman wie „Die Mutter“ von Karin Struck gewesen, der von der Sehnsucht handelt, „fruchtbar wie ein Acker“ zu sein, und Schwangerschaften als Stationen auf dem Weg zur Freiheit preist, zur „Großen Erotischen Mutter“.

Auf seiner jüngsten LP besingt Hamburgs Udo Lindenberg das triste Los eines Ehesklaven, der sich für die faule „Alte zu Hause“ abrackert: „Schon morgens saß sie vor der Glotze / mit Lockenwicklern im Haar. / Wenn er schlapp von der Maloche nach Hause kam / saß sie immer noch da.“

Der Mann muß arbeiten, die Frau keine Kinder kriegen. Die „Frauenpille“ überträgt ihr die alleinige Entscheidung. „Wir haben einen Streik“, behauptet der Bremer Sozialpädagoge Gunnar Heinsohn, „der funktioniert obwohl er gar nicht ausgerufen wurde – einen Gebärstreik.“

Dagegen die Maskulinisten: Jede dritte Ehe werde über eine erschlichene, jedenfalls nicht verabredete Empfängnis „beschleunigt herbeigeführt“. Briefaufkleber kursieren, mit der von anonymen Autoren verbreiteten Frage: „Sollen wir uns weiter erpressen lassen?“

Das „Jahr der Frau“ nahm der „Hamburger Abendblatt“-Autor Hans-Jürgen Müller zum Anlaß, jener „armen Teufel“ zu gedenken, die „ein Leben lang für ihre Familie schuften, damit die um sechs Jahre höhere Lebenserwartung der Frau auch finanziell gesichert ist“.

Ihm antwortet, wenn auch nicht direkt, die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag, die den Kampf um die Befreiung der Frauen mit dem „Kampf gegen den Faschismus“ gleichsetzt. Frauen wären demnach die schlechteren Faschisten und die besseren Menschen?

Die Widersprüche der Frauenbewegung sind da zuerst aufgebrochen, wo sie entstanden ist, in den USA. Wahrgenommen werden sie mittlerweile auch schon in Deutschland. Ob gegen oder nur ohne die Männer, ob gegen die Institutionen oder im konkurrierenden langen Marsch durch die Institutionen, als „Hiwis“ der Männergesellschaft gewissermaßen; ob für Gleichberechtigung oder für prinzipielle Andersartigkeit; ob das Patriarchat der Hauptfeind sei oder der Kapitalismus! Faschismus männlicher Prägung; ob Kinderkriegen oder nicht, ob nur lesbisch oder nur auch lesbisch – darüber herrscht in der Praxis keine Einigkeit, und schon gar nicht in der Theorie. Gesine Strempel von der Berliner Frauengruppe „Brot und Rosen“: Die Frauen müßten „ihre Utopie in einer feindlichen Umgebung schrittweise verwirklichen“. Welche Utopie?

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Zwar ist der neue Trend gegen die Frauenemanzipation unbestreitbar, aber über die Gründe wird gestritten. Die Hamburger Autorin Lottemi Doormann sieht einen „diffusen Meinungsbildungsprozeß“. Am leichtesten tun sich die Marxisten, und klar zu Tage liegt ja, daß ökonomische Krisen den ökonomisch Schwachen, lies die Frauen, am ehesten treffen und am weitesten zurückwerfen. Stärkung der Hausfrauen-Ideologie sei dann zwangsläufig die Folge.

Das stimmt wohl, aber das allein bringt es nicht. Sklaven, wie es die marxistische und die Frauen-Ideologie wollen, sind in der Bundesrepublik nun einmal weder die Männer noch die Frauen. Man kann auch nicht ernsthaft behaupten, daß es mit den Frauen seit Bestehen dieses Staates „nur bergab“ gegangen sei, wie ein Feministinnen-Slogan wissen will – gerade so, als stünde derzeit nicht in Bonn eine Reform des Ehe- und Familienrechts an, gerade so, als wären fast alle der für Frauen restriktiven Rechtsbarrieren nicht praktisch schon beiseite geschafft.

Daß „alle Frauen“ von „allen Männern“ unterdrückt würden – diese vermeintliche Erkenntnis, krude Übertragung des marxistischen Klassenbegriffs auf die Geschlechter, ist im Grunde genauso erhellend und so nichtssagend wie die Behauptung, daß „der Sitz der großen Menschheitsteilung zwischen den Beinen ist“. Die Neo-Feministinnen gingen und gehen in verständlicher Übertreibung davon aus, daß die Existenz zweier Geschlechter der Hauptwiderspruch der Gegenwart sei – gerade so, als wären, wie eh und je, die Sexualgrenzen nicht überlagert von Schicht- und Interessengegensätzen.

Wo inmitten der 24 Millionen westdeutschen Frauen denn nun wirklich die Grenzlinie zwischen Benachteiligten und Begünstigten verläuft – diese Kernfrage wird in aller Regel gar nicht erst gestellt; noch immer wird am liebsten über die Frau räsoniert, die es offensichtlich gar nicht gibt.

Dabei ist offenkundig, daß Oberschicht-Frauen, womöglich kinderlos und mit Personal versehen, keineswegs zu den Mühseligen und Beladenen im Land zählen. Nicht minder eindeutig ist, daß etwa Arbeitnehmerinnen, die sich nach Feierabend – ohne Unterstützung durch ihren Ehemann – noch im Haushalt plagen müssen, alles andere sind als Luxusweibchen. Viele von ihnen werden, wie die praktische Ärztin Maria Helmrich in der Gewerkschaftszeitung „Welt der Arbeit“ berichtete, binnen weniger Jahre „aufgebraucht und verschlissen“; die Lebenserwartung berufstätiger Frauen ist mittlerweile auf 68,5 Jahre gesunken – immer ist sie noch höher als die berufstätiger Männer.

Fraglich ist aber schon, ob für die Doppelbelastung berufstätiger Mütter vor allem die Väter verantwortlich sind, die zwar, einer älteren DGB-Erhebung zufolge, zu 80 Prozent partnerschaftliche Aufteilung der Hausarbeit bejahen, sie aber nur zu 20 Prozent wirklich praktizieren.

Manches deutet nämlich darauf hin, daß auch weibliche Bewußtseins-Barrieren einer gerechten Aufteilung der Hausarbeit zwischen berufstätigen Ehepartnern im Wege stehen. So zitiert der DGB in seiner Frauen-Untersuchung eine berufstätige Mutter, die sich in einem Atemzug über ihre Doppelbelastung beklagt und auf den Hinweis der Mann könne doch im Haushalt helfen, herausplatzt: „Bei uns nebenan wohnt auch so ein Simpel.“

Dennoch: Die soziale Position der doppelbelasteten Erwerbstätigen ist, ebenso wie die der Oberschicht-Frau, noch relativ einfach auszumachen. Zwischen diesen Fixpunkten jedoch verschwimmen die Konturen – vor allem, wenn es um die Einschätzung der größten weiblichen Fraktion im Lande geht: jener knapp 15 Millionen Frauen, die nicht erwerbstätig sind.

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Wie aber diese Frauen leben, was sie denken, sagen -- das alles ist bislang vorwiegend Gegenstand von Spekulation gewesen: Den einen gilt die Hausfrauen-Existenz noch immer oder schon wieder als das „wahre Glück der Frauen“ („Bild“); für andere, die sich für aufgeklärter halten, ist Hausarbeit nach wie vor gleichbedeutend mit Rückständigkeit und Beschränktheit.

Halbwegs brauchbare Zahlenangaben über die deutsche Hausfrau, deren Wirken so widersprüchlich gewertet wird, liegen erst vor, seit die Gießener Soziologie-Professorin Helge Pross die Resultate einer Untersuchung über nicht erwerbstätige Ehefrauen zwischen 18 und 54 Jahren veröffentlicht hat. Ein Teilergebnis dieser Studie machte sogleich Schlagzeilen: Die Professorin, honoriert von der Hamburger Frauenzeitschrift „Brigitte“, hatte herausgefunden, daß unter den Hausfrauen nach deren eigenem Bekunden „allgemeine Zufriedenheit“ herrscht.

Feministinnen schimpften die Wissenschaftlerin denn auch prompt eine „Frauenfeindin“. Manche dieser Argumente haben Gewicht. Wenn, so argumentiert beispielsweise die Berliner Psychologin Renate Stefan, Hausfrauen selber „Zufriedenheit“ zu Protokoll geben, sei das „eben nur ein Zeichen dafür, wie sehr die ausweglos erscheinenden Verhältnisse die Frauen zwingen, ihre eigene Unterdrückung und Ausbeutung zu bejahen“.

Eine Vielzahl von Fakten, die Helge Pross zutage förderte, macht allerdings deutlich, daß im deutschen Hausfrauen-Haushalt von Unterdrückung und Ausbeutung so recht nicht die Rede sein kann. Zwar arbeitet die deutsche Durchschnittshausfrau wöchentlich rund 60 Stunden; „normalerweise“ jedoch ließen sich die Aufgaben „ohne großen Verschleiß“ und ohne „physisch ruinöse Arbeit“ erledigen.

Die Mehrheit der Haushalte, in denen Voll-Hausfrauen wirken, ist mittlerweile mit Zentralheizung, Waschmaschine, Kühlschrank, Staubsauger und Gefriertruhe ausgestattet. Und gegenüber Berufstätigen, so konstatiert Helge Pross, genießen die meisten Hausfrauen eine deutliche Vorzugsstellung: "Ihre Arbeitsstunden sind nicht so durchorganisiert wie die Arbeitsstunden der vollbeschäftigten Arbeitnehmerinnen. Sie unterliegen keiner so unverrückbaren Einteilung wie die Arbeiten in der Fabrik, im Büro, im Ladengegeschäft."

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Nicht minder falsch als das Stereotyp von der Isolation scheint die Vorstellung. die westdeutsche Hausfrau sei in Geldsachen noch immer abhängig vom Manne. Denn im ehelichen Finanzwesen haben sich mittlerweile Änderungen vollzogen, die, so die Frauenforscherin, „fast einer Revolution“ gleichkommen: Nur noch vier Prozent der Männer sind alleinige Kontoinhaber; in jeder zweiten Ehe wird über Geldausgaben gemeinsam entschieden in jeder dritten allein von der Frau und nur in jeder vierten allein vom Ernährer.

Auch die Aufteilung der Arbeit innerhalb und außerhalb des Hauses halten die meisten der nicht erwerbstätigen Hausfrauen für fair. Durchweg stimmten die Befragten der Ansicht zu, „daß der Mann mit seiner Tagesarbeit genug für die Familie geleistet hat und nicht noch zusätzlich belastet werden sollte“.

Den 60 Wochenstunden der Hausfrau, mit denen sie gewöhnlich laut Selbstauskunft „nicht überfordert“ ist, stehen im Schnitt rund 45 Wochenstunden des Mannes gegenüber, die „wahrscheinlich anstrengender“ und „stärker normiert und kontrolliert“ sind; hinzu kommen diverse männliche Feierabend- und Wochenendleistungen in Haus, Garten und Garage. Fazit laut Helge Pross: Nach der Gesamtarbeitszeit sind die Durchschnittshausfrau und ihr Durchschnittsmann „einander im wesentlichen gleichgestellt“.

So überrascht kaum, daß die meisten deutschen Hausfrauen ihrem Manne keineswegs gram sind (drei Viertel nennen ihre Ehe „gut“ oder „sehr gut“) und „Zufriedenheit“ mit ihrem Dasein zu Protokoll geben (ebenfalls drei Viertel).

Allerdings: Neben der Überzahl der Zufriedenen gibt es Minderheiten, „die mit ihrer Lebensweise keineswegs in Einklang sind“. Erschöpfte, verbitterte und überforderte Frauen machte Helge Pross zuhauf in der Gruppe der Kinderreichen aus.

Ganztagshausfrauen mit vier oder mehr Kindern leiden durchweg, ebenso wie Arbeitnehmerinnen mit drei und mehr Kindern, unter speziellen Bedrückungen: Sie sind zumeist besonders schlecht ausgebildet, an besonders schlechten Arbeitsplätzen tätig oder tätig gewesen und mit besonders schlecht verdienenden Männern verbunden.

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Quelle: „Frau ’75: Grosse Erotische Mutter,“ Der Spiegel, Nr. 2, 29. Juni 1975, S. 30–41. Online verfügbar unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41496347.html © DER SPIEGEL. Wiedergabe auf dieser Website mit Genehmigung des Spiegel Verlags.