Kurzbeschreibung

Die DDR-Zensur fing diesen Brief ab, in dem ein Ostdeutscher einem Westdeutschen für ein Paket dankt. Der Brief berichtet ausführlich über den täglichen Frust, in einer „Mangelwirtschaft“ zu leben, in der zwar die Grundversorgung gesichert war, doch attraktivere Waren nur schwer zu bekommen waren.

Mangelwirtschaft (10. Mai 1980)

Quelle

Frau W. aus Ost-Berlin an Christine M. nach Elmshorn am 10.05.1980
Schreiber: Familie W.
Empfänger: Christine M.

Berlin 10. Mai 80

Liebes Fr. M.!

Besten Dank für Ihren Brief vom 25.4. Wir freuen uns immer sehr, wenn wir etwas von Ihnen hören, und dabei haben wir das Gefühl nicht gänzlich von der Außenwelt abgeschnitten zu sein. Wenn uns auch Welten trennen so ist es doch sehr schön zu wissen daß jemand existiert der an uns denkt.

Nun Sie schreiben daß die Lage bei uns Sie überrascht und Sie verunsichert. daß glaube ich Ihnen das geht ja uns selbst so trotzdem wir hier schon seit 30 Jahren leben sind wir immer noch nicht so weit ohne anstehen und herum zulaufen die einfachsten Dinge des Lebens zu kaufen und von gewissen Luxusartikeln ganz zu schweigen. Bei uns hier im Lande muß man unterscheiden wo man wohnt, was man verdient und ob man der einen Partei angehört die es bei uns gibt. In den kleinen Städten und Dörfern leben die Menschen wie auf dem Mond und Ihre Kollegin hat recht wenn sie sagt, daß man dort nichts kaufen kann. die Menschen dort sind zu bewundern daß sie trotz allem sehr gastfreundlich sind und gemachte Urlaubsbekanntschaften werden über Jahre gepflegt. Sie bestehen zwar nur aus Briefe schreiben und Pakete mit Dingen zu schicken die es dort vielleicht nur 1x im Jahr gibt. Dazu gehören Sie werden es nicht glauben z.B. Waschpulver, Klopapier, Zahnpasta, Papiertaschentücher, Reiszwecken, Tapeten, Malerfarbe, Gips und viele andere Dinge. Außerdem werden zu Festtagen für Weihnachten z.B. Bananen, oder Apfelsinen, Dauerwürste, Fischkonserven, Zitronen und solche Dinge verschickt. Oder die Leute aus Thüringen, dem Erzgebirge oder von der Ostsee kommen für einen Tag nach Berlin und stellen sich selber Stunden lang an um diese Dinge zu kaufen. Berlin wird immer noch am besten beliefert und wenn es auch manchmal kein Waschpulver, Spülmittel und solche Dinge gibt so tauchen sie doch öfter im Jahr wieder in den Läden auf und wenn man es entdeckt muß die ganze Verwandtschaft gleich los und muß kaufen weil jeder nur 2x nehmen darf egal was es ist. Und wenn man beim Fleischer einmal außer Kochwurst rohen Schinken erwischt und davon 300g haben möchte so heißt es jeder nur 150g es wollen noch mehr etwas haben. Genau so ist es mit Obst und Gemüse im Winter nur Kohl, Mohrüben in Konserven Grüne Bohnen, Rosenkohl, Grünkohl, Sauerkraut, Äpfel. Feinere Obstsorten wir Aprikosen, Pfirsich sauer Kirschen so gut wie garnicht im normalen Laden nur in den sogenannten Delikatläden wo sie wie Pralinen, Weine Sekt, Liköre, Gewürze u. viele Dinge von ihnen zu unverschämten Preisen erstehen können Wie zB 300g Feinkostspargel 19.Mark 300g Himbeeren 17.Mark Pralinen von 30,- – 80,- Mark, französisches Parfum 80 Mark ein ganz kleines Fläschchen. In diese Läden können nur die obersten Zehntausend gehen dafür reicht unser Geld nicht. Und in den Sommermonaten wo man jedes Jahr aufs neue denkt auch einmal vielleicht Spargel zu erhaschen wird man immer wieder enttäuscht, dieser wird an die Mitarbeiter von Großbetrieben und hauptsächlich in den Verkaufsstellen der Ministerien verkauft in den öffentlichen Verkaufsstellen ist da kaum was zu sehen und wenn fehlen dem Spargel die Köpfe die werden dann in den teuren Restaurants u. Interhotels verspeist. Ja das ist die vielgepriesene Planwirtschaft nichts klappt, nichts ist in Ordnung. Das Gleiche trifft auch für die sogenannten langlebigen Güter zu wie Waschmaschinen, Kühlschränke usw. Auch da kann man monate lang herum laufen um so was zu bekommen man kann aber auch Glück haben und es schon beim 1. Versuch erhalten das hängt mit der Planerfüllung der Herstellerfirmen zusammen. Z.B. Nähmaschinen bekommt man schon seit Jahren nicht, aber im Vertrag mit Kampochea den unsere Regierung gemacht hat werden diesem Land tausende geliefert. Für uns alle unverständlich nur um Einfluß in diesen Ländern zu gewinnen das ist Politik und daß der Kommunismus in diese Länder Einzug halten kann dafür sorgt unsere Regierung und weil die Sowjetunion nicht überall gleichzeitig sein kann hat sie an unserer Regierung tüchtige Helfer. Und für uns heißt es mehr u. mehr zu arbeiten ohne Lohnerhöhung der ist schon seit Jahren der Gleiche aber die Preise steigen. Aber Streik so wie jetzt in Norwegen ist garnicht möglich bei uns dafür wird schon gesorgt. Ich hoffe ich habe Ihnen eine kleine Aufklärung über unsere Alltagsprobleme geben können die zwar unverständlich sind aber trotzdem wahr. Und Sie sehen beide haben recht Petra und Ihre Kollegin. Herzliche Grüße.

Fam. W.

Quelle: Frau W. aus Ost-Berlin an Christine M. nach Elmshorn am 10. Mai 1980; Briefsammlung, Museumsstiftung Post und Telekommunikation. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Online verfügbar unter: https://www.briefsammlung.de/post-von-drueben/brief.html?action=detail&what=letter&id=1456&le_keyword=Briefmarken

Frau W. aus Ost-Berlin an Christine M. nach Elmshorn (10. Mai 1980)

Quelle: Frau W. aus Ost-Berlin an Christine M. nach Elmshorn am 10. Mai 1980; Briefsammlung, Museumsstiftung Post und Telekommunikation. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Online verfügbar unter: https://www.briefsammlung.de/post-von-drueben/brief.html?action=detail&what=letter&id=1456&le_keyword=Briefmarken  

Briefsammlung, Museumsstiftung Post und Telekommunikation

Mangelwirtschaft (10. Mai 1980), veröffentlicht in: German History in Documents and Images, <https://germanhistorydocs.org/de/zwei-deutsche-staaten-1961-1989/ghdi:document-5035> [01.03.2024].