Kurzbeschreibung

Sebastian Haffner, eigentlich Raimund Pretzel (1907–1999), war ein deutscher Journalist und Autor. 1938 wanderte er mit seiner Frau nach London aus, wo er über die Ursprünge des Ersten Weltkriegs und der Weimarer Republik schrieb. (Er benutzte ein Pseudonym, um Familienmitglieder in Deutschland zu schützen.) 1940 notierte Haffner seine Erfahrungen im nationalsozialistischen Deutschland in seinen Erinnerungen, die 2000 posthum veröffentlicht wurden (Geschichte eines Deutschen). Dieser spezielle Eintrag bezieht sich auf den von der Regierung angeordneten Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933. Der Boykott war die erste offizielle landesweite Regierungsaktion gegen die jüdische Bevölkerung Deutschlands. Die Aktion scheiterte schließlich daran, dass viele Deutsche die Maßnahmen für unangenehm hielten. Darüber hinaus erregte die Aktion international negative Aufmerksamkeit.

In diesem Auszug aus Geschichte eines Deutschen beschreibt Haffner seine Ängste, nachdem ein jüdischer Freund einen Tag vor dem Boykott scheinbar verschwunden war. Aus Sorge, dass sein Freund im nahegelegenen Konzentrationslager Oranienburg verhaftet und möglicherweise festgehalten worden sei, spekuliert Haffner über das Potenzial des Boykotts, als Beginn einer breiteren und schamloseren Gewalt zu dienen. Haffners Text macht deutlich, dass in den ersten Tagen der Diktatur bereits nicht-jüdische, nicht-nazistische Deutsche die Gefahren für Juden erkannt hatten.

Gedanken über den Alltag in einem Polizeistaat (1939)

Quelle

24

An diesem Abend hatte ich noch zwei merkwürdige kleine Erlebnisse. Das erste bestand darin, daß ich eine Stunde lang Todesangst um meine kleine Freundin Charlie ausstand. Unbegründete Angst – aber freilich nicht grundlose.

Der Anlaß war lächerlich genug. Wir verfehlten uns. Ich war vor dem Geschäftshaus mit ihr verabredet, wo sie tagsüber mit irgendwelcher Tipparbeit 100 Mark im Monat verdiente – sie war, wie gesagt, kein Türkenknabe, sondern ein kleines Mädchen aus einer kleinbürgerlichen, sorgenvollen und hartarbeitenden Familie. Das Haus war, um 7 Uhr, als ich ankam, bereits geschlossen und tot, mit abweisenden Rolläden vor den Eingängen. Es war ein jüdisches Haus. Niemand stand davor. Vielleicht war auch hier heute bereits die SA gewesen?

Ich setzte mich auf die Untergrundbahn und fuhr zu Charlies Wohnung. Ich stieg die Treppen einer großen Mietskaserne hinauf und klingelte. Ich klingelte zweimal und dreimal. Nichts rührte sich in der Wohnung. Ich ging hinunter zu einer Telefonzelle und rief das Geschäft an. Keine Antwort. Ich rief die Wohnung an. Keine Antwort. Ich stellte mich, sinnlos genug, an den Ausgang der Untergrundbahnstation, wo sie ankommen mußte, wenn sie von ihrem Geschäft nach Hause kam. Viele Leute strömten herein und heraus, unbelästigt und unaufgehalten wie jeden Tag; aber keine Charlie darunter. Ab und zu telephonierte ich wieder, höchst sinnloserweise.

Und die ganze Zeit empfand ich eine in den Kniekehlen ziehende äußerste Hilflosigkeit. War sie in ihrer Wohnung „abgeholt“ worden, aus dem Geschäft „mitgenommen“? Vielleicht schon am Alexanderplatz, vielleicht schon auf dem Weg nach Oranienburg, wo damals das erste Konzen­trationslager aufgemacht war? Man konnte nichts wissen. Möglich war alles. Der Boykott konnte eine bloße Demonstration sein; er konnte ebensogut – „Juda verrecke!“ – einen Vorwand für allgemeinen, befohlenen und disziplinierten Mord und Totschlag bedeuten. Die Ungewißheit darüber gehörte zu seinen feinsten, berechnetsten Effekten. Um ein jüdisches Mädchen am Abend des 31. März 1933 Todesangst zu empfinden, war nicht grundlos – auch wenn es unbegründet war.

In diesem Fall war es unbegründet. Nach einer Stunde ungefähr war plötzlich Charlies Stimme an ihrem häuslichen Telephon, als ich, schon völlig ohne jede Erwartung, wieder einmal anrief. Die Angestellten ihres Geschäfts hatten noch eine Stunde irgendwo gesessen und, ergebnislos, beratschlagt, was nun eigentlich werden sollte, nachdem sie offenbar ihre Stellen verloren hatten. Nein, SA war noch nicht dagewesen heute. „Entschuldige, es hat so lange gedauert. Ich saß schon die ganze Zeit auf Kohlen ...“ Und ihre Eltern? – Waren in einer Klinik bei einer Tante, die ausgerechnet heute ein Baby bekommen hatte, dem Gebot „Juda verrecke“ frech zuwiderhandelnd! Was nun freilich morgen mit ihr werden sollte, da doch die Klinik und der Doktor zu boykottieren waren... Schwer vorzustellen. Die Möglichkeit, die fünf Jahre später Wirklichkeit wurde, daß man die Kranken und Wöchnerinnen aus ihren Betten treiben würde, war schon irgendwie „drin“; man empfand sie dunkel, aber man konnte sich noch nicht ganz entschließen, sie auszusprechen. Alles, was der nächste Tag bringen würde, entzog sich einstweilen der Vorstellung.

Inzwischen empfand ich Erleichterung und das Gefühl, mich fürs erste ein wenig vor mir selbst lächerlich gemacht zu haben mit meiner Angst. Fünf Minuten später kam Charlie, durchaus chic anzusehen, mit einem schiefen Federhütchen auf dem Kopf: junges Großstadtmädchen zum abendlichen Ausgang gerüstet. Tatsächlich war unsere nächste Sorge, wo wir noch „hingehen“ sollten: Es war schon 9 vorbei, selbst fürs Kino schon zu spät – und irgendwo „hingehen“ mußten wir doch, dazu waren wir doch verabredet. Schließlich fiel mir etwas ein, was erst um halb zehn anfing, und wir nahmen ein Taxi und fuhren zur „Katakombe“.

Das alles hatte einen leichten Zug von Irrsinn, spürbar schon während man es erlebte, und sehr deutlich jetzt, da ich es abgerückt vor mir sehe: Eben erlöst von deutlichster Todesangst und vollständig gefaßt darauf, daß der nächste Tag wenigstens für einen von uns wirklich akute Todesgefahr bringen würde, sahen wir uns dennoch weder äußerlich noch innerlich verhindert, in irgendein Kabarett zu gehen.

Es ist typisch wenigstens für die ersten Jahre der Nazizeit, daß die ganze Façade des normalen Lebens kaum verändert stehen blieb: volle Kinos, Theater, Cafés, tanzende Paare in Gärten und Dielen, Spaziergänger harmlos flanierend auf den Straßen, junge Leute glücklich ausgestreckt an den Badestränden. Die Nazis haben das auch in ihrer Propaganda weidlich ausgenutzt: „Kommt und seht unser normales, ruhiges, fröhliches Land. Kommt und seht, wie gut es sogar die Juden bei uns noch haben.“ Den geheimen Zug von Wahnsinn, von Angst und Spannung, von „heute ist heut“ und Totentanzstimmung konnte man freilich nicht sehen – so wenig man es dem Bilde des prächtigen, sieghaft lächelnden jungen Mannes, das heute noch auf den Berliner Untergrundbahnhöfen mit der Unterschrift „Gut rasiert – gut gelaunt“ Reklame für eine Rasierklinge macht, ansehen kann, daß ebendiesem jungen Mann, den es darstellt, bereits vor vier Jahren wegen Hochverrats oder was man heute so nennt im Hof des Plötzenseer Gefängnisses der Kopf vom Rumpfe rasiert worden ist.

Es spricht freilich auch ein wenig gegen uns, daß wir mit dem Erlebnis der Todesangst und der letzten Ausgeliefertheit nichts Besseres anzufangen wußten als es, so gut wir konnten, zu ignorieren und uns in unserm Vergnügen nicht stören zu lassen. Ich glaube, ein junges Paar von vor hundert Jahren hätte mehr daraus zu machen gewußt – sei es selbst nur eine große Liebesnacht, gewürzt von Gefahr und Verlorenheit. Wir kamen nicht darauf, etwas Besonderes daraus zu machen, und fuhren eben ins Kabarett, da uns keiner daran hinderte: erstens weil wir es sowieso getan hätten, zweitens, um so wenig wie möglich an das Unange­nehme zu denken. Das mag sehr kaltblütig und unerschrocken aussehen, ist aber wahrscheinlich doch ein Zeichen einer gewissen Gefühls schwäche und zeigt, daß wir, wenn auch nur im Leiden, nicht auf der Höhe der Situation waren. Es ist, wenn man mir diese Verallgemeinerung hier schon gestatten will, überhaupt einer der unheimlichsten Züge des neuen deutschen Geschehens, daß zu seinen Taten die Täter, zu seinen Leiden die Märtyrer fehlen, daß alles in einer Art von halber Narkose geschieht, mit einer dünnen, kümmerlichen Gefühlssubstanz hinter dem objektiv Ungeheuerlichen: daß Morde begangen werden aus der Stimmung eines Dumme-Jungen-Streichs, daß Selbsterniedrigung und moralischer Tod hingenommen werden wie ein kleiner störender Zwischenfall, und selbst der physische Martertod nur ungefähr bedeutet „Pech gehabt“.

Wir wurden indessen für unsere Indolenz an diesem Tage über Gebühr belohnt, denn der Zufall führte uns gerade in die Katakombe, und dies war das zweite bemerkenswerte Erlebnis dieses Abends. Wir kamen an den einzigen öffentlichen Ort in Deutschland, wo eine Art Widerstand geleistet wurde – mutig, witzig und elegant geleistet wurde. Vormittags hatte ich erlebt, wie das Preußische Kammergericht mit seiner vielhundertjährigen Tradition ruhmlos vor den Nazis zusammenbrach. Abends erlebte ich, wie eine Handvoll kleiner Berliner Kabarettschauspieler ohne alle Tradition glorreich und mit Grazie die Ehre rettete. Das Kammergericht war gefallen. Die Katakombe stand.

Der Mann, der hier sein Fähnlein von Schauspielern zum Siege führte – denn jedes Feststehen und Haltungbewahren angesichts der morddrohenden Übermacht ist eine Art Sieg – war Werner Finck, und dieser kleine Kabarett-Conférencier hat ohne Zweifel seinen Platz in der Geschichte des Dritten Reichs – einen der wenigen Ehrenplätze, die darin zu vergeben sind. Er sah nicht aus wie ein Held, und wenn er schließlich doch beinah einer wurde, dann wurde er es malgré lui. Kein revolutionärer Schauspieler, kein beißender Spötter, kein David mit der Schleuder. Sein innerstes Wesen war Harmlosigkeit und Liebenswürdigkeit. Sein Witz war sanft, tänzerisch und schwebend; sein Hauptmittel der Doppelsinn und das Wortspiel, in dem er allmählich ein Virtuose wurde. Er hatte etwas erfunden, was man die „versteckte Pointe“ nannte – und freilich tat er je länger je mehr gut daran, seine Pointen zu verstecken. Aber seine Gesinnung versteckte er nicht. Er blieb ein Hort der Harmlosigkeit und Liebenswürdigkeit in einem Lande, wo gerade diese Eigenschaften auf der Ausrottungsliste standen. Und in dieser Harmlosigkeit und Liebenswürdigkeit saß als „versteckte Pointe“ ein wirklicher, unbeugsamer Mut. Er wagte es, über die Wirklichkeit der Nazis zu sprechen – mitten in Deutschland. In seinen Conférencen kamen die Konzentrationslager vor, die Haussuchungen, die allgemeine Angst, die allgemeine Lüge; sein Spott darüber hatte etwas unsäglich Leises, Wehmütiges und Betrübtes; und eine ungewöhnliche Trostkraft.

Dieser 31. März 1933 war vielleicht sein größter Abend. Das Haus saß voller Leute, die in den nächsten Tag wie in einen offenen Abgrund starrten. Finck machte sie lachen, wie ich nie ein Publikum lachen gehört habe. Es war ein pathetisches Lachen, das Lachen eines neugeborenen Trotzes, der Betäubung und Verzweiflung hinter sich Heß, und die Gefahr half dieses Lachen nähren – war es nicht fast ein Wunder, daß die SA nicht schon längst hier war, um das ganze Haus zu verhaften? Wahrscheinlich hätten wir an diesem Abend noch auf dem Grünen Wagen weitergelacht. Wir waren auf eine unwahrscheinliche Weise über Gefahr und Angst hinweggehoben.

Quelle: Sebastian Haffner, Geschichte eines Deutschens: die Erinnerungen, 1914–1933. Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt, 2002, S. 148–53.
Quellenvermerk: Sebastian Haffner, Geschichte eines Deutschen.
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