Kurzbeschreibung

Im August 1947 zeichnete sich bereits ab, dass die Wiedererlangung größerer wirtschaftlicher und politischer Souveränität für Deutschland nur im Rahmen neuer europäischer Strukturen möglich sein würde. Dieser Prozess stieß bei den Deutschen in der amerikanischen Besatzungszone auf breite Zustimmung. Sie begrüßten mehrheitlich die Zusammenarbeit mit allen europäischen Staaten außer der Sowjetunion. Obwohl die Einzelheiten den meisten Deutschen noch nicht bekannt waren, bewerteten sie auch den Marshall-Plan, der umfangreiche amerikanische Hilfen für den Wiederaufbau der Wirtschaft in den europäischen Ländern in Aussicht stellte, positiv.

OMGUS-Umfragen: Deutsche Meinungen zur Organisation Europas (August 1947)

Quelle

Deutsche Meinungen zur Organisation Europas

Befragte: 3400 Personen in der amerikanischen Zone und im amerikanischen und britischen Sektor Berlins.

Untersuchungszeitraum: August 1947 (5 Seiten).

Dieser Bericht befasst sich mit den Reaktionen der Deutschen auf zwei Gegenstände, die mit der möglichen Organisation Europas zusammenhängen: die „Vereinigten Staaten von Europa“ und der Marshallplan.

Auf viele aktuelle Fragen reagierten die Deutschen apathisch, resigniert oder hartnäckig verblendet. Bei manchen Fragen jedoch, wie der ökonomischen und weltpolitischen Westorientierung, kristallisierten sich ihre Meinungen in eine positive Richtung. Auch bei innereuropäischen Fragen waren sie weitgehend westlich orientiert.

Auf die Aufforderung, aus einer Liste von 23 Ländern jene herauszusuchen, die ihrer Meinung nach Teil einer europäischen Nation werden sollten, entschieden sich unterschiedliche Mehrheiten für jedes der genannten Länder mit Ausnahme der Sowjetunion, für die sich 38 Prozent der AMZON-Befragten entschieden.

In diesem positiven Klima war es offensichtlich, dass der Marshallplan auf hohe Zustimmung stoßen würde. Doch im August 1947 war das Wissen der Menschen über diesen Plan weder umfassend noch eindeutig. Nur 47 Prozent behaupteten, davon gehört zu haben, und bei ungefähr der Hälfte dieser Gruppe war das Wissen darüber äußerst lückenhaft. Nicht überraschend stand der Bildungshintergrund im direkten Verhältnis zum Informationsstand. Nach einer kurzen Beschreibung des Plans wurden alle Testpersonen gefragt, ob er ihrer Meinung nach die wirtschaftlichen Schwierigkeiten Europas lösen würde; eine große Mehrheit in der amerikanischen Zone (78%) und sogar noch mehr West-Berliner (88%) bejahten die Frage. In ihrer Einschätzung über die Möglichkeiten, den Vorschlag von Außenminister Marshall umzusetzen, unterschieden sich die verschiedenen Bevölkerungsgruppen nicht signifikant. Es gab allerdings einen vielsagenden Faktor, der jene, die dem Plan vertrauten, von jenen unterschied, die es nicht taten. Unter denen, die dem Plan vertrauten, waren 75 Prozent überzeugt, die Vereinigten Staaten würden im kommenden Jahrzehnt den größten Einfluss auf die Geschicke der Welt ausüben, während nur 12 Prozent diese Rolle von der Sowjetunion erwarteten. Jene, die dem Marshallplan skeptisch gegenüber standen, neigten viel eher zur Annahme, die Sowjetunion würde in Zukunft eine dominierende Rolle spielen (27%) und erwarteten vergleichsweise seltener eine Vormachtstellung der Vereinigten Staaten (58%).

Quelle: A. J. und R. L. Merritt, Public Opinion in Occupied Germany, The OMGUS Surveys. Urbana, IL, 1970, S. 172–73.

Übersetzung: Erica Fisher